Von Alexander Menden

Ein Besuch beim Londoner Architekten David Chipperfield, der auf der Berliner Museumsinsel baut - und nun als "Barbar" beschimpft wird.

Die Büroräume von Chipperfield Architects liegen etwas versteckt hinter der Biegung einer kleinen Stichstraße im Londoner Norden. Nur ein paar hundert Meter entfernt, am Camden Lock, lärmt der notorische Dauerflohmarkt. Hier ist es indessen ruhig wie in einem Vorort. Neben der Glasbausteinfront eines kompakten weißen Gebäudes stehen ein Dutzend Fahrräder aufgebockt; zwei Mitarbeiterinnen sitzen vor dem Eingang in der Sonne und essen Müsli. Ein Idyll, angesichts dessen man zunächst kaum vermuten würde, dass hier 65 Angestellte eines der weltweit renommiertesten Architekturbüros ihrer Arbeit nachgehen - oder dass ihr Chef David Chipperfield derzeit im Mittelpunkt einer hitzigen deutschen Debatte steht.

Chippperfield

Der englische Architekt David Chipperfield (© Foto: dpa)

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Es gäbe reichlich faszinierende Projekte, über die man sich mit dem Architekten unterhalten könnte: den Wettbewerb zum Neubau des Essener FolkwangMuseums zum Beispiel, den für das Aust-Agder-Museum im norwegischen Arendal oder den für die Turner Contemporary Gallery im englischen Margate. All diese Wettbewerbe hat David Chipperfield gewonnen.

Er hat das Literaturmuseum der Moderne in Marbach gebaut und die Zentrale des America's Cup in Valencia. Derzeit arbeitet er an der Errichtung einer "Justizstadt" in Barcelona, dem größten öffentlichen Bauvorhaben Europas. Chipperfield ist das, was man einen "Global Player" nennt. Aber es gibt da ein Projekt, das er selbst unumwunden als "das wichtigste meines Lebens" bezeichnet, und das ihn und seine Mitarbeiter mehr in Atem hält als jedes andere.

Einen deutlichen Hinweis auf diesen Zankapfel erhält der Besucher beim Betreten der Londoner Büros: Direkt neben der Eingangstür, am Treppenaufgang zur ersten Etage, sind drei Grafiken an der Sichtbetonwand befestigt. Sie zeigen im Längsschnitt Pläne von Friedrich August Stülers Neuem Museum auf der Berliner Museumsinsel. Mit seiner Renovierung wurde Chipperfield 1998 von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beauftragt.

Jene Bereiche, um die Chipperfield das im Zweiten Weltkrieg beschädigte Gebäude ergänzen will, sind in weiß gekennzeichnet. Aus der Mitte leuchtet deutlich jenes Treppenhaus hervor, das zu Vorwürfen von "teurer Ruinenromantik" und einer Petition der "Gesellschaft Historisches Berlin"gegen die längst laufende Sanierung führte. Aber der Zorn richtet sich nicht nur gegen Chipperfields Sanierungspläne im Neuen Museum, sondern auch gegen das Vorhaben, von Chipperfield ein zentrales Eingangsgebäude für die gesamte Museumsinsel errichten zu lassen.

Niveau der frühen Achtziger

David Chipperfield, gebürtiger Londoner, ist ein untersetzter Mittfünfziger mit weißem Haar und wachen blauen Augen, in dessen Englisch lange Amerikaaufenthalte ihre transatlantischen Spuren hinterlassen haben. Beim Gespräch in der Bibliothek seiner Londoner Zentrale wirkt er noch immer ein wenig überwältigt von dem Echo, das der Museumsinsel-Streit in den deutschen Medien gefunden hat: "Allein in den vergangenen zwei Wochen haben wir 32 Artikel gezählt", sagt er, und in seiner Stimme schwingt Verwunderung mit, in der sich Stolz und Überdruss die Waage halten.

"Ene Diskussion auf dem hohen theoretischen Niveau, auf dem die deutschen Zeitungen sie gerade führen, wäre in Großbritannien undenkbar", meint er. "Wir kämen hier nie über die anfängliche Aufregung hinaus. Auf die Moderne schimpfen, das tun Leute wie Prinz Charles oder Simon Jenkins hier gerne. Aber dass dann jemand die Gegenposition einnimmt wie in Deutschland, darauf kann man lange warten. An einer analytischen Architekturberichterstattung gibt es in England kein Interesse. Wir sind auf dem Niveau der frühen achtziger Jahre stehen geblieben."

Das klingt fast, als freue er sich uneingeschränkt über eine deutsche Debatte, in der ihm unter anderem vorgeworfen worden ist, die Ruinenästhetik zum Fetisch zu erheben. Sogar als "Barbar" wurde er bezeichnet. "Das Volksbegehren und die aufbauschende Boulevard-Berichterstattung der ersten Woche hat uns schon nervös gemacht. Wir fühlten uns, als müssten wir ständig Feuerchen austreten."

"Wir", das ist nicht nur das Londoner Büro, sondern auch die annähernd ebenso stark besetzte Dependance in Berlin, die vertragsgemäß eigens für die Bauarbeiten an der Museumsinsel eingerichtet wurde. Aber David Chipperfield wirkt nicht grundlegend gekränkt, weil seine zunehmende Präsenz in Deutschland nicht nur auf eitel Freude stößt. Für die Gesellschaft Historisches Berlin (GHB), die als seine Hauptkontrahentin im Museumsinsel-Streit gelten darf, findet er sogar lobende Worte. In gewisser Weise sei er froh, dass es die GHB gebe, so Chipperfield: "Man braucht eine Gruppe im Spektrum, die diese emotionale, nostalgische, konservative Position vertritt. Nostalgie bedeutet eben auch Erinnerung, Konservatismus bedeutet Bedacht. Ich bin überhaupt nicht dagegen zu sagen: Bevor ihr etwas Altes verschwinden lasst, überprüft erst, ob es nicht vielleicht besser ist als das, wodurch ihr es ersetzt."

Er habe "volles Verständnis für jene, die gerne Stülers Gebäude wieder hätten", konzediert Chipperfield. "Mir wäre es auch lieber, wenn es nie zerstört worden wäre", sagt er, um nach einer kurzen Pause hinzuzufügen: "Das gleiche gilt übrigens für das Alte Museum, das ja eine Kopie ist."

Die Art, wie seine Kritiker vorgehen, ärgert ihn allerdings. Bei der Diskussion vor zwei Jahren, als es vor allem um den Treppenaufgang im Neuen Museum ging, seien "sehr viele unwahre, negative Dinge geschrieben worden". Das neue Volksbegehren hält er für einen Versuch, diese Grundsatzdiskussion wieder aufzurollen: "Es richtet sich zwar nominell gegen das Eingangsgebäude", sagt Chipperfield, aber wenn man den Text genau liest, dann fällt auf, dass sie das Neue Museum wieder mit aufs Tapet bringen."

Wie David Chipperfield es sieht, gibt es im Zusammenhang mit dem neuen Eingangsgebäude drei entscheidende Fragen. Die erste lautet: Sollte den Museen ein neues Gebäude hinzugefügt werden? Sie ist von allen Politikern und der Unesco eindeutig mit "ja" beantwortet worden, weil die bestehenden Gebäude nicht die nötige Infrastruktur böten. Toiletten, Café, Shop, ein Auditorium, Räume für Sonderausstellungen müssen geschaffen werden.

Das neue Eingangsgebäude würde nach Ansicht Chipperfields nicht nur all diese Aufgeben übernehmen, es wäre zugleich Bollwerk gegen einen Touristenansturm, mit dem das Neue Museum allein nicht fertig würde: "Die GHB sollte mir dankbar sein. Jeder, der die alte Struktur des Stüler-Baus erhalten sehen will, muss sich klar sein, dass das nur möglich ist, wenn der Besucherdruck von fragilen Galerien wie dem Niobiden-Saal und dem römischen Saal genommen wird."

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