Früh wird er von der Königin gefördert, die ihn erst in ihr Bett holt, nachdem Edward ihr von seinen Erfahrungen mit heißblütigen Italienerinnen erzählt hat - womit auch das notorische Argument, Shakespeare müsse in Italien gewesen sei, abgehakt wäre.
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Geht es nach Roland Emmerich, wird William Shakespeare (Rafe Spall, im Bild) heute zu Unrecht gefeiert - er hatte einen genialen Ghostwriter. (© dapd)
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Ein faustischer Universalgelehrter ist das, beschlagen in allen Wissenschaften, und geplagt von einer zänkischen Ehefrau, die mit strengem Blick auf Edwards stets tintenverschmierte Hand quittiert, dass ihr Liebling sich heimlich wieder vollgemacht hat. In der Einsamkeit seiner Studierklause bannt dieses echt romantische Originalgenie weniger, was seine Phantasie, als das, was persönliches Erleben ihm eingegeben hat.
Immer wieder spiegelt der Film Szenen aus Shakespeares Dramen ins Biographische zurück: Der erdolchte Polonius hinterm Vorhang aus "Hamlet" - das war, als sein Vormund einen Spion in seine Schreibstube einschleuste. Und Edward benutzt das neue Medium Theater als Sprachrohr, um politisch einzugreifen. Mit seinem "Henry V." schürt er den Franzosenhass, mit "Richard III." führt er die Massen zur offenen Rebellion gegen die Machenschaften des buckligen Robert Cecil - Robert Hogg spielt ihn als hinreißend aasigen Schurken aus Eifersucht. Mit seinen Worten verführt der Earl sein Königreich und seine Königin. Während Elizabeth Edwards Hosenstall aufnestelt, ejakuliert er hohe Lyrik.
Und William Shakespeare? Er ist bei Rafe Spall eine Knallcharge, ein schlitzohriger Säufer und Hurenbock, der Ben Jonson das Geheimnis der wahren Autorschaft abringt, um Edward de Vere zu erpressen - und der nicht einmal seinen Namen schreiben kann. Shakespeares Töchter waren bekanntlich Analphabetinnen, ein weiterer Stich Emmerichs.
Rühmen muss man das Bild von Elizabeth I., das der Film zeichnet. Bei Joely Richardson als junger und Vanessa Redgrave als alter Königin ist sie nicht die virgin queen, als die sie üblicherweise gezeigt wird, sondern eine temperamentvolle Frau von kindischem Übermut. "You got her right", habe Vanessa Redgrave gesagt, als sie das Drehbuch gelesen hatte, so Emmerich: "Sie war eitel, kleinmädchenhaft und mannstoll." Die vielen Zeitsprünge verkomplizieren allerdings die ohnehin arg verschlungenen Handlungsfäden um Dichtung und Wahrheit, Herz und Krone, aus denen Roland Emmerich sein faustdickes Garn spinnt. Und dabei bleibt er bei aller Schwerfälligkeit auch noch ziemlich humorlos. Nur am Schluss gibt es eine amüsante Volte: Obwohl der Schweiß der Edlen nicht verhindern kann, dass der Falsche gekrönt wird, trägt der Dichter den moralischen Sieg davon.
Der schottische James erweist sich nämlich als ausgesprochener Theaternarr und glühender Verehrer Shakespeares. Immerhin, James' Theaterleidenschaft ist historisch verbürgt. Eines aber kann der Film nicht erklären: Weshalb der Earl of Oxford, der tatsächlich Literat war, ausgerechnet seine schlechteren Arbeiten unter dem eigenen Namen veröffentlichte, die genialen jedoch unter dem Pseudonym William Shakespeare.
ANONYMUS, GB/D 2011 - Regie: Roland Emmerich. Drehbuch: John Orloff. Kamera: Anna Foerster. Schnitt: Peter R. Adam. Mit: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, Joely Richardson, Rafe Spall. Verleih: Sony Pictures, 130 Minuten.
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(SZ vom 09.11.2011/mmai/pak)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Für die letzte Frage gibt es eine relativ simple Antwort. Die Gedichte, die unter Oxfords Namen bekannt sind, sind sehr frühe Gedichte, die er zum großen Teil noch als Teenager geschrieben hat. Über die Qualität kann man sich streiten. Ihr Problem ist weniger, dass sie flach und einfallslos wären als dass sie überambitioniert und manieriert wirken. Erst in den 1590er Jahren, erstmals mit Venus und Adonis, schrieb er unter dem Shakespeare Pseudonym.
Vergleicht man die frühen Gedichte (unter denen bereits einige Sonette sind, eine damals in England noch neue Form) mit den ca. 20 Jahre später verfassten Sonetten gibt sich ein durchaus kohärentes Bild. Denn auch die Sonette sind hoch artifiziell wenn auch ungleich souveräner und welthaltiger.
Von einer Zeitung wie der SZ würde man sich wünschen, dass sie versucht sich dem Thema der Verfasserschaft, das nun mal seit langer Zeit viele, auch berühmte Menschen beschäftigt, mit einem Mindestmaß an Objektivität zu nähern. Amerikanische Publikationen wie die New York Times, The New Yorker und The Atlantic haben sich schon vor einigen Jahren ausführlich und ausgewogen damit befasst.
Die persönliche Meinung von C. S. ist vollkommen legitim, doch verstehe ich nicht, warum er nun schon zum zweiten Mal über den Film und das Thema schreibt (das erste Mal von der Buchmesse) anstatt dass auch mal die Gegenseite zu Wort kommt.
Man könnte zum Beispiel mal Rüdiger Safranski zu Wort kommen lassen, der sich jüngst als Oxfordianer bekannte und der durchaus nicht im Verdacht steht ein sektiererischer Spinner zu sein.
Meine eigenen Ansichten zum Thema habe ich hier zu Wort gebracht: http://www.freitag.de/community/blogs/thomas-w70/wer-schrieb-shakespeares-werke---ein-plaedoyer-aus-aktuellem-anlass
All the world's a fake, and all the men and women merely players. Und das Spielbergle von der Alb, der Katastrophenschinder, ein schierer Albtraum für die rechtschaffen bräsigen Stratfordians - recht geschieht ihnen. Sie (darunter fast alle Anglistik-Professoren hierzulande) haben sich allzu selbstgewiß eingerichtet in dem Wahn, man müsse nur eine hochgemut geschlossene Gesellschaft bilden - und schon läge das Universalgenie aller Geniegläubigen (nicht zuletzt MRR) mumifiziert im Sarkophag des Weltgeistes. Nicht weil Orlando Curioso die unangenehme Sekte der De-Vere-Verehrer dadurch geadelt habe, daß er aus den zahllosen Verschwörungstheorien à la Oxoniensis die absolut bescheuertste Variante, den Triple Tudor Incest, ausgebuddelt und mit Kunstblut auf die Leinwand gebannt hat. Das mögen nur die allerdümmsten Kälber an der Ochsenfurt glauben! Und dafür gehört Emmerich für den Rest seiner Tage ins Towerle, verdammt dazu, die vielen Hundert Quadratmeter Shakespeare-Literatur noch mal zu lesen, und noch mal ...
Sollten wir Skeptiker aber in letzter Zeit weggedämmert sein vor der Gloriole des großen Master Will - dann aber bitte aufgewacht: Occupy Shakespeare! Keine Macht den Trägen, an eurer Bank muß man sägen. Wieso das? Neulich fiel mir ein blitzgescheites Buch des weisen Erklärbären Bill Bryson in die Hände: "Shakespeare wie ich ihn sehe" - und das letzte Wort sitzt wie eine schwarze Klappe vor den Augen. Bryson ist ein überzeugter Stratfordian - um so überraschender, als so gut wie alle seine schönen Belege aus dem Ambiente des Master Will, dieses großen Impresarios, uns vor Augen führen, daß dieses nur posthum gedruckte Riesenwerk niemals von einem gehetzten Manager der höchst unübersichtlichen Theater- und Literatenszene allein geschaffen worden sein kann. Weil - so schloß er messerscharf ... Ich gehöre zu den Zweiflern - wie Sir Derek Jacobi, der so viele Shakespeare-Texte gesprochen hat in seinem Leben. Von Titus Andronicus zu den Sonetten über den Sommernachtstraum hin zu Macbeth - das war eine Truppe von Literaten, die ihre Stücke (vielleicht auch ihre Seele) an den Großen Zampano verkauft haben mögen. Nicht, daß Master Will nicht selbst gedichtet hätte - er war schon der beste - und den großen Rest der Stücke, die nicht von ihm waren, hat er "Will-mäßig" aufgemotzt. Wie die ersten, zweiten, dritten Fassungen ausgesehen haben mögen? Ein Königreich für ein (P)Fund Papier!
"Die Stücke wurden von einem Unbekannten geschrieben, der sich William Shakespeare nannte." Oder so ähnlich hat es Shaw formuliert.
Da wird kein "Fass aufgemacht". Es wird dies nur behauptet. Dieser Artikel dient der Bewerbung des Films. Nicht mehr.
Von wegen "Tsunami der Empörung".
"The Guardian's Damon Wise labelled the film a "meticulously crafted and often well-acted exposé"."
http://www.guardian.co.uk/film/2011/oct/25/shakespeare-film-anonymous-stratford
http://www.guardian.co.uk/film/2011/oct/27/roland-emmerich-anonymous?INTCMP=ILCNETTXT3487
Ich verstehe nicht, warum man da so ein Fass wegen aufmacht. An der Qualität der Texte ändert sich doch nichts. Da tun dann nur alle wieder so empört. Als ob wichtig wäre, WER die Stücke geschrieben hat. Unnötige Diskussion.
Wenn das einem Zeitgenössischen Autor passiert, wäre das sehr wohl ein Skandal, weil dann jemand sein Recht auf ein Kunstwerk nicht geltend machen könnte, so aber ... wen interessiert das noch?!
Paging