Apple Das iPhone X: Ein Sprung in düstere Vergangenheit

Das iPhone kann die Mimik des Nutzers auf Pandas, Welpen oder Kackhaufen projizieren, also mehr, als nur Gesichter kennen.

(Foto: AP)

Die Face-ID des neuen Modells ist praktisch, aber gefährlich. Sie erinnert an die Schädelvermesserei des Kolonialismus - doch bei Apple heißt das Innovation.

Kommentar von Andrian Kreye

Für einen zukunftsorientierten Digitalkonzern hat Apple mit seinem neuen iPhone kulturgeschichtlich einen erstaunlichen Sprung in die Vergangenheit gemacht. Genauer gesagt, ist es ein Schritt ins späte 19. Jahrhundert, als der Mensch auf seine Physiognomie reduziert wurde. Das war im Kolonialismus und dann in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts die pseudowissenschaftliche Basis für Abscheulichkeiten, Verfolgungen, Völkermorde, nicht für technische Erneuerung. Der Mechanismus ähnelt sich allerdings. Damals wie heute werden Menschen und Gesichter vermessen und Schlüsse daraus gezogen. Und darin liegt eine Gefahr.

Kern dieses Schritts ist das Programm für Gesichtserkennung, mit dem das Antlitz des Nutzers zum Schlüssel wird, der das Smartphone aktiviert. Das ist keine neue Technologie. Apple ist als weltweit drittgrößter Smartphone-Anbieter sogar recht spät dran damit, so wie die meisten Neuerungen des iPhone X, das am Dienstag präsentiert wurde, nur technische Vorsprünge der Konkurrenz aufholen. An Landesgrenzen und in der Sicherheitsindustrie ist die Gesichtserkennung ebenfalls schon verbreitet. Niemand hat allerdings bisher die beunruhigende Technologie so zynisch verkauft wie Apple.

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Mithilfe von künstlicher Intelligenz kann digitale Gesichtserkennung längst viel mehr, als nur Personen zu identifizieren. Es gibt jetzt schon technische Anwendungen, die Emotionen und Krankheiten erkennen, in China werden Straftaten vorausgesagt, und an der Stanford University behaupten Wissenschaftler, sie könnten die sexuelle Orientierung und demnächst die politischen Ansichten eines Menschen bestimmen.

Nun stilisiert Apple seine technischen Neuerungen gerne zur Popkultur. So haben die Ingenieure in Cupertino eine Spielerei entwickelt, die niedlich wirkt, aber die finsteren Dimensionen der Gesichtserkennung entlarvt. Es handelt sich um die sogenannten Animojis. Das sind animierte Emojis, also bewegliche Versionen der Bildchen, mit denen man in Textnachrichten und auf sozialen Netzwerken komplexe Aussagen und Gefühlslagen auf ein Symbol reduzieren kann.

Die Urform dieser Zeichensprache der Emotionen war das Smiley. Auf dem neuen iPhone kann man nun Pandabärchen, Welpenköpfe oder Kackhaufen mithilfe der Gesichtserkennung ansteuern und dazu bringen, die Mimik des Nutzers zu simulieren. Das bedeutet, dass das iPhone viel mehr kann, als nur ein Gesicht zu erkennen. Nachdem Gesundheitsanwendungen in der digitalen Industrie einer der am schnellsten wachsenden Märkte sind, ist anzunehmen, dass es bald schon Apps gibt, die via Gesichts-Scan medizinische Diagnosen erstellen. Und wer will verhindern, dass eine Anwendung bald mit Technologie aus Stanford sexuelle Vorlieben eines Nutzers erfasst?

Die Analyse politischer Gesinnung ist nun denkbar, aber fatal

Das alles mag in westlichen Demokratien kein Problem oder sogar von Nutzen sein. Doch was in Metropolen wie San Francisco, London und Berlin wohlfeile Elemente der Persönlichkeit sind, kann in anderen Weltgegenden zur Bedrohung werden. Homosexualität wird in mehr als 70 Ländern gesetzlich verfolgt, in zehn davon mit dem Tode bestraft. Die Analyse politischer Gesinnung wäre fatal.

Apple versichert, alle Daten aus der Gesichtserkennung würden nur auf dem Gerät selbst gespeichert, nicht auf den Cloud-Servern des Konzerns. Doch das Vertrauen hat die Firma in diesem Sommer verspielt, als es auf Anweisung der chinesischen Behörden die VPN-Apps aus seinem Angebot entfernte, also jene Programme, mit denen dort Bürger die digitalen Blockaden ihres Landes umgehen konnten. Auch bleibt die Frage, ob Apple wirklich langfristig auf den riesigen Datensatz verzichten will, der so entsteht. Google hat bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz ja gerade deswegen einen solchen Vorsprung, weil es die Daten aus dem Nutzerverhalten nutzt, um seine Programme zu füttern und so zu perfektionieren. Und wer garantiert dann den Nutzern, dass es nicht bald Trojaner gibt, die Gesichtsdaten mitsamt der Gefühlslagen aus dem iPhone abgreifen?

Zwar kann man die Gesichtserkennung im neuen iPhone genauso abschalten wie die Fingerabdruckerkennung in den vergangenen Modellen oder die Lauschfunktion der Sprachsteuerung. Da aber kann die digitale Industrie auf einen Grundreflex der Menschheit zählen. Das ist die Bequemlichkeit. Warum nicht ein paar Daten preisgeben, wenn das Leben so viel leichter wird? So wird das iPhone bald schon die Köpfe seiner Nutzer vermessen. Nichts anderes taten die Kolonialherren des 19. Jahrhunderts mit den von ihnen Eroberten. Damals war das die Kraniologie, die Schädelvermesserei. Heute nennt man es Innovation.

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