Von Von Sonja Zekri

Aljona Pisklowa ist zu einer Galionsfigur der russischen Anti-Barbie-Bewegung geworden. Fast wäre sie als Kandidatin zur Wahl der Miss Universe gereist.

Vielleicht wird Barbie eines Tages tatsächlich so enden, wie man es auf der Webseite www.stopbarbie.org.ru schon heute sehen kann: Eingeschrumpelt und eingemauert im Mausoleum auf dem Roten Platz am Fuße des Kreml, auf dem dann nicht mehr "Lenin" stünde, sondern "Barbie". Vielleicht endet Barbie eines Tages tatsächlich als synthetische Untote, und das wäre dann ein Triumph für ein fünfzehnjähriges Mädchen aus dem Moskauer Umland.

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Das wahre Leben

Nach einem kometenhaften Aufstieg hat es Aljona Pisklowa geradezu zur Galionsfigur einer russischen Anti-Barbie-Bewegung geschafft, ist als Jeanne d'Arc oder Mütterchen Russland auf T-Shirts und Schokoladentafeln zu sehen, ja, Aljona wäre um ein Haar sogar im Juni als russische Kandidatin für die Wahl zur Miss Universe nach Quito, Ecuador, gefahren und das mit einem sympathisch normalen Äußeren, 164 Zentimeter Körpergröße und eher unbarbiehaften Proportionen (90-75-100). Aber gerade in dieser Durchschnittlichkeit liegt für ihre Anhänger das Außergewöhnliche. Bei den Vorausscheidungen für den Cat Walk in Quito, die erstmals in Russland via Internet-Votum auf der Seite "www.miss.rambler.ru" abgegeben wurden, erhielt Aljona in wenigen Tagen 10.000 Hits, so der Veranstalter Rambler. Die meisten gaben ihr fünf Punkte.

Für Aljona zu stimmen, so erläuterten ihre Anhänger auf einer eiligst erstellten Webseite, das sei ein flammender Protest gegen die "Barbifizierung" der Gesellschaft, gegen falsche Gefühle, Lächeln auf Fotos, Schönheitswahn und falsche Pop-Musik, gegen nikotinfreie Zigaretten und koffeinfreien Kaffee, kurz, Aljona stehe für Natürlichkeit und Authentizität, das wahre Leben eben. Die Begeisterung hielt selbst dann noch an, als das Votum für Aljona via SMS kostenpflichtig wurde.

"Sie kam aus heiterem Himmel. Anfangs dachte ich, es gebe ein Problem mit dem Programm", sagte Iwan Sassourskij, stellvertretender Direktor von Rambler, der Moscow Times: "Es war der größte Erfolg des Wettbewerbs und seine größte Bedrohung." Spielend schaffte es Aljona ins Halbfinale. Die Gefahr, dass ein provozierend normaler Teenager die Hochglanz-Schönen der Welt vom Laufsteg fegen würde, war mit den Händen zu greifen. Es wäre ein Skandal gewesen. Schlimmer noch: Ein Witz. Oder nicht? Seit Jahren leiden Schönheitswettbewerbe unter der wachsenden Diskrepanz zwischen hohem Anspruch und hohlem Glamour. In Nigeria starben 200 Menschen bei Ausschreitungen gegen die Wahl zur Miss World, die daraufhin nach London verlegt wurde. Die Teilnahme der Afghanin Vida Samadzai beim Miss Earth Contest im vergangenen Jahr erbitterte selbst die afghanische Frauenministerin. Eine wachsende Zahl von Wettbewerben schickt Bikini-Schönheiten unter allen erdenklichen Vorwänden auf den Laufsteg: Für die Umwelt. Für die Frauen. Für den Frieden.

Guildo Horn des Laufstegs

Aljona Pisklowa, deren Nachname sie von einem Jungen übernommen hat, in den sie verliebt ist, Aljona Pisklowa, um bei ihrem Künstlernamen zu bleiben, wäre natürlich für nichts dergleichen nach Quito gefahren. "Was ist Macht?" -"Stark, aber nicht ewig." "Warum möchten Sie Miss Universe werden?" - "Aus Interesse", schrieb sie in den Fragebogen.

Sie wäre eine Art Guildo Horn des Laufstegs geworden, der Beweis, dass jeder es schaffen kann. Doch Schönheitswettbewerbe haben so viel mit Humor zu tun wie ein Nachmittag bei Putins. In einer Zeit, in der die Werbeindustrie gerade dabei ist, die Modelfähigkeit der Frau von Nebenan zu entdecken, entschied sich Rambler für die kleinkarierte Lösung: Aljoscha sei erst fünfzehn Jahre alt, drei Jahre zu jung für eine Miss Universe. Man müsse ihre Kandidatur leider zurückziehen, doch sie bekomme den "Preis der Sympathie der Zuschauer". Aljona - Schönheitskönigin der Herzen.

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(SZ vom 14.4.2004)