"Liebe" von Michael Haneke im Kino Über dem Abgrund

Ein "Ich liebe dich" wird man nicht hören. Das große Gemälde der Liebe, in Michael Hanekes "Liebe" ist es am Ende die sparsamste aller Skizzen - allerdings ohne einen einzigen falschen Strich.

Von Tobias Kniebe

Zu Beginn wird eine Tür aufgebrochen. Besorgte Nachbarn, die Feuerwehr, schweres Gerät. Eine Standardszene, meist wird das einfach so weggefilmt. Drinnen stimmt etwas nicht, also gehen wir da jetzt rein.

Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva in Michael Hanekes "Amour /Liebe".

(Foto: X-Verleih)

Große Filmemacher funktionieren aber nicht so, da hat schon die erste Sekunde eine andere Bedeutung. Michael Haneke will, dass wir mit in dieser Wohnung sind, von Anfang an. Dies ist ein geschützter Raum, dessen Intimität gerade verletzt wird. Nicht jeder ist darin zugelassen - wir als Zuschauer aber schon.

Die Kamera des wunderbaren Bildgestalters Darius Khondji steht also schon innen, als der Eingang auffliegt, als die Eindringlinge sich umsehen, die großbürgerlichen Pariser Flügeltüren öffnen, sich die Nasen zuhalten, die Fenster aufreißen. Und zusammen entdecken wir dann diese Frau auf dem Bett: Feierlich in Schwarz gekleidet, die Hände gefaltet, mit Blüten geschmückt liegt sie da. Die Verwesung hat längst begonnen.

Es ist also kein Geheimnis, dass der Film "Amour / Liebe" auf den Tod hinführt. Trotz seiner scheinbaren Präferenz für das glückliche Ende macht das Kino so etwas gern, der Inhalt der Geschichte ist hier nicht das Drama. Es geht um die Führung auf dieser Reise - und einen besseren Führer als Michael Haneke kann man sich hier tatsächlich nicht vorstellen.

Fast atemberaubende Konzentration

Das beginnt schon - Sprung zurück in die Vorgeschichte - mit der Einführung der beiden Protagonisten, Anne und Georges, als der Tod noch in weiter Ferne liegt. Haneke zeigt sie in einem Saal voller Zuschauer im Théâtre du Champs-Élysées, in Erwartung eines Klavierkonzerts, in Vorfreude und stiller Komplizenschaft. Unter den bestimmt einhundert Konzertbesuchern, die man in dieser langen Einstellung sieht, hebt er sie allerdings in keiner Weise hervor, das Auge muss sie geradezu suchen: Als sei ihre Geschichte nur eine von hundert möglichen, als stünden diese beiden Achtzigjährigen ganz für das Ende des Lebens selbst, und für das Weiterbestehen der Liebe. Au hazard, Anne & Georges.

Die Musik, die sie dann hören, ein Impromptu von Schubert, die Verzauberung, auf die sie sich so erkennbar gefreut haben - Haneke erlaubt sie den Betrachtern im Kino nur denkbar kurz. Ein paar Takte laufen noch, dann fahren Anne und Georges im Bus schon wieder heim, glücklich plaudernd, noch hören wir sie nicht. Und wieder sind wir vor ihnen da, als sie ihre weitläufige Wohnung betreten mit den schönen Pariser Flügeltüren und dem dunkelglänzenden Parkett.

Anne und Georges werden dieses Refugium noch ein paar Mal verlassen - der Film allerdings nicht mehr. Er erlaubt sich kein einziges Bild auf der Straße, an der Luft, unter offenem Himmel, in der Natur. Die Folge ist eine enorme, fast atemberaubende Konzentration - aber auch eine subtile, beinah unmerkliche Manipulation. Diese beiden haben sich in ihren Gewohnheiten, ihrer Zuneigung füreinander, im Wunder ihres vollkommenen Sich-Ergänzens eingeschlossen, so wie uns Haneke in dieser Wohnung einschließt.

Was immer ihnen nun passiert, es kann ihnen nur gemeinsam passieren. Was immer sie füreinander tun, es wird folgerichtig und ohne Alternative erscheinen, auch wenn es objektiv nur der Autor und Regisseur ist, der es so haben will. Wenn dieser Film also an einem gültigen Gemälde der Liebe malt - und nichts anderes verheißt ja der Titel -, dann ist das schon mal eine starke Grundierung.

Als Nächstes muss man natürlich die Vertrautheit dieser beiden Menschen spüren, die Rituale ihrer Ehe. Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant, die beiden Stars des Films, spielen das wirklich perfekt. Sie sind selbst beide jenseits der achtzig, und man spürt, dass sie auf sehr viel Leben zurückblicken - Trintignant zum Beispiel auf den gewaltsamen Tod seiner Tochter Marie. Abgesehen davon, dass der Film ihre Gesichter gern in ein weiches Fensterlicht hüllt, macht hier auch niemand den Versuch, die Flecken und Rötungen und die durchscheinende Zerbrechlichkeit des Alters zu beschönigen.

"Trinken wir noch ein Glas?" fragt er.

"Ich bin müde."

"Ich hab noch Lust auf ein Glas."

"Tu dir keinen Zwang an."

"Hab ich dir gesagt, dass du gut ausgesehen hast, heut Abend?" Das ist wieder er.

"Was ist denn mit dir los?" antwortet sie, aus dem Off, aber es liegt ein wunderbar geschmeichelter Ton in ihrer Stimme.

Auch das ist mehr oder weniger eine Standardszene - etwas in der Art muss man mal zeigen, wenn es um eine alte Liebe geht, jedes Fernsehspiel würde es ähnlich machen. Der Unterschied ist, dass Haneke sich auch hier wieder äußerste Restriktionen auferlegt.