Jeanette Biedermann steht von nun an täglich mit weit aufgerissen Augen stumm vor einem schleimigen Typen im weißen Anzug: Sat 1 hat eine neue Telenovela.
Es passiert zwischen Wischmopp und Toilettentür. Jonas Broda, Juniorchef der Berliner Werbeagentur Broda & Broda, stolpert über Anna Polaukes Putzgeräte. Und sogleich ist es um die Aushilfsperle im rustikalen Lokal Goldelse geschehen - die Liebe hat sie erwischt. Vor Schreck bleibt ihr die Stimme weg, die rougierten Wangen glühen, und die Augen, das zeigt die Kamera ganz nah, sind toll getuscht.
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Jeannette Biedermann in "Anna und die Liebe" als das "schüchternste Mädchen der Welt". (© Foto: Sat1)
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So dramatisch stellt Sat 1 den sogenannten Magic Moment dar, ohne den bekanntermaßen keine Telenovela auskommt, weil erst er die Geschichte von den Liebenden, die nicht zueinander kommen dürfen, in Gang setzt.
Mit Anna und die Liebe hat Sat 1 also wieder einen pinkfarbenen TV-Roman im Programm. Er ist, vom Presseheft bis zur Gesamtanmutung, so pink und süßlich wie der einstige Bestseller "Verliebt in Berlin" (VIB), und das in voller Absicht.
Es gehe darum, mit "Anna und die Liebe" dieselbe Tonalität herzustellen, um Zuschauern, die sich von "Verliebt in Berlin" gut unterhalten fühlten, an Sat 1 zu binden. Sagt Produzent Christian Popp. Er führt nicht nur die Geschäfte der Pro-Sieben-Sat-1-Firma Producers at work, die Anna fabriziert.
Er hat inzwischen fünf Telenovelas im Akkord gemacht, darunter mit ViB die erfolgreichste (bis zu sieben Millionen Zuschauern in der Spitze). Popp hat also dafür gesorgt, dass es das Genre im fünften Jahr nach seinem Import aus Latein- und Südamerika immer noch im deutschen Fernsehen gibt.
Seinen magischen Moment mit dem deutschen Publikum hatte das extrem kostenbewusst hergestellte Format am 1. November 2004, als das ZDF (Popp war damals als Grundy-Ufa-Produzent beteiligt) mit "Bianca - Wege zum Glück" erste Maßstäbe setzte und auf Anhieb mehr als zwei Millionen Zuschauer interessierte.
Der gelungenen Premiere im Gutsherren-Milieu setzte Sat 1 umgehend den urbanen Verkleidungskitsch ums mausgraue Moppelchen Lisa Plenske entgegen, das sich in Berlin in den Juniorchef einer Modefirma verliebt und nach 365 Folgen heiratet - bei jeder Telenovela steht ja am Ende garantiert die Hochzeit.
Die dritte Generation
Die erste Generation Telenovela war etabliert. Die zweite brachte Flops ("Sophie - Braut wider Willen"/ARD, "Lotta in Love"/ProSieben, "Tessa - Leben für die Liebe"/ZDF) und missachtete die Hochzeitsregel. Kaum ist die Heldin unter der Haube, steht die nächste am Horizont, und aus der Telenovela wird formal eine Soap ohne absehbares Ende.
So tobt in der ARD "Der Sturm der Liebe" seit mehr als 670 Folgen (Rekord!) und zwei Hochzeiten; auch die "Roten Rosen" (mehr als 400 Folgen) blühen endlos, und im ZDF haben nach Bianca schon Julia, Nina und Luisa die Wege zum Glück gesucht. Die nächste heißt Nora.
Nun also die dritte Generation. "Die Fortschreibung des Formats in die dritte Generation würde ich nicht als revolutionär beschreiben", sagt Telenovelist Popp. "Wir betreiben Format-Tuning." Na klar, Tuning. Wenn es etwas gibt, das Zuschauer vertreibt, dann sind es Begriffe wie Format-Tuning. Popp meint damit: dass nur Gesichter und Namen wechseln. Aus Lisa Plenske wird Anna Polauke.
Warum ein Paar über 200 Folgen nicht Paar sein darf, stellt die Autoren vor die größte (und vielleicht einzige) Herausforderung. Wie finde ich einen noch nicht erzählten, originellen Hinderungsgrund für eine Liebesgeschichte? Der Klassiker "er ist reich, sie arm" taugt in demokratischen Industriegesellschaften allenfalls als historische Parodie. "Verliebt in Berlin" hat die Variante "sie ist hässlich, er ein Beau" ausgereizt. Die Innovation in Anna und die Liebe beschränkt sich auf einen PR-Satz: "Das schüchternste Mädchen der Welt!"
Anna Polauke, begabt und kreativ, kriegt im entscheidenden Moment den Mund nicht auf. Und ist mit diesem Problem angeblich nicht allein. Fast 50 Prozent der Deutschen, haben Christian Popps Leute recherchiert, schätzten sich selbst als tendenziell schüchtern ein und verbauten sich so angeblich den beruflichen wie privaten Aufstieg. Klopfende Herztöne, ständige Close-ups auf Augen und Mund - das ist Telenovelakunst, Schauspielkunst ist etwas anderes.
Die Zuschauer-Sehnsucht nach Aschenputtel
Der Erfolg der Anna-Polauke-Story hängt davon ab, wie viele Marktanteile "Anna und die Liebe" der starken RTL-Konkurrenz rauben kann. Zeitgleich, kurz nach sieben läuft, dort die Soap "Alles was zählt", in deren 500. Folge am Donnerstag, hoppla, geheiratet wird. "Schmetterlinge im Bauch", auch ein Popp-Werk, schaffte das im August 2006 nicht und wurde vorzeitig eingestellt.
Produzent Popp glaubt, dass es die Sehnsucht der Zuschauer nach einer Aschenputtelgeschichte weiterhin gebe. Tägliche Serien seien "das Flaggschiff jedes Senders".
Und die Sender entwickeln. Das ZDF ist (mit Grundy Ufa und Teamworx) an "Alisa - Funkelnde Liebe" (Arbeitstitel) dran, die im März 2009 den Wege-zum-Glück-Schnulzen folgen soll. Heike Hempel, die für das Projekt verantwortliche ZDF-Redakteurin sagt: "Modern" und "auf der Höhe der Zeit" soll Alisa sein. Das ist komisch. Denn (inhaltliche) Moderne und Telenovela schließen sich eigentlich aus.
Anna und die Liebe, Sat 1, montags bis freitags, 19 Uhr.
- Krise bei Pro Sieben Sat 1 Ein Schlachtfest 25.04.2008
- Bildergalerie Alles Lisa: Schon wieder verliebt 16.04.2007
(SZ vom 25.8.2008/sst/pak)
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Ich dachte, die Sendung wird erst ab heute abend ausgestrahlt ... Wie kommt es dann, dass so viele Leute sich darüber freuen, anhand dieses SZ-Artikels noch vorher ihre (zugegebenermaßen nachvollziehbare) Prognose abgeben zu dürfen ?
Jedenfalls sollten wir der SZ dankbar sein, dass sie uns mal wieder ein solches Forum zur Verbreitung unserer Abscheu zur Verfügung stellt. Wo sollten wir sonst hin damit ? :-)
dww
Wer so etwas einschaltet, ist selber schuld, dem ist nicht mehr zu helfen, Unterschichtenfernsehen billigster Machart, mit einem Wort - Dreck
ambio, nicht bei den Privaten ist irgendjemand zu steinigen, sondern z.B. bei Zeitungen wie der SZ, die ein derartiges Thema aufgreifen.
An dieser Stelle berichtet man gerne über Angebote des Unterschichtenfernsehens. Liegt das daran, daß die jeweiligen Autoren überhaupt nur derartige Formate geistig erfassen und in einen Artikel transformieren können? Über zwanzig verfügbare Sender sollten eigentlich die Möglichkeit schaffen, auch über Qualität berichten zu können.
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Jeanette Biedermann nervt total. Bereits in der ersten Folge möchte man ihre Schüchternheit gegen eine Wand schlagen. (Oder sie gegen eine Wand....???)
Dieser Artikel steht doch schon im Print. Hatte die Online-Redaktion keine Zeit, einen eigenen Beitrag zu schreiben?