Architektur Im Prinzip ist es Kriminalistik

ARCH+ wird fünfzig. Die kluge Architekturzeitschrift versteht das Bauen politisch.

Von Laura Weißmüller

Die Kategorie ist irreführend. "Zeitschrift für Architektur und Städtebau" steht schlicht auf jeder Ausgabe von ARCH+. Doch wer nur eine in die Hand nimmt, der merkt schnell, dass hier deutlich mehr drin steckt als in anderen Magazinen, die sich mit dem Gebauten unserer Welt auseinandersetzen. Allein das Papier! Mal ist es grobkörnig und matt im Druck, dann leuchtend in der Farbe und fast spiegelglatt. Dann die Optik! Fotografie ist nur ein Element in der Bildsprache von ARCH+. Es gibt Infografiken, die so schön sind, dass man sie sich an die Wand hängen möchte, Collagen, Zeichnungen, Illustrationen. Und natürlich und nicht zuletzt: die Themen! In einer Gegenwart, in der quasi schon ein Architekturstudent einen Pressesprecher beschäftigt und die Öffentlichkeit von Computerzeichnungen in sanften Pastelltönen beschossen wird, gibt es keine Bauzeitschrift - mindestens in ganz Deutschland, wenn nicht sogar europaweit -, die so klug und weitsichtig, so unabhängig und umfassend ihre Inhalte auswählt.

Zeit für eine Gratulation, nicht nur, aber auch weil es die ARCH+ nun seit einem halben Jahrhundert gibt. Die aktuelle Ausgabe Nr. 229, die so viel Freude macht, wie so viele zuvor, mit Essays über die Krise als Strategie in der Moderne oder den Bubble-Architekturen-Hype der Swinging Sixties, mit Porträts von so überzeugenden Architekten wie den Amerikaner Michael Maltzan oder der junge Anna Heringer aus Bayern und mit einem gesonderten Feature über Forensic Architecture, feiert das in einem silbern glänzenden Umschlag.

"Im Prinzip ist es Kriminalistik. Wir müssen den Mörder finden", beschreibt Nikolaus Kuhnert, Architekt, Herausgeber und leitender Redakteur der ARCH+ die Suche nach interessanten Positionen. Er sei dabei schon "durch Büros gekrochen", habe Archive durchwühlt und ganze Nachlässe in Kartons unterm Reißbrett gefunden. Kuhnert, 1939 in Potsdam geboren, ist seit 1974 in der Redaktion, seit 1983 formt er das Blatt hauptberuflich. Was sich seitdem verändert hat? "Überhaupt nichts." Wenn man mal davon absieht, dass jedes Heft im Netz ausführlich begleitet wird. Die Zeitschrift versuche, "Teil einer sich entwickelnden Debatte zu sein". Ganz egal, ob diese in Deutschland, der Schweiz oder den USA stattfindet. Damit unterschied sich das Blatt von Anfang an von Zeitschriften wie Baumeister und Bauwelt, die sich lange auf Deutschland konzentrierten. Norman Fosters so radikale wie heute legendäre Hong Kong und Shanghai Bank (HSBC) in Hongkong stellte die ARCH+ 1989 den Deutschen Lesern zum ersten Mal vor.

Was das Magazin durch die fünfzig Jahre hindurch aber am meisten ausgezeichnet hat und nach wie vor prägt, ist die Haltung: "Wir haben uns immer politisch verstanden", sagt Kuhnert. Sein Nachfolger Anh-Linh-Ngo sieht das genauso, und wer die Cover aller bisher erschienenen Ausgaben studiert, die wie ein Geburtstagsgruß an sich selbst in der Innenseite des silbernen Umschlags abgedruckt sind, erkennt wie ernsthaft hier die Architektur als politisches Medium verhandelt wird. Mal sind es die neuen Wohnformen, in denen sich der Gesellschaftswandel manifestiert, mal die ökologische Verantwortung, der sich jedes Gebäude stellen muss.

Und genau das ist es: Architektur, diese öffentlichste aller Kunstformen, ist gebaute Politik. Hinter all den Schlagwörtern, hinter Abriss, Rekonstruktion, High-Tech, Smart Home steckt ein Programm, das nur der dechiffriert, der so genau hinschaut wie die ARCH+. "Es wäre schön, wenn die Architektur politischer diskutiert würde", sagt Nikolaus Kuhnert. Zum Beispiel über die Versuche der Neuen Rechten, Begriffe wie Heimat oder Landschaft für sich zu besetzen. ARCH+ hat das in der vergangenen Ausgabe behandelt.

Sowieso ist man immer wieder erstaunt, was der Redaktion zu einem Thema alles einfällt, wie nah sie mit den vorgestellten Positionen am Zeitgeschehen sind. Mit 10 000 Stück pro Ausgabe, gehört ARCH+ zu den größten deutschen Architekturzeitschriften. Aber wie gesagt, was heißt schon Zeitschrift, wenn man mit jeder neuen ARCH+ einen derartigen Themenschatz in der Hand hält.