Amerikanische Literatur Schatzsuche im Brackwasser

In Tom Coopers Debütroman "Das zerstörte Leben des Wes Trench" versinken im Süden der USA nach "Katrina" alle Träume im Sumpf - und auf den geheimen Hanfplantagen herrscht die Melancholie.

Von Nicolas Freund

Das Leben in Jeanette, einem Fischerdorf bei New Orleans, ist einfach: Wer es dort zu etwas bringen will, besorgt sich ein Boot und fischt im brackigen Bayou zwischen sandigen Inseln, Urwald und Alligatoren nach Krebsen und den bis hinauf nach New York beliebten Shrimps. Die einzigen Alternativen zu diesem harten Leben in der herben Schönheit des Marschlandes sind, irgendwie das Geld fürs College und einen Neustart zusammenzukratzen - oder hartnäckig zu bleiben und kreativ zu werden.

Kreativität und Hartnäckigkeit wurden den Bewohnern Louisianas und der angrenzenden US-Bundesstaaten in den letzten Jahren aber schon eine Menge abverlangt: 2005 verwüstete Hurrikan Katrina New Orleans und die umliegenden Landstriche. Ganze Häuser samt Einrichtung und Bewohnern wurden ins offene Meer oder die Sümpfe hinausgespült. Fünf Jahre später ging die Ölbohrplattform Deepwater Horizon in Flammen auf und verursachte eine beispiellose Ölpest im Golf von Mexiko. In "Das zerstörte Leben des Wes Trench", dem Debütroman des Amerikaners Tom Cooper, sind im Bayou noch immer ganze Inseln vom Öl eingeschlossen, und immer wieder geben die Sandstrände dem Festland vom Hurrikan Entrissenes frei. Die frustrierten Fischer erzählen sich Gruselgeschichten von dreiäugigen Shrimps und blutspuckenden Delfinen.

Zerrissenes Amerika: Vom Fang der Shrimps, die im Norden der USA in teuren Restaurants serviert werden, kann in Louisiana kaum noch jemand leben.

(Foto: Lee Celano/AFP)

Dieser Wes Trench aus dem umständlichen deutschen Titel des Romans (im Original heißt er schlicht "The Marauders") ist erst siebzehn, aber bereits einer dieser verzweifelten Fischer. Seine Mutter wurde von Katrina aus dem Leben gerissen, und, noch ohne eigenes Boot, arbeitet er auf dem Kutter seines launischen Vaters. Nach einem Streit heuert er bei dem einarmigen Lindquist an, der süchtig nach zurechtgeschnitzten Tabletten aus einem PEZ-Bonbonspender mit Donald-Duck-Kopf ist. Trench, obwohl in der deutschen Übersetzung titelgebend, ist nur eine der vielen leicht überzeichneten Figuren dieses Romans: Zwei weitere sind die übergeschnappten, aber kreativen Brüder Reginald und Victor, die eine geheime Marihuana-Plantage auf einer der Tausenden Bayou-Inseln betreiben und nicht lange zögern, ein Problem per Kopfschuss zu lösen. Ein anderes kreatives Chaotenduo namens Cosgrove und Hanson ist ebenfalls nur auf schnelles Geld aus, egal ob sie es mit Shrimpsfischen oder dem Putzen ölverschmierter Vögel verdienen. Als sie von der versteckten Hanf-Plantage Wind kriegen, wittern sie den ganz großen Fang.

Ohne viele Kunstgriffe lässt Tom Cooper die Tragikomik der traurigen Tropen wirken

Lindquist, für den Wes Trench arbeitet, ist mit seiner Hakenhand die Piratenkarikatur zu der Hanfschatzsuche im Sumpf, interessiert sich aber selbst nur für einen richtigen Schatz, nämlich spanische Dublonen, die er in der ganzen Bucht mit seinem Metalldetektor sucht. Diesen schrägen Gestalten soll Grimes, bemitleidenswerter Angestellter einer Ölfirma und auf dem besten Weg zum Alkoholiker, unverschämte Entschädigungsverträge für die von seiner Firma verursachte Ölpest andrehen. Kreuz und quer jagen die Figuren einander durch die Sümpfe und jede ihren eigenen Träumen vom guten Leben nach. Die Frauen halten sich aus all dem lieber raus.

Tom Cooper: Das zerstörte Leben des Wes Trench. Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Ullstein Verlag, Berlin 2016. 384 Seiten, 22 Euro. E-Book 18,99 Euro.

(Foto: )

Tom Coopers Roman lässt die Tragikomik der Charaktere ohne viele Kunstgriffe wirken. "Fette Egel klebten ihm an der Haut. Er spürte einen an einer Rippe sitzen, einen anderen an der Kniescheibe, einen weiteren am Oberarm. Er ließ sie in Ruhe. Er hatte größere Sorgen. Sein Gold." Durch den schwarzen Humor schimmert immer die erdrückende Ausweglosigkeit des Lebens zwischen verseuchten Sümpfen, vollgemüllten Vorgärten und kindlichen Träumen vom schnellen Reichtum erwachsener Männer in der Südstaatenprovinz. Die Grundhaltung der Erzählung bleibt dabei aber den Katastrophen und ihren Opfern gegenüber so indifferent wie die erhabene Schönheit des Sumpfes, die in großem Detailreichtum geschildert wird, gegenüber den Menschen, die sich durch ihn hindurchkämpfen müssen. Die für das Genre der southern gothic typische Melancholie dieses eigentlich unmöglichen gewordenen Lebens fügt sich nahtlos in die traurige Tropenlandschaft ein.

Die endlosen Sümpfe und Wälder sind Projektionsfläche für die Sehnsüchte und Seelen dieser Menschen, deren Fantasie kaum bis New Orleans reicht, die aber auf jeder Insel einen Piratenschatz oder eine gigantische Hanfplantage vermuten. "Über ihm fiel die Morgensonne durch die glänzenden Geldbaumblätter. Die Lichtfleckchen sahen aus wie tausend schimmernde Goldmünzen." Das Dollargrün definiert den Bayou wie das ausgelaufene Öl, und auf Geldscheine könnte in dieser Welt auch ein Hanfblatt gedruckt sein.

Bald verrottet zwischen den Mangroven nicht nur das Brackwasser, und die Schatzsucher wollen nicht mehr nur aus Jeanette raus - raus aus dem Sumpf, in dem alle Träume versinken, würde schon genügen. "Sie solle sich verpissen, meinte er zu der Schlange." Mancher hält sich dann doch lieber ans Shrimpsfischen, auch wenn die Meerestiere im Abgang etwas metallisch schmecken.