Architektur Gratwanderung

Der deutsch-amerikanische Milliardär Nicolas Berggruen lässt sich in den Bergen Südkaliforniens von Herzog & de Meuron eine spektakuläre Denkfabrik bauen.

Von Gerhard Matzig

Ernst Stavro Blofeld haust auf dem vom ewigen Eis umschlossenen "Piz Gloria"-Gipfel. In einem James-Bond-Film von 1969. Zwei Jahre zuvor befand sich das Hauptquartier des Bösen in einem erloschenen Vulkan. Ob mitten in der chilenischen Atacama-Wüste oder vor der sardischen Küste: Seit Ken Adam für die Bond-Saga den Schurken dieser Welt Wohnutopien von legendärer Strahlkraft erfunden hat, wollte man eigentlich auch selbst zu jenen irren Apokalyptikern gehören. Sie wissen einfach besser, wie man sich mit großartig anregenden, energetisch wirksamen Räumen umgibt, wo sich in aller Muße ein Plan aushecken lässt, um die Welt zu erobern. Lange konnte man sich sagen: Leute, ich bin dabei. Bis jetzt.

Denn wenn nun das schon so lange räumlich disparat agierende, seltsam unsichtbare "Berggruen Institute" im östlichen Teil der Santa-Monica-Berge und in unmittelbarer Nähe des Topanga State Park in Kalifornien errichtet wird (bis 2019 soll es fertig werden), könnte man eigentlich auch auf die helle Seite der Macht wechseln, ohne architektonische oder landschaftliche Einbußen. Was das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron für den etwas rätselhaft umraunten Investor Nicolas Berggruen und seinen 2010 gegründeten Thinktank entworfen hat, ist eine bemerkenswerte Mischung aus mittelalterlichem Kloster und futuristischem Headquarter. Aus der "Denkfabrik" könnte so etwas Besseres werden: ein Denkraum, ein Ort utopischer Kraft. Am Mittwoch wurde der Bauantrag gestellt, unser Bild zeigt den Computer-Entwurf. Erstmals ist nun zu sehen, worüber Nicolas Berggruen lange gegrübelt haben muss.

Es ist ja auch eines der liebsten Rätsel des Boulevards: Lebt der deutsch-amerikanische Milliardär, Spross einer berühmten Kunstsammler-Familie, eigentlich gerne als "Luxusnomade" in Hotelsuiten? Oder in seinem Gulfstream IV-Privatjet? Das Geraune kann jetzt in den südkalifornischen Bergen enden: Berggruen verortet sich. Der dreigliedrige, linear sich entwickelnde "Campus" auf dem 182 Hektar großen, ja gewaltigen Areal hoch über Los Angeles, den die Architekten einer atemberaubend modulierten Topografie behutsam anpassen wollen, sieht auch eine private, insgesamt dreiteilige Residenz vor. Allein das Haupthaus für die Familie Berggruen hat eine Nutzfläche von etwa 900 Quadratmetern. Von dort gelangt man über das "akademische Dorf", das ist eine Wohnlandschaft für Kreative, Wissenschaftler, Geistesmenschen, Quer- und Sonstwiedenker, zum Institut selbst. Dieses hat sich zum Ziel gesetzt, neue Einsichten über die Komplexität sozialer, ökonomischer und politischer Systeme zu gewinnen und anzuwenden. Die verschiedenen Initiativen des Berggruen-Instituts, Stipendien, Workshops oder Vortragsreihen, sollen nun erstmals an einem Ort ihre Kräfte bündeln. Nicht zufällig dort, in Kalifornien, wo auch andere Visionäre oder solche, die sich dafür halten, ihre Hauptquartiere errichtet haben. Aber mit Mark Zuckerbergs großer Spielgarage (Entwurf: Frank Gehry) oder mit Apples Monsterreifen (Norman Foster) hat das Gebilde von Herzog & de Meuron nichts zu tun. Hier soll eine andere Vision von der Zukunft wahr werden.

Man muss schon genau hinsehen - so flirrend unaufdringlich schmiegt sich das Projekt in die Landschaft, voller Respekt vor dem Ort und seiner Natur. Im Architekturbüro heißt es dazu: "Es wird möglichst nur dort gebaut, wo das Gelände bereits verändert wurde, um so wenig invasiv wie möglich vorzugehen." Das ganze Vorhaben soll durch die Auswahl der Materialien, zum Beispiel Lehm, und entsprechend energieeffiziente Konstruktionsweisen auch in ökologischer Hinsicht vorbildlich sein.

Das Berggruen-Institut selbst, im Bild ganz rechts, am südlichen Ende des Bergrückens, ist dabei wie ein filigran aufgeständertes Kloster organisiert, mit intimen Zellen der Konzentration sowie großen Gemeinschaftsräumen der Kommunikation. Akzentuiert wird der "Rahmen" durch zwei große Kugeln inmitten eines Gartens mit Blick auf Berge und Meer: Wasserreservoir und Vortragssaal. In diesem autarken Ökosystem des Geistes werden keine Pläne geschmiedet, um die Welt zu erobern. Auch nicht, um sie zu retten. Sondern, viel besser, um ihr ausnahmsweise gerecht zu werden.