Angeben für Anfänger:Political Verrücktness

Thilo Sarrazin spricht gerne über "Kopftuchmädchen" und jüdische Gene, Europa will dafür den Sexismus in der Sprache abschaffen. Lernen Sie mitzureden über: Political Correctness.

Katharina Riehl

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(Foto: Reuters)

Thilo Sarrazin spricht gerne über "Kopftuchmädchen" und jüdische Gene, Europa will dafür den Sexismus in der Sprache abschaffen. Lernen Sie mitreden über: Political Correctness. Was ist das? Unter Political Correctness versteht man eine Einigung auf sozial verträgliche Ausdrucks- und Handlungsweisen. Der Begriff stammt aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung - man versuchte, der Diskriminierung von Schwarzen mit Hilfe einer neutralen Sprache entgegenzuwirken. Heute geht es bei der Political Correctness um alle Bereiche, in denen sich Gruppen von anderen Gruppen durch Sprache unterdrückt fühlen. Feministinnen zum Beispiel kämpfen gegen den generischen Maskulin, der beinhaltet, dass zum Beispiel das männliche Wort "Politiker" alle männlichen und weiblichen Poltiker gleichermaßen meint. Das sogenannte Binnen-I wurde erfunden, um allen PolitikerInnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Aktuell ist wieder einmal eine Debatte über politisch korrekte Ausdrucksweisen entbrannt. Der Herr im Bild, Thilo Sarrazin, spricht, um seine Thesen zur mangelnden Integration in Deutschland zu untermauern, gerne über "Kopftuchmädchen" und bestimmte Gene, die alle Juden im Körper trügen. Das hätte er wohl lassen sollen - nicht nur, weil seine Überlegungen dann vielleicht nicht in der politisch tierisch korrekten Aufregung untergegangen wären. Texte und Bildauswahl: Katharina Riehl/sueddeutsche.de

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(Foto: ddp)

So machen Sie sich lächerlich: So sehr Sie sich auch eine gerechtere Welt ohne Randgruppen wie Frauen, Farbige und Behinderte ... pardon, ohne die Stigmatisierung von Frauen, Farbigen und Behinderten wünschen mögen, gilt die Warnung: Übertreiben Sie es nicht. Gerade hat der Europarat empfohlen, im Kampf gegen die Diskriminierung der weiblichen Bevölkerungsschichten neue Wörter zu etablieren. So wäre doch anstelle des maskulin geprägten Wortes "Lehrerzimmer" der Begriff "Pausenraum" viel angebrachter, anstelle von "Vater" und "Mutter" sollte man einfach das Wort "Elter" verwenden: Elter und Elter von Lea-Sophie werden gebeten, sich gegen 14:00 Uhr im Pausenraum einzufinden. Aber nicht nur beim Thema Geschlecht, auch bei der Erwähnung fremder Nationalitäten sollten Sie nicht schon dann kritisch mit den Augenbrauen kräuseln, wenn jemand von einem ungaren Broccoli oder einem frankierten Briefumschlag spricht (man beachte die politisch korrekte Bebilderung). Auch die Frage, ob denn alle Schotten dicht seien, ist im Bereich der Nautik gar nicht so unverschämt, wie sie vielleicht klingt. Und, zu guter Letzt: Nein, man muss den Beatles keine antisemitischen Tendenzen unterstellen für ihr berühmtes Lied Hey, Jude. Das Wort "Anfänger" hat der Europarat aus sexismustheoretischen Überlegungen übrigens ebenfalls zur Abschaffung empfohlen. Deshalb muss diese Kolumne von nun an wohl Einbildung für Einsteigende heißen.

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(Foto: dpa)

So schinden Sie Eindruck: Erzählen Sie einen politisch korrekten Witz (der Dank an dieser Stelle gilt dem Verfasser des einschlägigen Beitrags in der uncyclopedia): Treffen sich ein Amerikaner afroafrikanischer Abstammung, ein Brite angelsächsischer Herkunft, eine französische StudentIn mit nymphomanen Neigungen und ein Angehöriger der serbokroatischen Sprachfamilie mit großserbischer Grundhaltung in einem barrierefreien Stadtverwaltungsgebäude. Sagt der Amerikaner mit afroafrikanischer Abstammung zu dem Angehörigen der serbokroatischen Sprachfamilie mit großserbischer Grundhaltung: "Du hast mir doch gestern Abend einen politisch korrekten Witz mit rekursiver Grundstruktur erzählt, den unsere beiden Freunde, die französische StudentIn mit nymphomanen Neigungen sowie der Brite angelsächsischer Herkunft noch nicht kennen." "Ja, stimmt," antwortet der Angehörige der serbokroatischen Sprachfamilie mit großserbischer Grundhaltung. "Willst du ihn nicht erzählen?" fragt der Amerikaner afroafrikanischer Abstammung. "Ja gut," erwidert der Angehörige der serbokroatischen Sprachfamilie mit großserbischer Grundhaltung. "Also der Witz geht so: Treffen sich ein Amerikaner afroafrikanischer Abstammung, ..."  Und dann blicken Sie erwartungsvoll in die Runde. Weil man einen Witz über Amerikaner afroafrikanischer Abstammung, Briten angelsächsischer Herkunft, französische StudentInnen mit nymphomanen Neigungen und Angehörige der serbokroatischen Sprachfamilie mit großserbischer Grundhaltung nur sehr schwer politisch korrekt bebildern kann, haben wir uns hier für das politisch korrekteste aller Fotos entschieden. Wuff!

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(Foto: Getty Images)

Zitieren Sie: Eine Dame, der bei ihrer ganz persönlichen Auseinandersetzung mit der Political Correctness wohl ein bisschen viel kalifornische Sonne aufs Hirn brannte. Laura Schlessinger, Radio-Moderatorin aus Los Angeles, fand es irgendwie unfair, dass sie manche Begriffe nicht ins Mikrofon säuseln soll, das Wort "Nigger" zum Beispiel. Deshalb brüllte sie besagtes Wort gleich elf Mal ins Mikro. Das kam nicht gut an, außer bei Sarah Palin. Laura Schlessinger musste ihren Job aufgeben, die ehemalie Vizepräsidentschaftskandidatin sprang ihr aber zur Seite: Weitermachen, Laura! In diesem, oder besser, im gegenteiligen Sinne: Bis nächsten Donnerstag!

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