Architektur Das chillende Klassenzimmer

Zwar sind verdächtig oft spezielle "Chillout-Zonen" wie Sonnendecks, Hängematten und sogar Bars in den Entwürfen der Schülerinnen und Schüler zu sehen. Dass aber aus der Schule der Zukunft eine Art Wellnessoase und Ferien-Hotspot werden soll, wäre dann doch als Interpretation zu kurz gegriffen.

(Foto: Lukas Barth/Byak)

Eine verblüffende Ausstellung in der Bayerischen Architektenkammer

Von Gerhard Matzig

Die Jugend", schimpfte der griechische Philosoph Sokrates, "liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer."

Diese Tirade, die belegt, dass früher doch nicht alles besser war als heute, die Jugend zum Beispiel (oder auch: die Klischeevorstellungen der Alten über die Jungen), ist fast zweieinhalb Jahrtausende alt. Doch die bayerische Jugend der Gegenwart scheint entschlossen zu sein, einige antike Vorstellungen zu reanimieren. Und wo könnte man das Beine-übereinander-legen, das heute chillen heißt, besser mit einer kleinen Tyrannei über die Lehrer verknüpfen, als in der Schule? Dort also, wo man womöglich mehr schwatzen und weniger arbeiten sollte. Wo der Luxus vielleicht darin läge, nicht immer nur modernere Schulen und Klassenzimmer zu bauen, sondern einfach mal ganz andere.

Das ist das Verblüffende an dem großartigen Schülerwettbewerb "Architektur für Neues Lernen", dessen Ergebnisse noch bis zum 4. Juni im "Haus der Architektur" der Bayerischen Architektenkammer in Form einer bemerkenswerten Ausstellung zu sehen sind: Schüler denken über die idealen Lernorte der Zukunft anders als Pädagogen, Eltern oder Architekten.

Es war deshalb eine grandiose Idee der "Landesarbeitsgemeinschaft Architektur und Schule Bayern", endlich einmal die Betroffenen selbst zu Wort beziehungsweise zu Pappe, Papier und Klebstoff kommen zu lassen. Mehr als 4000 bayerische Schüler von der dritten Klasse an nahmen an dem landesweit im Schuljahr 2017/18 ausgetragenen Wettbewerb zur Frage "In welchen Räumen wollen wir in Zukunft lernen?" teil. Daraus sind Modelle im Maßstab 1:25 hervorgegangen, die von einer Jury aus Architekten, Pädagogen und Schülern beurteilt wurden. Die sechs Preisträger und rund 200 weitere, interessante Entwürfe werden nun im Foyer des Hauses der Architektur der Architektenkammer anschaulich präsentiert.

Wer durch die mal mehr, mal weniger geschickt erbastelten Lernort-Utopien wandert, begreift schnell, dass Schüler nicht nur effizienter lernen wollen, sondern dass die Schule für sie auch ein ganz anderer, eher die Emotionalität denn die Rationalität betreffender Sehnsuchtsort sein könnte. Erst denkt man nämlich (durchaus etwas sokrateshaft): Okay, die Kids wollen nicht lernen, sondern chillen - so einfach ist das. Aber so einfach darf man es sich eben nicht machen. Zwar sind verdächtig oft Liegen und Sonnenschirme sowie halbe Pool-Landschaften in den Entwürfen der Schülerinnen und Schüler zu sehen, dazu spezielle "Chillout-Zonen", Sonnendeck-Ideen und sogar Hängematten. Dass aber aus der Schule der Zukunft eine Art Wellnessoase und Ferien-Hotspot werden soll, wäre dann doch als Interpretation zu kurz gegriffen. Eher ist es wohl so, dass den Schülern adäquate Pausen- und Kommunikationsräume fehlen. Wer auch in modernsten Schulgebäuden auf die immer gleiche Tristesse lieblos und fantasiearm, ja uniform gestalteter Asphalt-Pausenhöfe stößt, weiß, was gemeint ist.

Ein zweites Motiv, das sich durch viele Schülerarbeiten zieht (sozusagen wie ein grüner Faden), ist das der Begrünung. Manche Klassen wünschen sich keine Zimmer, sondern Naturräume: Bäume, Felsen und Pflanzen sind häufig zu sehen. Das dritte Motiv schließlich ist das der Tierwelt. Eine Klasse stellt sich sogar vor, in einem gigantischen Aquarium zu leben. Andere machen aus der Schule einen Bio-Bauernhof voller Tiere. All diesen Entwürfen gemeinsam ist die Nähe zu Flora und Fauna. Die Schüler wünschen sich natürlichere, lichtere und auch offenere Lernorte.

Manches ist natürlich auch erwartbar, das Gaming-Zimmer etwa, der Wunsch nach cooleren Abhängmöglichkeiten sowieso. Doch die Initiative der Innenarchitektin Stephanie Reiterer und des Architekten Jan Weber-Ebnet ist dennoch ein eindrucksvoller Fingerzeig, dass der zuletzt so ambitioniert betriebene Schulneu- und -Ausbau in Bayern noch nicht am Ende seiner architektonischen Möglichkeiten angekommen ist. Die Schulen der Gegenwart sehen zwar nicht mehr aus wie die "Kasernen", die Erich Kästner als Autor des "Fliegenden Klassenzimmers" in seinen mitunter düsteren Erinnerungen geißelte. Wenn der Schriftsteller aber in seiner Denkschrift "Liebe Kinder!" schreibt: "Früchtchen seid ihr, und Spalierobst müsst ihr werden! Aufgeweckt wart ihr bis heute, und einwecken wird man euch ab morgen! Vom Baum des Lebens in die Konservenfabrik der Zivilisation." - Dann denkt man nun: Es ist gut, wenn die Insassen der Konservenfabriken gegen die Konservenfabriken aufbegehren. Und zwar auch in Form dieser anregend-entspannten Ausstellung. Wobei Chillen vielleicht doch etwas ganz anderes ist als nur Abhängen. Womöglich geht es dabei mehr um die Köpfe als um jene übereinander gelegten Beine, über die sich Sokrates beschwerte.

Architektur für Neues Lernen, bis 4. Juni, Haus der Architektur, Bayerische Architektenkammer, Waisenhausstr. 4, www.architektur-und-schule.org