Andreas Gabalier in München "Tradition leben, mit der Zeit gehen"

Andreas Gabalier im Münchner Olympiastadion - wieder einmal sind alle Karten ausverkauft.

(Foto: imago/Plusphoto)
  • Andreas Gabalier, der selbsternannte, patentierte und tätowierte Volks-Rock'n'Roller, tritt mit seiner Mischung aus Volksmusik und Stadionrock in München auf.
  • Mehr als 70 000 Zuschauer sind ins Olympiastadion gekommen - und bilden eine rot-weiß-karierte Wolke in Dirndln und Lederhosen.
  • Das Publikum ist dem Österreicher ergeben, der nach eigenen Worten "ein riesiges Lebensgefühl" vermittelt. Das tut er in der Tat.
Konzertkritik von Jonas Lages

Nach einer Stunde wird er nachdenklich. Andreas Gabalier setzt sich auf seinen Holzhocker und erzählt, dass es für ihn "hie und da a bisserl Gegenwind" gebe. Dann wendet er sich an das Publikum: "Danke, dass man trotz der Öffentlichkeit auch Mensch sein darf und hier und da einfach seine Meinung kundtut." Applaus. Mit "A Meinung haben" folgt ein Loblied auf das Andersdenken, auf Menschen, die ihr politikverdrossenes Schweigen brechen und hinter ihrer Meinung stehen: "den Weg vom Anfang zu Ende gehen".

Da wäre sie dann also, zum ersten Mal - angedeutet nur, aber doch deutlich: die immer mal wieder gestellte Frage, wo dieser Andreas Gabalier denn politisch steht. Auf welcher Seite im Spektrum von links und rechts. Und, noch wichtiger: von gestern und heute. Wo er kommerziell steht, ist klar.

Gabalier, der selbsternannte, patentierte und tätowierte Volks-Rock'n'Roller, steht mit seiner Mischung aus Volksmusik und Stadionrock in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Platz 1 der Albumcharts: "Vergiss mein nicht". Am Samstagabend hat er das dritte Jahr in Folge zu seinen Hybriden aus Hüftschwung und Heimatliebe in das Münchener Olympiastadion geladen.

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Mehr als 70 000 Menschen sind gefolgt - und bilden eine rot-weiß-karierte Wolke in Dirndln und Lederhosen. Es gibt generationenübergreifende Polonaisen, schunkelnde Pärchen und textsicher murmelnde Kopfnicker. Manch einer nimmt seine Sandalen in die Hände und klatscht in die Sohlen, während die Bebilderung der zwölf vertikalen Monitore irgendwo zwischen Bildschirmschoner und Rorschachtest schwankt.

Nachdem der Österreicher Gabalier zum Auftakt zu "I sing a Liad für di" an seinem Klavier auf die Bühne gefahren kommt, spielt er die aktuelle Single "Verdammt lang her". Für die hat er Bryan Adams' "Summer of 69" ins Österreich der Neunziger verlegt und sehnt sich darin nach einer Zeit, in der er und seine Jungs "phänomenal emotionally" waren. "Wahnsinn, wie sehr i an die Zeiten häng'", singt er, gewandet in Lederhose und Steppweste, in sein Mikrofongeweih und die zwei zwischen Cellistin und Bläsern platzierten Background-Sängerinnen wirbeln ihre Petticoats.

Es ist dies eine Nostalgie, die mit mit dem Unbehagen an Veränderungen kokettiert, einer Unzufriedenheit mit der Gegenwart. Man habe es heutzutage nicht leicht, meinte Gabalier einmal, "wenn man als Manderl noch auf Weiberl steht". Und natürlich meint er auch dies: "Wenn du in Österreich bist, schaust du dir eine Kirche an, wenn du in einem muslimischen Land bist, schaust du dir die Moschee an. Vielfalt bedeutet für mich, dass nicht alles zu einem Brei wird. Ich liebe die Unterschiede." Es sei "traurig, wenn heute alles so gleichgespült werden soll."

2014 sang er bei einem Formel-1-Rennen die alte Fassung der österreichischen Nationalhymne und damit statt von der Heimat "großer Töchter und Söhne" nur von den männlichen Nachkommen. Und als im vergangenen Jahr der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen über das Tragen von Kopftüchern als Zeichen gegen Islamophobie sprach, postete Gabalier ein Foto von sich mit rot-weiß karierter Kopfbedeckung: "aus Solidarität unseren Frauen gegenüber". So viel zu eine Meinung haben.

Da singt einer vom Dorfleben - und 70 000 hören zu

Und so entwirft Gabalier in seiner Musik das Gegenmittel einer fröhlich heilen Welt, in der man Traditionen lebt und Werte bewahrt. Frauen sind hier Zuckerpuppen und Lipstick-Ladies, die von Männern beschützt und unterstützt werden. Die Herren: bodenständige Bergbauernbuam. Es ist viel von Heimat die Rede, Landleben, Familie, Gemeinschaft.

Überhaupt Heimat: Gabalier beklagt die negativen Konnotationen des Begriffs. Verdichtet in "Kleine heile steile Welt" singt er: "I glaub an mei Land und die ewige Liab / Nix is mehr Daham als ein Schnitzel aus der Pfann / Tradition leben, mit der Zeit gehen"; "in einem christlichen Land hängt ein Kreuz an der Wand". Es ist schon bemerkenswert, diese performative Paradoxie: da singt einer vom eingeengten Dorfleben und 70 000 hören zu. Allerdings hat das Publikum dafür das Schunkeln eingestellt.

Als Gabalier dann im letzten Drittel des fast dreistündigen Konzertes seine Balladen spielt - "der Schmalz muss manchmal einfach rinnen" -, sind ihm die Zuschauer längst wieder ergeben. Ihm, der zwischen Märchenonkel und Animateur pendelt. Ihm, der vor dem Publikum auf die Knie geht und "Hulapalu"-Sprechchöre als Antwort erhält. Ihm, der nach Eigenaussage "ein riesiges Lebensgefühl" vermittelt. Das tut er in der Tat. Es ist ein kollektiver Eskapismus, eine nostalgische Zuflucht im Gestern. Nostalgie ist aber nie allein Sehnsucht nach der Vergangenheit, nie allein Widerstand gegen die Gegenwart. Im Grunde ist sie auch immer der Wunsch nach einer anderen Zukunft. "Wahnsinn, Wie sehr i für die Zeiten brenn'". Wirklich: Wahnsinn.

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