Gisela Mayers glaubwürdiger Versuch, aus den Schüssen von Winnenden einen Aufruf zu kommunitaristischen Tugenden zu gewinnen, begibt sich indes auf ein heikles Problemfeld, das bei noch recht frischer Trauer vielleicht schwer zu meiden ist. Dieses Problemfeld ist die zu enge Verknüpfung des Persönlichen mit dem Allgemeinen.

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Nagender Schmerz und seine kaum mögliche Bewältigung - Gisela Mayer will dort nicht stehenbleiben. (© Foto: dpa)

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Tim Kretschmer litt, soweit wir in seine Seele sehen können, wie andere Amokläufer unter einem Mangel an Bindung und Anerkennung, und er suchte sein Selbstwertgefühl in virtuellen Welten sowie in der Schießbahn, die sein Vater neben einer Waffenkammer mit Pistolen und Gewehren und 4600 Schuss Munition in den Keller des Elternhauses gebaut hatte.

Anstatt nun bloß zu wünschen, dass es in der Familie Kretschmer anders zugegangen wäre (eine Frage, die in dem noch ausstehenden Strafprozess berührt werden wird), und dass dies als Lehre der verlangten Kultur der Empathie zugute kommen möge, geht Gisela Mayer so weit, eine Kollektivschuldthese aufzustellen.

Schleichende Verrohung

So lesen wir über das Motiv ihres Engagements: "Ich wollte das ehrliche Eingeständnis, dass das, was geschehen war, die Schuld vieler, nicht eines Einzelnen war." Es geht ihr darum, "dass in unserer Gesellschaft vieles schief läuft - und dass der Tod meiner Tochter letzten Endes eine Konsequenz dessen war". Entsprechend soll der gemeinsame Einsatz der Hinterbliebenen dem Zweck dienen, "die Gesellschaft daran zu erinnern, dass sie mitschuldig war am Tod unserer Kinder". Und weiter: "Die Opfer dieses Amoklaufs (...) sind auch an der schleichenden Verrohung der Gesellschaft gestorben."- "Tim Kretschmer ist ein exemplarisches Produkt dieser Gesellschaft, der mit größtmöglicher Brutalität auf diese zurückgeschlagen hat."

Der Groll ist höchst verständlich, und man kann es Gisela Mayer hoch anrechnen, dass sie sich nicht zurückgezogen hat, sondern in mutiger und mutmachender Weise an die Öffentlichkeit tritt. Doch Tim Kretschmer als "exemplarisch" zu bezeichnen, das geht zweifellos zu weit. Wäre er es, dann würden unzählige pubertierende Horrorfilmfans und Computerspieler täglich wild um sich schießen. Warum tun sie es nicht?

Wenn es billigermaßen heißt, der Täter dürfe nicht wie in den Boulevardzeitungen zum außerhumanen Einzel-"Monster" gemacht werden, so hilft es wohl auch nicht weiter, als Ersatz "die Gesellschaft" zum Kollektivmonster zu erklären. Gisela Mayer kritisiert den "technischen Blick" auf Menschen, und sie hat recht; aber ihr Buch steht ihrerseits in der Gefahr, der gewiss unabdingbaren "Technik" liebevoller Erziehung und Anteilnahme zu viel zuzumuten - als würde durch ein Höchstmaß an Zuwendung das Dunkle im Humanum gänzlich verschwinden können. Dass diese Einschränkung aber wiederum kein Grund für wegschauende Ignoranz sein darf, dafür hat die trauernde Mutter Gisela Mayer ein bewegendes Dokument vorgelegt.

GISELA MAYER: Die Kälte darf nicht siegen. Was Menschlichkeit gegen Gewalt bewirken kann. Ullstein Verlag, Berlin 2010. 222 Seiten, 19,95 Euro.

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(SZ vom 02.03.2010/kar)