Antisemitismus im Rap "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen"

"Dieses Album kommt, weil ihr wieder Ansagen braucht." - Kollegah beim Splash-Festival 2017.

(Foto: Max Patzig/imago/Future Image)

Die Rapper Kollegah und Farid Bang und die Frage, ob man wie ein Antisemit reden kann - und trotzdem keiner sein.

Von Jens-Christian Rabe

Der Ethikrat des Bundesverbandes der deutschen Musikindustrie hat gesprochen: Die deutschen Gangster-Rapper Felix Blume alias Kollegah und Farid Hamed El Abdellaoui alias Farid Bang werden mit ihrem Album "Jung Brutal Gutaussehend 3" doch nicht vom größten deutschen Popmusikpreis Echo ausgeschlossen, der am kommenden Donnerstag in Berlin vergeben wird. Insbesondere wegen der Zeile "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" aus dem Song "0815" hatten die Bild-Zeitung und RTL in den vergangenen Tagen die Nominierung von "Jung Brutal Gutaussehend 3" als Album des Jahres 2017 heftig kritisiert.

Eine eindrucksvolle Doku im WDR über den Antisemitismus im deutschen Rap tat ihr Übriges. Kollegah, der in der Vergangenheit wegen Textstellen, Videos und einer selbstgedrehten Palästina-Doku schon mehrfach einschlägig im Gespräch war, ist darin einer der zentralen Angeklagten. Der Ethikrat vermied nun einen Eklat und versuchte die Quadratur des Kreises: Man sehe die "künstlerische Freiheit nicht so wesentlich übertreten, dass ein Ausschluss gerechtfertigt wäre", das Album sei aber ein "Grenzfall": "Die Wortwahl einiger Texte als Stilmittel des Battle-Raps zu verharmlosen, lehnen wir ab und möchten unsere deutliche Missbilligung gegenüber der Sprache und den getroffenen Aussagen unterstreichen."

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Die Frage, ob der deutsche Gangster-Rap ein Antisemitismus-Problem hat, ist damit aber natürlich überhaupt nicht abschließend beantwortet. Wie Farid Bang und Kollegah in den vergangenen Tagen mit der Situation umgingen, ist deshalb einen genaueren Blick wert. Farid Bang bat via Facebook für die Zeile "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" immerhin umgehend bei der 93-jährigen Musikerin und Auschwitzüberlebenden Esther Bejarano persönlich um Verzeihung: "Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass meine Zeile (. . .) Sie persönlich verletzt hat. Es lag nicht in meiner Absicht, Sie zu kränken. Sehen Sie mir meine Unreflektiertheit nach." Esther Bejarano hatte sich zuvor an der Seite von Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee in der Bild entsetzt gezeigt: "Die Überlebenden empfinden besonders die Textzeile ,Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen' nicht nur als roh und würdelos, sondern als verachtend ihnen und ihren ermordeten Angehörigen gegenüber."

Im Ganzen passt der Facebook-Post des Rappers allerdings trotzdem gut ins Bild. Er ist - genau genommen - nicht einfach eine Entschuldigung, sondern eher ein bittersüßes Statement. Es beginnt nämlich unvergleichlich sensibel mit dem Hinweis, dass die Rapper "tausende Nachrichten" von Hörern "jeglicher Religion und Herkunft" erreicht hätte, "die uns bestätigten, dass sie unsere Zeilen nicht als rassistisch oder hetzend" empfänden.

Das ist schräg - in der populistischen Logik des ultramaterialistischen Gangster-Rap, nach der der erfolgreichste Rapper immer auch der beste Rapper ist, allerdings vollkommen konsequent. Es wird mit einer Art emotionaler Schwarmintelligenz argumentiert nach dem Motto: Was von einer (behaupteten) hinreichend großen Menge an Menschen als unbedenklich betrachtet wird, ist damit erwiesenermaßen auch automatisch unbedenklich. Ein klassischer populistischer Fehlschluss. Wobei Farid Bang zugestanden sein mag, dass der Post andererseits auch beweist, dass er davon selbst doch nicht mehr ganz so überzeugt zu sein scheint. Er verkneift sich den Hinweis auf die Fans aber eben auch nicht.

Darüber hinaus blüht in dieser bitteren Affäre das Spiel mit der Evidenz des Einzelfalls - wenn sie Kollegah und Co in den Kram passt. Auf seinem Instagram-Account, der 1,4 Millionen Abonnenten hat, teilte Kollegah triumphierend eine Nachricht eines jüdischen Fans, der schrieb: "Ich finde als Jude es nur peinlich und falsch wie Bild und RTL sich ausdrücken. Besungene ,Jüdische Zinssätze' und ,jüdische Rechtsanwälte' sind von dir so real wie die ,muslimischen Frauen' die nie rausgehen oder das Geld, das so ,schwarz wie Mortel' (kongolesischstämmiger deutscher Rapper) ist. Mann, was stimmt nicht mit denen? Ihre Zeit ist vorbei. In diesem Sinne Mashalla, Shalom, Cüs, Hallo, Adieu. Danke für ,Du bist Boss' - Hat mir bei meiner Chemo geholfen!"

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