Antisemitismus in Deutschland "Feindschaft gegen Juden als Juden"

Das Berliner Leibniz-Zentrum Moderner Orient hat eine Reihe von Schriften herausgegeben, die mit diesen und anderen Beispielen belegen, wie sehr der Eindruck einer genuinen "Affinität der Araber" zur nationalsozialistischen Ideologie (Peter Wien, René Wildangel in "Blind für die Geschichte?") irreführend, ja, bösartig ist. Eine der führenden ägyptischen Zeitungen, Al-Hilal, beschrieb Anfang der Dreißigerjahre das Leid der Juden Europas und gestand ihnen nach Jahrhunderten der Unterdrückung einen besonderen Platz unter den "von der Geschichte verfolgten Völker" zu. Gewiss, ägyptische Denker lasen Oswald Spengler, weil auch ihr Land vor einer krisenhaften Zeitenwende stand, aber für Intellektuelle wie Mohamed Hussein Haikal stellten die faschistischen Gewaltregime keinen Ausweg aus dem Niedergang dar, sondern einen Beweis für die zerstörerische Kraft der westlichen Moderne. Für sie, die Vertreter eines friedlichen Humanismus nahöstlicher Prägung, war der Faschismus unannehmbar.

Ranan: Hass auf israelische Besatzer entspricht einer realen Ohnmachtserfahrung

Verschiedene, für die Araber meist verlorene Kriege und das Scheitern des israelisch-arabischen Friedensprozesses verwandelten dieses Verhältnis in eine politische Feindschaft, in der gelogen und diffamiert wird - wie in jedem Krieg. "Christlicher Judenhass basierte nicht auf einem realen Problem", sagt Ranan: "Dagegen haben die Muslime im Nahen Osten einen realen, nicht gelösten territorialen Konflikt mit den Juden, seit die zionistische Bewegung Erfolg hatte."

Antisemitismus, so wie Ranan ihn in Anlehnung an den britischen Philosophen Brian Klug begreift, beschreibt die "Feindschaft gegen Juden als Juden", also als allmächtige, weltweit vernetzte und einflussreiche Fantasiegeschöpfe. Die Feindschaft gegen Juden, weil sie vermeintlich die Börse, das Weiße Haus und Coca-Cola besitzen, wäre damit ein antisemitisches Vorurteil. Aber der Hass auf die israelischen Besatzer - auf jeden Fall seitens eines Arabers - entspricht einer realen Ohnmachtserfahrung. Ranan geht noch weiter: Wenn auf Palästina-Demonstrationen junge Araber ein Schild mit der Aufschrift "Kindermörder Israel" tragen, sei dies in aller Regel keine Anspielung auf die Ritualmord-Lüge des europäische Mittelalters ("Die kennen die meisten gar nicht"), sondern auf israelische Angriffe auf die besetzten Gebiete. Selbst judenfeindliche Plakate meinten in der Regel nicht Juden, sondern Israelis, genauer: die israelische Politik. Die Unterscheidung zwischen "Jude", "Israeli" und "Zionist" wäre nach Ranan eines der wichtigsten Themen für deutsche Lehrpläne. Weitere Vorschläge: mehr Integration. Und: weniger Aufregung.

Denn wenn die Bild-Zeitung - und mit ihr allerlei rechte Stimmen - von der Politik scheinheilig fordert, sie solle klarmachen, "dass der Antisemitismus der islamischen Welt sich hier nicht einnisten kann", dann stellt sie die Verhältnisse auf den Kopf. Durchaus heiter erzählt Ranan, dass er von manchen Deutschen schon Schlimmeres als nur Aufrufe zum Boykott von Coca-Cola gehört habe. Die "Perfidie" der deutschen Debatte liegt für ihn darin, "dass die Deutschen sich freuen, wenn man ihnen zeigt, dass die Muslime mit ihrem Antisemitismus schlimmer sind", es sei "eine komische Art des Persilscheins". So entlastet sich Deutschland vom Schock eines Rechtsrucks, der seinen Antisemitismus inzwischen schamlos offen zeigen kann. Die Konzentration auf die vermeintliche islamische Gefahr enthebt eine ratlose deutsche Gesellschaft der Auseinandersetzung mit ihren eigenen antisemitischen Wurzeln - und ihren Kontinuitäten.

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Religiöses Mobbing an Schulen ist ein Problem. Saba-Nur Cheema gibt deshalb Workshops gegen Antisemitismus - auch wenn einige Schüler den Begriff gar nicht kennen. mehr... jetzt