Arbeitsrecht Die Armbandaffäre

Der Internet-Gigant Amazon hat ein Armband zum Patent angemeldet, das Lagerarbeiter zu Waren lotsen soll. Diese nicht ganz neue Nachricht macht gerade Furore im italienischen Wahlkampf, wo Politiker die "Versklavung" verdammen.

Von Thomas Steinfeld

Es ist Wahlkampf in Italien. Die Kandidaten ziehen über die Plätze, und über die politische Konkurrenz haben sie nichts Freundliches zu sagen. Ein Thema einte die Kontrahenten jedoch in der vergangenen Woche: Ein schon im Jahr 2017 gestelltes Patentansuchen der amerikanischen Firma Amazon, demzufolge Arbeiter in den Lagerhäusern des Unternehmens künftig mit elektronischen Armbändern ausgerüstet werden könnten. "Arbeit ist kein Verbrechen", sagte Laura Boldrini von der Partei Linke Ökologie Freiheit. Der Plan sei "degradierend und abstoßend". "Menschen oder Sklaven?", fragte Matteo Salvini, der Vorsitzende der Lega, und versprach, die "Würde" des italienischen Arbeiters wiederherzustellen, während Carlo Calenda, der Minister für wirtschaftliche Entwicklung, erklärte: "In Italien werden Armbänder nur von Juwelieren hergestellt, und diese sind schön." Er zitierte sogar Vertreter der Firma Amazon in seinen Amtssitz, um ihnen zu erklären, dass "so etwas in Italien nie geschehen werde".

Es gibt dieses Armband allerdings noch gar nicht, weder in Italien noch sonst irgendwo auf der Welt. Amazon hatte lediglich einen Patentantrag für ein Gerät gestellt, das den Scanner ersetzen soll, mit dem die Strichcodes auf den Waren gelesen werden: Scannen kostet Zeit und Aufmerksamkeit, während das Armband nicht nur weiß, wo sich eine Ware befindet, sondern auch den Arbeiter zum Lagerplatz führt und die Entnahme registriert. Ein feines Summen im Armband soll dem Arbeiter etwa anzeigen, dass sich seine Hand vom gesuchten Gegenstand entfernt.

Dass sich diese Funktionen auch umkehren und gegen den Träger des Armbands richten lassen, liegt dabei auf der Hand. Amazon beteuert allerdings, an die Kontrolle des Arbeiters habe man bei den Plänen für das Armband nie gedacht. Amazon gilt vielen Italienern als besonders verwerfliches, weil international arbeitendes Unternehmen, das seinen Erfolg auf Kosten des italienischen Einzelhandels erwirtschaftet. Dass Amazon im vergangenen Jahr in Italien hundert Millionen Euro Steuern nachzahlen musste, war ein Gegenstand der allgemeinen Genugtuung, ebenso, wie es zwei Streiks waren, die im Dezember die Niederlassung bei Piacenza trafen, schlechter Arbeitsbedingungen wegen. Gänzlich unklar ist indessen, wie es dazu kam, dass eine an und für sich alte Nachricht plötzlich Anlass einer solchen Aufregung werden konnte.