Architektur der Zukunft aus Afrika Meister des Lehms

Die Städte Afrikas wachsen, als wären sie auf Speed, der Wohnungsbedarf explodiert, Strategien fehlen. Die Ausstellung "Afritecture" in der Pinakothek der Moderne in München zeigt nun aber, wie hoffnungsvoll der Blick auf zeitgenössische Architektur in Afrika sein kann.

Von Laura Weißmüller

Wer das Werbevideo zu Appolonia sieht, glaubt sich im amerikanischen Kleinstadtidyll. Schmucke Einfamilienhäuschen mit blühenden Vorgärten, adrette Shoppingmalls und vollklimatisierte Bürohäuser säumen die sauberen Straßen. Tatsächlich wird die Stadt jedoch gerade 30 Kilometer nordöstlich von Accra, der Hauptstadt von Ghana, erbaut.

Afrika modernisiert sich und das rasant. Schon jetzt ist der Kontinent gleichauf mit Asien, was den Grad der Urbanisierung betrifft. Das weckt das Interesse von internationalen Immobiliengruppen, die riesige Satellitenstädte aus dem Boden stampfen. Was in Ghana Appolonia heißt, nennt sich in Kinshasa Cité du Fleuve, in Angola Kilamba. Reißbrettstädte nach westlichem Vorbild, die hinter ihren Bauzäunen alles ausklammern, was nicht den Hochglanzansprüchen entspricht. Allen voran ist das die urbane Realität des Kontinents: 61 Prozent der städtischen Bevölkerung Afrikas lebt in Slums. Wenn die Metropolen wachsen, dann vor allem hier.

"Wir in Afrika kopieren einfach den Westen", sagt Francis Kéré auf der internationalen Konferenz zu nachhaltiger Architektur, die das unabhängige Netzwerk PLEA (Passive Low Energy Architecture) diese Woche an der TU in München ausgerichtet hat. Kéré kennt beide Seiten. Er hat in Berlin Architektur studiert, aber schon während des Studiums für seinen Geburtsort Gando in Burkina Faso das erste Gebäude entworfen. Eine Schule aus Lehm, gebaut 2001 mit dem Einsatz traditioneller Baumethoden, westlichem Wissen und der lokalen Bevölkerung. Die war anfangs alles andere als begeistert: Warum ein Material, das sie seit jeher kennt und nicht eins, das Fortschritt verspricht? Warum keine glitzernde Fassade mit viel Technik dahinter?

"Der wichtigste Teil meiner Arbeit war, die Leute zu überzeugen", sagt Kéré. Er hat es geschafft. Die Schule gehört zu den besten des Landes und zieht immer weitere Kreise. Nach einem Erweiterungsbau 2008 und Häusern für Lehrer und ihre Familien, kam im vergangenen Jahr eine Bibliothek dazu, dieses Jahr ein Frauenzentrum. Und: Kéré bekam für den Schulbau den Aga Khan Award, einen der renommiertesten Architekturpreise überhaupt. Das brachte nicht nur international Anerkennung, sondern auch im eigenen Land.

Afrika braucht solche Vorbilder, weil die Städte hier zwar wachsen, als wären sie auf Speed und der Wohnungsbedarf explodiert, offizielle Strategien wie mit informellen Siedlungen umzugehen ist aber genauso fehlen wie solche, die sie umsetzen könnten: In ganz Afrika arbeiten so viele Architekten wie in Italien. In Kenia kommt auf 60.000 Menschen gerade einmal ein Architekt. Der Griff nach westlichen Modellen liegt da nahe. Zumal die Architekturausbildung bis heute kolonial geprägt und auf den Westen ausgerichtet ist - oder gleich noch in ihren Anfängen steckt: In Ruanda machten dieses Jahr die ersten Architekturstudenten ihren Abschluss. Ihr Lehrstuhl war 2008 erst gegründet worden.

Wie hoffnungsvoll gleichwohl ein Blick auf zeitgenössische Architektur in Afrika sein kann, zeigt jetzt "Afritecture" im Architekturmuseum der TU München. Es ist die erste Ausstellung von Andres Lepik, dem neuen Direktor des Museums, und sie macht von Beginn an klar, welcher Richtungswechsel sich gerade in einem der bedeutendsten Ausstellungshäuser für Architektur in Deutschland vollzieht: Der Besucher muss für "Afritecture" seine Schuhe ausziehen. Die Vorgeschichte der einzelnen Projekte beginnt bereits auf dem Boden. Was sonst oft nur eine Fußnote im Katalog ist, wird hier plastisch erzählt. Nicht selten kommen darin Krieg und Hungersnöte vor. Die Projekte müssen sich dieser gesellschaftlichen Verantwortung stellen.

Sie schaffen das, indem sie sich fest an dem Ort verankern, wo sie entstehen. Durch den Einsatz von lokalen Materialien und Baumethoden, aber auch durch die Einbindung der späteren Nutzer. Nicht nur im Bauprozess, sondern auch in der Recherche und dem Wissenstransfer.

Was dabei entsteht, nennt sich sozial engagierte Architektur und findet auf der ganzen Welt immer stärkere Beachtung (SZ vom 24. August). Bei den 26 Beispielen aus der Subsahara hat Lepik den Fokus auf öffentliche Bauten gelegt. Etwa auf die schwimmende Schule von Kunlé Adeyemi in Makoko, Lagos, deren Untergeschoss gleichzeitig der größte öffentliche Platz in der informelle Riesensiedlung ist. Die Handwerkerschule in Nairobi, die in Zusammenarbeit mit der TU München entstand, oder das Frauenzentrum in Ruanda, das Sharon Davis auch mit der Hilfe von Studenten der jungen Architekturfakultät in Kigali errichtet hat. Deren großes Vorbild? Francis Kéré, der Lehmbaumeister.

Afritecture. Architekturmuseum München, bis 12. Januar. Zur Ausstellung ist ein hervorragender Katalog bei Hatje Cantz (38 Euro) erschienen. Außerdem findet eine prominent besetzte Vortragsreihe statt. Infos unter www.architekturmuseum.de.

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