Roland Emmerich spinnt in seinem neuen Film "Anonymus" ein faustdickes Garn der Verschwörungstheorien um William Shakespeare. Auf schmalem Grat zwischen Fakten und Fiktion entfacht er aufs Neue die Diskussion um die Identität des Dramatiker-Genies.
Ein Mann rennt im strömenden Regen durch die Gassen von London, die so schlammig sind, dass er von einer Laufplanke zur nächsten hastet, und er rennt um sein Leben. Gehetzt von den Schergen der city fathers, rettet er sich in das ehrwürdige Globe Theatre, die Shakespeare-Bühne - hochsymbolischer Ort der freien Rede und Zufluchtsstätte aller wahren Patrioten.
Video
"Anonymus" im Kino – War Shakespeare ein Schwindler? (© Video: zoomin / Vorschaubild: dapd)
Anzeige
Das Bündel, das der Verfolgte unter seinem Umhang birgt, es ist kein Kind, nicht der von Meuchelmördern bedrohte legitime Thronfolger Englands, sondern eine speckige Mappe mit Manuskripten, die er in einer Truhe im Unterboden der Bühne versteckt. Dann brennen die Häscher das Theater nieder, ergreifen den Missetäter und schleifen ihn in den Tower, zum peinlichen Verhör im Widerschein glühender Zangen.
So beginnt Roland Emmerichs Shakespeare-Film "Anonymus", und er endet damit, dass der Mann, der in der ersten Szene vor der Staatsmacht floh, in der rauchenden Ruine des Theaters ebenso unverhofft wie unversehrt jene Kladde wiederfindet, welche die unsterblichen letzten Werke ihres Verfassers enthalten: Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford, der schon zehn Jahre tot war, bevor sich Shakespeare vom Theater zurückzog und deshalb auf Vorrat geschrieben haben müsste.
Dass dieser elisabethanische Edelmann 37 Dramen geschrieben habe und sich eines Strohmannes namens Shakespeare bediente, um sie auf die Bühne zu bringen, ist die seit 90 Jahren herumspukende Verschwörungstheorie, aus der Roland Emmerich ein opulentes Historiendrama gemacht hat. Bereits vor dem Kinostart hat dieses Sakrileg am englischen Nationalerbe einen Tsunami der Empörung ausgelöst.
Aber die finale Wendung, die wundersame Rettung der Handschriften, ist nicht nur ein filmischer Twist, sondern ein wichtiges Detail in einer langen Beweiskette. Emmerich will die "Oxford-These", die erstmals 1920 von dem nordenglischen Laienprediger J. Thomas Looney aufgebracht wurde und prominente Anhänger wie Sigmund Freud fand, erhärten. Und es gibt viele Szenen im Film, die dramaturgisch entbehrlich sind, aber gebraucht werden, weil sie Standardeinwände der Gegner, der sogenannten Stratfordianer, entkräften und die Fraktion der Oxfordianer stärken sollen.
Dabei räumt Emmerich im Interview mit dieser Zeitung freimütig ein, von seiner "dramatic licence" weidlich Gebrauch gemacht und sich die historischen Fakten so zurechtgeschnitzt zu haben, wie er sie als Storyteller brauchte. So nennt er es eine "Relativierung", dass der Film einen Prolog hat, in dem ein Schauspieler auf eine Bühne tritt. Wenn der Vorhang aufgeht, beginnt das Stück-im-Stück, eine Phantasmagorie, derzufolge die Politik den Earl of Oxford bewogen habe, seine Autorschaft zu verleugnen.
Dass dieser Schauspieler allerdings kein Geringerer ist als der gefeierte britische Shakespeare-Darsteller Derek Jacobi, der sich mit einer Ehrenerklärung zu seinem Zweifel an Shakespeares Verfasserschaft bekannte, relativiert wiederum die Relativierung - und auf diesem schmalen Grat zwischen fact und fiction tänzelt Roland Emmerich professionell.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 3 nächste Seite
Angelina Jolies Regiedebüt "In the Land of Blood and Honey". Eine Filmkritik Jetzt lesen ...
- "Anonymus" feiert Deutschlandpremiere Vanessa Redgrave auf dem roten Teppich 28.10.2011
- Emmerich-Film "Anonymus" auf der Buchmesse Back dir einen Shakespeare 15.10.2011
- "Cheyenne" im Kino Heimat ist nur ein Gefühl 12.11.2011
- "Meek's Cutoff" im Kino Wenn es Frauen richten müssen 11.11.2011
- Keira Knightley über Sadomaso "Dämonisch ist ein gutes Stichwort" 10.11.2011
- "Eine dunkle Begierde" im Kino Gewalt, Dominanz, Qual 10.11.2011
- "Aushilfsgangster" im Kino Auf Beutezug im Banker-Milieu 07.11.2011
Bundespräsidentenwahl
Für die letzte Frage gibt es eine relativ simple Antwort. Die Gedichte, die unter Oxfords Namen bekannt sind, sind sehr frühe Gedichte, die er zum großen Teil noch als Teenager geschrieben hat. Über die Qualität kann man sich streiten. Ihr Problem ist weniger, dass sie flach und einfallslos wären als dass sie überambitioniert und manieriert wirken. Erst in den 1590er Jahren, erstmals mit Venus und Adonis, schrieb er unter dem Shakespeare Pseudonym.
Vergleicht man die frühen Gedichte (unter denen bereits einige Sonette sind, eine damals in England noch neue Form) mit den ca. 20 Jahre später verfassten Sonetten gibt sich ein durchaus kohärentes Bild. Denn auch die Sonette sind hoch artifiziell wenn auch ungleich souveräner und welthaltiger.
Von einer Zeitung wie der SZ würde man sich wünschen, dass sie versucht sich dem Thema der Verfasserschaft, das nun mal seit langer Zeit viele, auch berühmte Menschen beschäftigt, mit einem Mindestmaß an Objektivität zu nähern. Amerikanische Publikationen wie die New York Times, The New Yorker und The Atlantic haben sich schon vor einigen Jahren ausführlich und ausgewogen damit befasst.
Die persönliche Meinung von C. S. ist vollkommen legitim, doch verstehe ich nicht, warum er nun schon zum zweiten Mal über den Film und das Thema schreibt (das erste Mal von der Buchmesse) anstatt dass auch mal die Gegenseite zu Wort kommt.
Man könnte zum Beispiel mal Rüdiger Safranski zu Wort kommen lassen, der sich jüngst als Oxfordianer bekannte und der durchaus nicht im Verdacht steht ein sektiererischer Spinner zu sein.
Meine eigenen Ansichten zum Thema habe ich hier zu Wort gebracht: http://www.freitag.de/community/blogs/thomas-w70/wer-schrieb-shakespeares-werke---ein-plaedoyer-aus-aktuellem-anlass
All the world's a fake, and all the men and women merely players. Und das Spielbergle von der Alb, der Katastrophenschinder, ein schierer Albtraum für die rechtschaffen bräsigen Stratfordians - recht geschieht ihnen. Sie (darunter fast alle Anglistik-Professoren hierzulande) haben sich allzu selbstgewiß eingerichtet in dem Wahn, man müsse nur eine hochgemut geschlossene Gesellschaft bilden - und schon läge das Universalgenie aller Geniegläubigen (nicht zuletzt MRR) mumifiziert im Sarkophag des Weltgeistes. Nicht weil Orlando Curioso die unangenehme Sekte der De-Vere-Verehrer dadurch geadelt habe, daß er aus den zahllosen Verschwörungstheorien à la Oxoniensis die absolut bescheuertste Variante, den Triple Tudor Incest, ausgebuddelt und mit Kunstblut auf die Leinwand gebannt hat. Das mögen nur die allerdümmsten Kälber an der Ochsenfurt glauben! Und dafür gehört Emmerich für den Rest seiner Tage ins Towerle, verdammt dazu, die vielen Hundert Quadratmeter Shakespeare-Literatur noch mal zu lesen, und noch mal ...
Sollten wir Skeptiker aber in letzter Zeit weggedämmert sein vor der Gloriole des großen Master Will - dann aber bitte aufgewacht: Occupy Shakespeare! Keine Macht den Trägen, an eurer Bank muß man sägen. Wieso das? Neulich fiel mir ein blitzgescheites Buch des weisen Erklärbären Bill Bryson in die Hände: "Shakespeare wie ich ihn sehe" - und das letzte Wort sitzt wie eine schwarze Klappe vor den Augen. Bryson ist ein überzeugter Stratfordian - um so überraschender, als so gut wie alle seine schönen Belege aus dem Ambiente des Master Will, dieses großen Impresarios, uns vor Augen führen, daß dieses nur posthum gedruckte Riesenwerk niemals von einem gehetzten Manager der höchst unübersichtlichen Theater- und Literatenszene allein geschaffen worden sein kann. Weil - so schloß er messerscharf ... Ich gehöre zu den Zweiflern - wie Sir Derek Jacobi, der so viele Shakespeare-Texte gesprochen hat in seinem Leben. Von Titus Andronicus zu den Sonetten über den Sommernachtstraum hin zu Macbeth - das war eine Truppe von Literaten, die ihre Stücke (vielleicht auch ihre Seele) an den Großen Zampano verkauft haben mögen. Nicht, daß Master Will nicht selbst gedichtet hätte - er war schon der beste - und den großen Rest der Stücke, die nicht von ihm waren, hat er "Will-mäßig" aufgemotzt. Wie die ersten, zweiten, dritten Fassungen ausgesehen haben mögen? Ein Königreich für ein (P)Fund Papier!
"Die Stücke wurden von einem Unbekannten geschrieben, der sich William Shakespeare nannte." Oder so ähnlich hat es Shaw formuliert.
Da wird kein "Fass aufgemacht". Es wird dies nur behauptet. Dieser Artikel dient der Bewerbung des Films. Nicht mehr.
Von wegen "Tsunami der Empörung".
"The Guardian's Damon Wise labelled the film a "meticulously crafted and often well-acted exposé"."
http://www.guardian.co.uk/film/2011/oct/25/shakespeare-film-anonymous-stratford
http://www.guardian.co.uk/film/2011/oct/27/roland-emmerich-anonymous?INTCMP=ILCNETTXT3487
Ich verstehe nicht, warum man da so ein Fass wegen aufmacht. An der Qualität der Texte ändert sich doch nichts. Da tun dann nur alle wieder so empört. Als ob wichtig wäre, WER die Stücke geschrieben hat. Unnötige Diskussion.
Wenn das einem Zeitgenössischen Autor passiert, wäre das sehr wohl ein Skandal, weil dann jemand sein Recht auf ein Kunstwerk nicht geltend machen könnte, so aber ... wen interessiert das noch?!
Paging