Ang Lee im Interview Sex schmerzt

Er wird mit Preisen überhäuft und setzt in seinem neuesten Film auf explizite Liebesszenen: Regisseur Ang Lee über Lust und Qual seines Films "Gefahr und Begierde".

Interview: Marcus Rothe

Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit hat nach "Brokeback Mountain" Ang Lee im Sommer auf dem Filmfest in Venedig gewonnen. Sein neuer Film "Lust, Caution - Gefahr und Begierde", der diese Woche startet, erzählt von Spionage, Sex & Liebe im von den Japanern besetzten Schanghai der Vierziger.

Tang Wei als Wang Jiazhi in dem Drama "Gefahr und Begierde" von Ang Lee.

(Foto: Foto: ddp)

SZ: Es sieht so aus, als wollten Sie mit jedem Film etwas völlig Anderes ausprobieren ... diesmal also eine Kriegsgeschichte mit sehr viel starkem Sex.

Ang Lee: Naja, ich wollte die verschiedensten Positionen dabei ausprobieren - sowas habe ich noch nie gemacht! Ehrlich gesagt hat mir dieser Film die größte Angst eingejagt. Das war viel schwerer als eine amerikanische Schwulengeschichte zu erzählen. Ich von einer Kurzgeschichte von Eileen Chang aus, einer weiblichen Perspektive also, dazu als Hintergrund der unglaublich patriotisch aufgeladene Krieg der Chinesen gegen die Japaner. In der chinesischen Literatur gibt es kein Porträt der weiblichen Sexualität - alles dreht sich immer nur um die Männer. Vor allem aber ging es in dieser Geschichte um Vertrauen und Liebe, das sind - Dinge, die mich tief berühren.

SZ: Warum wollten Sie die Amour fou zwischen Spionin und Kollaborateur vor allem in langen Sexszenen erzählen?

Ang Lee: Die Sexszenen waren eine große Herausforderung, aber den Schauspielern bei ihrer Arbeit zuzusehen war für mich kein Vergnügen, es war schmerzhaft, qualvoll. Wir Asiaten sind nicht demonstrativ, sondern sehr scheu und zurückhaltend. Da wir nicht gern über unser Intimleben reden, blieb uns nur die Körpersprache. Wir versuchten unsere inneren Widerstände zu überwinden, fragten uns ständig, was die Leute von diesen Szenen halten würden. Wir haben das völlig improvisiert - bei den Actionszenen in "Crouching Tiger, Hidden Dragon" war das ähnlich. Da stand bloß im Drehbuch: "Sie kämpfen." In solchen Szenen werden die Schauspieler und ich gemeinsam zu Drehbuchschreibern.

SZ: Wie haben Sie Ihre Hauptdarstellerin Tang Wei entdeckt?

Ang Lee: Wir haben sie unter Tausenden chinesischen Schauspielerinnen gefunden, weil sie das richtige Aussehen für diese Epoche hatte. Sie erinnerte mich an die Generation meiner Eltern und ich vertraute darauf, dass sich diese Geschichte auf ihrem Gesicht abspielen konnte. Sie ist mein weibliches Alter Ego, hat eine Art Unschuld, ist aber zugleich eine Spielerin - daher war ich bei ihren Sexszenen mit Tony Leung ein wenig verstört ...

SZ: Von "Sinn und Sinnlichkeit" bis zu "Gefahr und Begierde" spielen Ihre Filme mit ähnlichen Spannungsfeldern - zwischen Eros und Vernunft.

Ang Lee: Ich frage mich immer wieder, ob freier Wille und die gesellschaftlichen Verpflichtungen vereinbar sind. Die Lust ist ein Deckmantel, ein Teil unserer Persönlichkeit, eine gewisse Oberfläche. Die Idee der caution, der Vorsicht, ist eine Art Ironie des Schicksals - als würde man sagen: Der Mann hat überlebt, weil er vorsichtig war, seine Geliebte dagegen zeigt Schwäche ... Eines aber bleibt: Man sollte die Liebe auf keinen Fall verneinen.

SZ: Neben den langen Sexszenen gibt es in dem Film auch eine endlose Mordszene - um zu zeigen, wie schwer es ist, zu töten und zu sterben?

Ang Lee: Nein, ich habe diese Szene mit dem Moment verbunden, in dem das Mädchen ihre Jungfräulichkeit verliert. Der Mord und der erste Sex - sie bezeichnen das Ende der Unschuld. Chinesen wachsen mit einer Menge Propagandafilmen auf, in denen von Loyalität und vom glorreichen Krieg geredet wird. Aber niemand zeigt, wie schwer es ist, jemanden zu erstechen. Oder sie zeigen den Vaterlandsverräter immer als reines Feindbild - aber niemals als Mensch, der auch Sex hat. Ich habe in meinem Film eine Menge kleiner Messerstiche für das asiatische Publikum verpackt ... Vielleicht ist er also nicht ganz schmerzfrei zu ertragen.

SZ: Beim Fest in Venedig haben Sie 2005 mit "Brokeback Mountain" den Siegeszug zum Oscar gestartet ...

Ang Lee: ... und es ist eine unglaublich anstrengende Reise geworden, ein halbes Jahr lang. Ich hatte ja beinahe die Pflicht, am Ende den Oscar zu gewinnen, weil der ganze Verleih des Films auf diesen Preis ausgerichtet war. Aber diesmal wird es anders sein. "Gefahr und Begierde" wird nicht jedermanns Sache sein. Bei "Brokeback Mountain" kamen die Menschen ja wie verliebt aus dem Kino.

SZ: Wollten Sie womöglich, mithilfe des Akteurs Tony Leung, mit Ihrem Film die Fortsetzung von Wong Kar-Wais "In the Mood for Love" drehen?

Ang Lee: Es gibt schon ein paar Parallelen zwischen den beiden Filmen, das muss ich zugeben. Jedesmal wenn Tony sich die Haare zurückgelt, diese Anzüge trägt und mit einer Chinesin im Seidenkleid auftritt, muss man automatisch an Wong Kar-Wai denken. Bei meinem Porträt vom Schanghai der Vierziger bin ich derselben Faszination erlegen, der auch Wong Kar-Wai erliegt, wenn er das Hongkong der längst vergangenen Sechziger inszeniert. Der Kleiderstil dieser Epoche ist unglaublich sexy. Mein Film spielt aber zwanzig Jahre früher, das macht einen großen Unterschied. In einer Szene beziehe ich mich auf Wong Kar-Wai, indem ich mich auf das Klappern der High -Heels konzentriere. Tony war völlig frustriert und außer sich, weil er sich dadurch an " In the Mood for Love" erinnert fühlte! Anscheinend waren die Dreharbeiten mit Wong eine traumatische Erfahrung für ihn! Ich musste immer wieder an meinen Vater denken, weil er sich damals - so wie Tony Leung in meinem Film - diese schreckliche Brillantine ins Haar schmierte. Allein wegen ihres Geruchs stürzten plötzlich viele alte Erinnerungen auf mich ein. Ich war verwirrt.

SZ: Wie schwer ist es für Sie, zwischen englischsprachigen und chinesischen Filmen zu wechseln?

Ang Lee: Ich kann leicht zwischen den beiden Sprachen und Kulturen hin- und herspringen. Natürlich kommt da immer eine ganz andere Ethik, Mentalität und Technik ins Spiel. Das sind zwei ganz verschiedene Welten. Manchmal bin ich ein wenig verwirrt, aber oft ziehe ich daraus Vorteile. Meine chinesischen Filme sind persönlicher und daher auch schmerzhafter, aber wenn ich sie drehe, spüre ich ein größeres Gefühl von Freiheit. Bei meinen amerikanischen Filmen habe ich eine distanziertere Sicht auf das Geschehen.