Später fällt Monika wieder ein, dass ihr Entführer ja eigentlich einen Raub verüben wollte, und sie macht sich, um ihre Freiheit zurückzuerlangen, erbötig, ihren Chef samt Schlüssel durch erotische Verheißungen in die Mühle zu locken, das klappt auch, oder wenigstens so halb, denn . . .
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Wenn die Nacherzählung hier erschöpft abbricht, dann nicht deswegen, weil man bei spannungsabhängigen Genres den Ausgang nicht preisgeben soll, sondern weil in diesem schmalen Buch von bloß 120 Seiten einfach so schrecklich viel passiert; viel zu viel. Auch in Schenkels sehr erfolgreichem Erstling "Tannöd" waren viele verschiedene Stimmen erklungen; was sie aber verbunden hatte, war die gemeinsame Form des Testimoniums gewesen. Als einvernommene Zeugen, vor dem Ohr des Dritten, nahmen sie sich zusammen und hielten so auch das Buch beieinander, das seine Stärke und Würde durch die Anwesenheit des Schweigens im gesprochenen Wort gewann.
Mitverdursten und Mitertrinken
Davon ist im neuen Buch kaum eine Spur geblieben. Zwar gibt es hier nur zwei Stimmen; aber Schenkel wählt für sie die geschwätzigste aller literarischen Darbietungsweisen, die erlebte Rede. Erlebte Rede hat keine Wahl, als getreulich alles zu registrieren, was dem Betreffenden so durch den Kopf schießt. Es ginge noch an, wenn das Buch sich allein an Monika hielte. Müsste sie über die Absichten und Beweggründe des rätselhaften anderen im Dunkel tappen, man spürte doch eine gewisse Beklommenheit. So aber weiß man immer schon, was er denkt, nämlich zum Beispiel: "Verdammter Mist! Jetzt hab ich eine Schwerkranke am Hals. Ich hätte das Ganze besser planen sollen. Ich hocke ganz schön in der Scheiße!"
Überhaupt erleben sie alle beide sehr oft das Wort Scheiße, weil ständig irgendwas schiefgeht. Der Entführer, der sich zum Schluss in seinem Bunker unter der Mühle verbarrikadiert und nicht mehr herauskann (stimmt ja, den Bunker gibt's auch noch, den hatten wir fast vergessen!), stellt fest, dass kein Wasser aus dem Hahn kommt. "Gut, werde ich also verdursten." Aber schon fünf Seiten später hat er bei seinen Befreiungsversuchen den angrenzenden Bach angezapft. "Scheiße! Scheiße! Der Bach! Jetzt muss alles schnell gehen, sonst läuft der Bunker voll! Wie damals läuft der Scheißbunker voll, und ich ertrinke jämmerlich." Das geht nicht nur schnell, das geht so schnell, dass der Leser keine Chance kriegt, seelisch vom Mitverdursten aufs Mitertrinken umzuschalten. Bevor die Dinge wirklich schrecklich werden können, sind sie schon wieder vorbei.
Immer wieder hat das Buch packende, dicht geschriebene Passagen, etwa wenn von dem Verhältnis des Täters zu seinen Hasen die Rede ist, wie sehr er ihr flauschiges Fell liebt und wie gern er es ihnen gerade deshalb über die Ohren zieht. Aber solche Passagen werden ausgehebelt durch die fahrige Dramaturgie des Ganzen, die überall einen zweifachen Fokus hat, wo sie nur einen einzigen brauchen könnte.
Das Nebeneinander von zwei Gefängnissen, Bunker und Obergeschoss, hebt die Idee der Gefangenschaft auf; zwei intermittierende Tatmotive, Raub und psychische Abartigkeit, tun der Stringenz der Handlung Abbruch. Und dass es zudem zwei Innenansichten gibt, von Täter und Opfer, zerstört, was man Verfassern von Krimis und Thrillern besonders übel nimmt, die Aura des Geheimnisses.
ANDREA MARIA SCHENKEL: Bunker. Roman. Nautilus Verlag, Hamburg 2009. 122 Seiten, 12,90 Euro.
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(SZ vom 4.3.2009/irup)
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