Das Phänomen Razzia: Warum die Behörden Durchsuchungen ankündigen, obwohl man das eigentlich nicht tut - und warum noch viel Arbeit nach dem Kauf des DVD-Staralbums der Steuersünder bleibt.
Razzien sind verabredungsgemäß, so lehrt es schon die Online-Enzyklopädie Wikipedia, groß angelegte Durchsuchungsaktionen der Polizei. Der Begriff kommt aus dem Arabischen und meint den "Kriegszug, Raubzug," oder auch die "Angriffsschlacht". Neben der Tatsache, dass bei einer Razzia aktiv angegriffen wird, ist nicht ganz unwesentlich, dass Razzien immer das Moment der Überraschung gemein ist.
Wir sind schon da: Fernsehteams und Fotojournalisten erwarten die Ankunft des Zumwinkel-Anwalts. (© Foto: AP)
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Der von einer Razzia Betroffene weiß nicht, dass man ihn auf dem Radar hatte und eben unerwartet zur Identitätsfeststellung oder zur Durchsuchung seiner Sachen und Räumlichkeiten beziehungsweise zur Sicherstellung von illegalen Gegenständen und Beweismitteln überraschend heimsucht.
Denn anders als ein Vollstreckungsbefehl oder eine Vorladung vor Gericht - oder auch nur der Besuch eines Gerichtsvollziehers - möchten die eine Razzia durchführenden Organe ausdrücklich sichergestellt wissen, dass keine Vertuschung oder Beiseiteschaffung von Beweismitteln mehr möglich ist. Gefahrenabwehr, und zu diesem Zweck wird die Razzia durchgeführt, meint also ausdrücklich, dass sich der Oberservierte in Sicherheit wiegt, in trügerischer Sicherheit - bis zu dem Moment, da die Ermittler anklopfen.
Und so kennt die Razzia immer zwei konstituierende Elemente: Die spektakulär durchgeführte Durchsuchung - das ist der Part, der die Ermittlungsbehörden am meisten interessiert, weil sie an gefundenen Beweisen, also am Ergebnis ihrer "Angriffschlacht" interessiert sind. Und es gibt den spektakulär Durchsuchten - das ist der Part, an dem die Medien und über sie anschließend die Öffentlichkeit am meisten interessiert sind, weil sie so erst erfahren, dass jemand unter schlimmen Verdacht geraten ist - so schlimm, dass er eine Razzia rechtfertigt.
Das überraschte, anschließend kopfschüttelnde "Oh!" der Öffentlichkeit gehört damit zur Razzia wie der Durchsuchte und die durchführende Behörde. Das ist bei gedopten Blutkonserven nicht anders als bei der Steuerhinterziehung.
Wie völlig verquer verlief und verlaufen dagegen die Razzien im Umfeld von Deutschlands größtem Steuerbetrugsskandal! Schon die Durchsuchung beim Postchef Klaus Zumwinkel vom vorigen Donnerstag und sein Abtransport zur Vernehmung fanden so statt, dass anscheinend alle außer Zumwinkel zuvor von der bevorstehenden Razzia in Kenntnis gesetzt wurden. Derart viele Kamerateams waren vor Ort und auf Sendung, dass sie eigentlich keiner Razzia mehr beiwohnten, sondern der Inszenierung einer Razzia vor laufender Kamera. Reality-TV mit dem Postchef als Hauptdarsteller. So muss man es machen, wenn man sich seiner Sache sehr sicher ist und konsequent durchgreifende Behördenkompetenz darstellen will.
Was nun aber tatsächlich frappiert, ist nicht, dass ein angeblich honoriger Prominenter, ein Verantwortungsträger und verdienstvolles Mitglied dieser Gesellschaft bei tiefem Sturz vorgeführt wird - als wohl ertappter Steuerhinterzieher. Erschütternd ist, dass dieselben Behörden und Staatsanwaltschaften in die Mikrofone hinein verkünden lassen, dass Zumwinkel erst der Anfang und weitere Razzien in dieser speziellen Affäre geplant seien.
Weniger Geheimnis um per definitionem geheime Behördenaktionen war nie. Dabei erfolgte die Ankündigung weiterer Maßnahmen unmittelbar vor dem Wochenende; sie gab also den Verdächtigen, die nun gar nicht mehr anders konnten als die Nachtigall trapsen zu hören, genügend Zeit, ihre krummen Dinge zu regeln und wieder ins Reine zu bringen.
Warum tut man das? Was bringt Ermittlungsbehörden dazu, so plakativ zu verfahren? Und eben nicht zeitgleich bei allen Verdächtigen aufzutauchen?
Die Antwort kann nur lauten: Man ist sich derer, die da spektakulär besucht werden, so sicher, dass man die Razzia eigentlich gar nicht mehr benötigt. Tatsächlich, so scheint es, zielen die Inszenierungen, die in synchrone Bilder und Reportagen übersetzt und medial gestreut werden, auf diejenigen, von denen man (noch) nichts weiß.
Offenbar glaubt man, dass die Liechtenstein-Connection so populär ist unter Deutschlands Steuerflüchtlingen, dass die Behörden auf massenhafte Selbstanzeigen hoffen dürfen, nachdem die spektakulären Bilder von der Zumwinkel-Abführung und die Ankündigung weiterer Razzien ausgestrahlt worden sind. Motto: Ein Wochenende macht sie alle mürbe! Auch die, die gar nicht auf unserem, für fünf Millionen erkauften DVD-Staralbum versammelt sind, die aber nicht wissen, dass sie nicht auf unserem Staralbum gelistet sind.
Auch wenn sich die Ermittlungsbehörden nach der Zumwinkel-Inszenierung und der Ankündigung weiterer Razzien in den Einzelfällen schwerer tun dürften, weil man das Überraschungsmoment freiwillig aufgegeben hat - im Gesamt-Effekt scheint man sich von den Einknickern und Bangebüxen des vergangenen Wochenendes weitaus größeren Ertrag zu versprechen.
- Steuerhinterziehung Razzia über Razzia - und eine Flut von Selbstanzeigen 18.02.2008
- "Anne Will" zur Manager-Gier Razzia gegen Raffkes 18.02.2008
- Selbstanzeige von Steuersündern 125 Heimsuchungen 17.02.2008
- Illegale Transfers nach Liechtenstein Millionäre zittern 16.02.2008
- Steuerfahndung gegen deutsche Millionäre Fünf Millionen für geheime Steuerdaten? 16.02.2008
(sueddeutsche.de / jja)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Wenn die Behörden eine Razzia ankündigen und dies im Vorfeld so stümperhaft breitgetreten wir, mag das eine Sache sein.
Aber kann das zulässig sein, das unser Bundesfinanzminister dann noch eine Amnestie freigibt? Steuersünder hatten doch bereits ein Ultimatum bekommen (und das von der Rot-Grün-Regierung unter Eichel) und nichts desto trotz verstreichen lassen.
Alleine dafür sollte man über eine Strafanzeige wegen Amtsmissbrauchs nachdenken!
in die Schlacht gegangen! @ Flugor
Daß die Anwälte von Zumwinkel und Co. den Vorwurf erheben werden, ist absehbar gewesen, denn die Staatsanwälte und die anderen Behörden sind ja auch keine Anfänger, die auf der Brennsuppe dahergeschwommen sind!
Da werden eben "übergeordnete" und "gesamtstaatliche" Interessen bemüht und das Ganze wird als Seminarthema und Lehrstück sicher in die Justiz-Geschichte noch eingehen. Eine schönes Schauspiel mit vielen Rollen und Nebenrollen in mehreren Aufzügen und immer wieder gerne aufgeführt!
"Oh, wie ist das schön, oh wie ist das schön, sowas hat man lange nicht geseh'n, so schön, so schön...."
Ich nicht. Ich kann gar nicht genug davon haben...
Get`em all !!
Die Hoffnung auf massenhaft Selbstanzeigen wird sich wieder in Luft auflösen. So wie sie nach der Einführung von Kontrollmitteilungen der Banken über Zinseinkünfte entäuscht wurde. Leider keine massenhaft Selbstanzeigen wie erwartet damals. Die Hoffnung wird auch diesmal nicht in Erfüllung gehen. Wer abgebrüht genug ist, seinen Knatter zum Zweck der Steuerhinterziehung nach Liechtenstein zu schaffen, macht sich auch wegen solch vollmundiger Ankündigungen nicht gleich in die Hose, sondern lieber den Aktenschrank sauber. Und lacht sich ins Fäustchen. Es ist schon traurig. Da hat der Fiskus einmal ein Gewinnerblatt auf der Hand und gibts dann einfach wieder aus der Hand. Das darf doch nicht wahr sein.
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