Amoklauf von Winnenden Schuld seid ihr alle

"Alles o.k.?" fragte sie ihre Tochter per SMS - aber da war Nina Mayer schon tot. Jetzt hat ihre Mutter den Tod der Referendarin beim Amoklauf von Winnenden in einem Buch verarbeitet.

Von J. Schloemann

Die Ethiklehrerin Gisela Mayer aus Weissach im Tal nordöstlich von Stuttgart hat vor bald einem Jahr ihr Kind beim Amoklauf an der Albertville-Realschule im nahegelegenen Winnenden verloren. Ihre Tochter Nina, Nan genannt, war Referendarin für Deutsch, Religion und Kunst an der Schule. Am 11. März 2009, kurz vor ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag, wurde Nina Mayer von dem siebzehnjährigen Tim Kretschmer, der im Vorjahr an selber Stelle seinen Realschulabschluss abgelegt hatte, mit fünf Kugeln aus nächster Nähe erschossen.

Die Kälte darf nicht siegen

Sie hatte aus dem Stockwerk über ihr polternde Geräusche gehört und war hinaufgegangen, um nach dem Rechten zu sehen; dies wurde ihr im Flur zum Verhängnis, wo der Täter, der sich nach einer Verfolgungsjagd später in einer anderen Stadt selbst erschoss, kaltblütig abdrückte. "Wie in einem virtuellen Spiel", wie die Mutter sagt. Fünfzehn Menschen starben an jenem Tag von der Hand Tim Kretschmers, dreizehn wurden verletzt.

Aus der Trauer über ihre Tochter heraus hat Gisela Mayer nicht nur die Kraft gefunden, als Sprecherin des "Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden" für eine Verschärfung des Waffenrechts und die Eindämmung von Gewaltdarstellungen einzutreten. Sie hat auch ein Buch über ihren Verlust und die nötigen Schlüsse aus dem Amoklauf geschrieben, das an diesem Dienstag erscheint: "Die Kälte darf nicht siegen". Es ist ein teils leidenschaftliches, teils bedachtes Buch geworden, ein Trauerwerk und Plädoyer zugleich, ein erschütterndes, aufrüttelndes und auch ein heikles Buch.

Eindrücklich schildert die beraubte Mutter, die ein sehr enges Verhältnis zur Tochter hatte und sich mit ihr intensiv über Schule und Pädagogik austauschte, wie ihre SMS-Nachricht "Alles o.k.?" keine Antwort mehr fand, wie ihr der Kontakt mit Nina Mayers Leichnam 36 Stunden lang verwehrt wurde, und was der Amokläufer im Familienleben der Mayers zerstört hat: nämlich "eine Welt voll Licht und Leichtigkeit, eine Welt voll Leben und voll Vertrauen auf die unendliche Kraft der Liebe".

Beim nagenden Schmerz und seiner kaum möglichen Bewältigung aber will und kann Gisela Mayer nicht stehenbleiben. Der gewaltsame Tod der Tochter ist ihr Verpflichtung, eine allgemeine Veränderung in unserem Umgang miteinander einzufordern. "Unsere Kinder dürfen nicht umsonst gestorben sein!", schreibt sie.

Der Kampf gilt dabei nicht nur äußerlich einzudämmenden Erscheinungen, denen mit Verboten oder Gesetzesänderungen beizukommen wäre; darüber hinaus treten uns hier fratzenartig Eigenschaften im Zusammenleben entgegen, die kein mitfühlender Mensch gutheißen kann: "Verrohung", "Mangel an Empathiefähigkeit", "Gleichgültigkeitsliberalismus"; sodann Reizüberflutung durch maßlosen und unkontrollierten Medienkonsum von Jugendlichen, die Brutalisierung der Sprache, Demütigung als Freizeitspaß, die hilflose Aufmerksamkeitserregung durch Exzesse, Familien ohne gemeinsame Mahlzeiten, ein unverantwortlicher, weil ohne Zuspruch begleiteter "Teufelskreis von Leistung, Überforderung und Versagen".

Man wird der Autorin beipflichten, dass Kinder und Jugendliche ein "Netz aus Interesse, Zuneigung, Kommunikation, Schutz und Halt" brauchen. Die familiäre Erziehung und der Schulalltag müssen, wie Mayer ausführt, darauf ausgerichtet werden und dürfen die Verantwortung für Nichtbeachtung und Nichterziehung nicht hin- und herschieben. Die getötete Tochter, die als beginnende Lehrerin "versuchte, individuell zu fördern", wird dabei selbst zum pädagogischen Vorbild, dessen Befolgung helfen könnte, Amokläufer zu verhindern.

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