"Arbeit und Struktur" von Wolfgang Herrndorf Alle Fallen vermieden

Wie jeder Künstler, der auf sich hält, pflegt Herrndorf seine Idiosynkrasien: die Abneigung gegen Uwe Tellkamp, Thor Kunkel und die jüngste Prosa Christian Krachts, gegen Gespreiztheiten und Blindheit des Feuilletons. Begeisternd ist er als Leser, der Thomas Manns Tricksereien gegen das bieder-platte Missverständnis verteidigt, der Karl Philipp Moritz, Stendhal und Nabokov bewundert, ohne Schwächen seiner Helden zu übersehen.

Herrndorf hat an einem weiteren Buch gearbeitet - "Isa" wäre vielleicht fertig geworden, wäre nicht ein Fahrradunfall nebst Schulterverletzung dazwischengekommen: "Gesund entlassen sie dich in den Tod. Drei Monate ohne Arm". Hätte es nicht zahlreiche Aufdringlichkeiten gegeben: esoterische Diättipps und Heilungspläne, Umarmungen und Mitgefühlswellen, die ersticken, weil sie den Bemitleideten entmündigen. Der Antrag auf Avastin, ein Immunglobulin zur Behandlung fortgeschrittener Krebserkrankungen, wird wiederholt abgelehnt. Ja, Widerspruch ist möglich, Klage auch. Das dauert.

"Wird der positive Bescheid vom Sozialrichter persönlich Wort für Wort in den Schnee über mein Grab gepinkelt?" Er hat die Avastin-Therapie selbst bezahlt. Wer dann aber in den Anmerkungen liest, dass sie am 9. September 2013, zwei Wochen nach dem Schuss am Hohenzollernkanal, bewilligt wurde, muss schauen, wohin mit seiner Wut. Herrndorf schreibt mit viel Respekt und Sympathie über seine Ärzte, ihnen ist das Buch gewidmet. Er schätzt ihre sachliche Art, für Emotionen sei er zuständig. Das öffentliche Geschwätz über Krankheiten aber, den Medizinischen Dienst der Kassen und die Mitleidsirren lernt man in diesem Buch verachten.

Ein zusammengeschweißtes Metallkreuz steht an der Stelle am Berliner Hohenzollernkanal, wo sich Wolfgang Herrndorf das Leben nahm.

Im ersten Jahr erzählt eine ausführliche Rückblende von den ersten Tagen mit der Diagnose. Sie steht als Erzählung ganz für sich. Und der Rest? Gerade im Buch lässt sich leicht erkennen, wie stark Herrndorf ausgewählt und komprimiert hat. Er sucht auch im Tagebuch die Souveränität dessen, der sein Leben wie einen Roman betrachtet. Nie rückt er dem Leser zu dicht auf die Pelle. Wenn er Ausfallerscheinungen, Ängste beschreibt, dann programmatisch nüchtern, als protokolliere er, was einem anderen zustößt: "Ich kann nichts schreiben, nicht lesen, kein Wort. (. . . ) Stundenlang Epilepsie, den Namen von C. vergessen. Die anderen in ihrer Wohnung kenne ich auch nicht, weil ich sie nicht angesehen habe, aus Angst, auch ihre Namen nicht zu wissen."

Extremes Glück, extremes Unglück

"Arbeit und Struktur" erzählt von Lebensjahren mit extremem Unglück und extremem Glück. Jeder Leser mag sich fragen, wie er, wie sie solche Intensität ausgehalten hätte. Herrndorf ist anfangs überzeugt, dass zum Leben Ungewissheit und Hoffnung nötig seien. Viel später notiert er, dass es auch ohne gehe: "Es macht nur nicht so viel Spaß."

Nach der ersten Lektüre des Buches ist die Lust groß, zurückzukehren zu einzelnen Momenten, etwa zu den vielen Träumen und Erinnerungen, die Herrndorf heraufruft. Sie sind wie seine Lektüren Fenster in die Welt, gegen die das Ich des Autors sich stemmt, um ein Ich zu bleiben. Er hat für sein Blog einen Ton gefunden, auf eine ganz gegenwärtige Art über Seelisches zu schreiben, als harter Atheist von den letzten und vorletzten Dingen zu sprechen, licht, klar und nuanciert in den Gefühlen. Ein solches Unternehmen kann leicht misslingen. Es lauern überall Fallen: die Pose des Harten und Coolen, Sentimentalität, das Baden in den eigenen Tränen, das Ausschreiben vorformulierter Floskeln. All das vermeidet Herrndorf.

Er hat in seinen letzten Jahren alte Tagebücher und Bilder, Notizen und Briefe vernichtet. Er wollte abschließen, nicht aufhören. Daher die Eile beim Schreiben. "Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem. (geweint)", schrieb er am 13. März 2010. Er ist fertig geworden. Das Blog, das als Mitteilung für Freunde begann, das er nach "Sand" hätte liegen lassen, wenn er dadurch Zeit für einen weiteren Roman hätte gewinnen können, wurde zu seinem literarischen Schlusspunkt. Darin liegt kein Trost, aber "Arbeit und Struktur" kommt im Regal zu den Büchern, in denen man immer wieder blättern will.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung über den Tod Wolfgang Herrndorfs gestalten wir deshalb bewusst zurückhaltend, wir verzichten weitgehend auf Details. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide.

Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.