Von Holger Liebs

Duchamp, Picabia und Man Ray verstörten schon vor Jahrzehnten mit signierten Pissoiren und onanistischen Motoren. Große Künstler-Depression in der Tate Modern - was kann es denn noch Neues geben?

Es wird Menschen geben, die diese Ausstellung tieftraurig verlassen, mit hängenden Köpfen und mit bohrendem Zweifel, ob sie ihren Beruf nun aufgeben sollen. Das sind Künstler von heute, die erkennen müssen, dass die meisten der Ideen, die sie für ihre eigenen hielten, schon Jahrzehnte, wenn nicht schon ein ganzes Jahrhundert auf dem Buckel haben. Wenn jedes Mal, sobald heute einer einen Eimer oder eine ausgestopfte Giraffe ins Museum hievt, die Alarmsirene "Duchamp" heulen würde, käme der Globus nicht mehr zur Ruhe.

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Wahrscheinlich das bekannteste Readymade von Duchamp: Fountain - ein Urinal, das der Künstler signierte und zu einem Artefakt ernannte. (© Foto: AFP)

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Große Künstler-Depression also in der Tate Modern. Der Rest der Welt aber kann frohlocken: Drei Leuchtfeuer der Avantgarde des 20. Jahrhunderts, Marcel Duchamp, Francis Picabia und Man Ray, stellt die Tate vor; drei Häretiker, Bilderstürmer und Anarchisten der Moderne - und drei lebenslang befreundete, äußerst ernsthafte Künstler, teilweise eng verbandelt mit Dadaisten und Surrealisten, ohne sich dem Gruppenzwang der Manifesteschreiber vollends zu unterwerfen: Die künstlerische Freiheit war ihr Ideal. Wenn man Ideen nicht beschmutzen wolle, so Picabia, "dann muss man sie so oft wechseln wie die Hemden".

Die Ideenvielfalt des Trios mit Hang zum frivolen Sprachspiel wird selbst durch die mehr als 300 Werke der Ausstellung kaum annähernd erfasst. Doch zum ersten Mal widmet sich eine Übersicht den Gemeinsamkeiten der Weggefährten.

Verschiedene Stufen der Bewegung

1912 fahren, nein: rasen Picabia und Duchamp mit dem Automobil von Paris ins Juragebirge; Picabia ist der Ältere, ein Jahr zuvor haben sie sich kennengelernt. Später wird Duchamp eine Affäre mit Picabias Angetrauter haben, aber auch sie hat die Künstlerfreundschaft nicht zerstören können. Nach der überhitzten Reise notiert Duchamp, die Fahrt sei in einer "Maschine mit fünf Herzen" erfolgt, "ein reines Kind von Nickel und Platin" - ein früher Hinweis auf die zukünftige Maschinenästhetik der beiden, auf den Versuch, die Kunst vom Handwerk zu entkoppeln, sie zu mechanisieren, als automatistische Kopfgeburt zu definieren. Diese Maschinenästhetik ist schon vorbereitet bei Roussel, Jarry, Huysmans, in der Literatur des 19. Jahrhunderts.

Duchamp malt nun die Innereien einer Kaffeemühle, Picabia stellt Frauen als Zündkerzen dar. Als der Erste Weltkrieg tobt, sind beide in New York, fasziniert sowohl von den muskulösen, selbstbewussten Ladies der Metropole wie vom technikbegeisterten Modernismus Amerikas. Zum Künstler Fernand Léger soll Duchamp einmal bei einer Luftfahrtausstellung in Paris, auf einen Propeller deutend, gesagt haben: "Die Malerei ist tot. Sag, kannst du das machen?"

Duchamp malt 1912 den "Akt, eine Treppe hinabsteigend" als kubistisch verschachtelte Studie, die etwa 20 verschiedene Stufen der Bewegung zum holztonigen Splitterbild verschränkt - und empört damit die Kubisten der reinen Lehre, welche nur tote Dinge darstellten, etwa Flacons, Gitarren oder Journale. Eine Anatomiestudie, die ihr Sujet, die Nackte, im Liniengewitter verschwinden lässt, beeinflusst von den Fotografieserien Muybridges oder Mareys sowie von der jungen Kunst des Kinos. Die Ausstellung des Bildes machte Duchamp auf der New Yorker Armory Show 1913 berühmt.

Resonanzraum des französischen Katholizismus

Außerdem begann er damals mit den jahrelangen Vorbereitungen zum "Großen Glas", das eigentlich so heißt: "Die Braut, Von Ihren Junggesellen Nackt Entblößt, Sogar" - sein opus magnum, ein gläsernes Symbolbild sexueller Vergeblichkeiten (1915-23). Es ist eines der wichtigsten, aber auch unbekanntesten Meisterwerke der Moderne; früh zerstört, doch 1964, von Duchamp abgesegnet, durch den Popkünstler Richard Hamilton repliziert. Einsame "Bachelors" und eine unerreichbare Braut werden darin als Gemisch aus onanistischen Motoren ("Schokoladenreibe") und diffundierenden Gasen dargestellt - ein grandioses Tableau sexueller Einbildung und Phantasie, dargestellt mit Symbolen der Physik, Mechanik und Alchemie.

Picabia, der ein genialer Wiederverwerter war, ließ sich vom "Großen Glas" inspirieren; er malte 1916-17 die "Tochter, geboren ohne Mutter" als giftig grüne Dampfmaschine auf einem Goldgrund, der an Altarbilder des Mittelalters gemahnt: als Verweis auf Eva, die mutterlos, aus der Rippe Adams, entstand, sowie auf die menschgemachten Maschinen, die unabhängig von ihren Schöpfern ächzen und rattern. Die "Tochter, geboren ohne Mutter", ist Picabias bilderstürmerisches Madonnenbild der Moderne, mit einem gewaltigen Eisenrad als Aureole - diese Kunst ist nicht denkbar ohne den Resonanzraum des französischen Katholizismus.

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