Amerikanische Literatur Nachrichten aus Euphasia

John Wray erzählt so klug wie unzimperlich eine wüste Familiengeschichte durch ein ganzes Jahrhundert und fragt sich, was das Nicht-Ereignis, das wir das Jetzt nennen, eigentlich ist.

Von Jens-Christian Rabe

Der 1971 geborene Schriftsteller John Wray wurde vom britischen Literaturmagazin Granta vor knapp zehn Jahren ziemlich treffsicher unter die 20 besten jungen englischsprachigen Autoren gewählt; Giganten der Gegenwartsliteratur wie Jonathan Lethem lobten ihn überschwänglich, und Colum McCann verglich ihn gleich mal mit Calvino, Murakami und Joyce. Selbst abzüglich der üblichen Übertreibungen ist das ein recht respektables Begleitgeklingel. Für den ganz großen literarischen Ruhm hat es bislang allerdings weder in den USA noch hierzulande gereicht. Der in Brooklyn lebende Sohn eines amerikanischen Krebsforschers und einer österreichischen Krebsforscherin ist noch immer eher ein Geheimtipp.

Dass sich das mit seinem neuen, vierten Roman "Das Geheimnis der verlorenen Zeit" nun schlagartig ändert, erscheint eher unwahrscheinlich. Aber Publikumserfolg ist ja ohnehin nicht planbar, besonders in der nicht-trivialen Literatur. Doch sollte John Wray eines Tages doch noch ereilen, sollte niemand allzu überrascht sein. Denn darüber, dass er ein außergewöhnliches Erzähltalent ist, besteht spätestens seit seinem 2009 erschienenen Roman "Lowboy" kein Zweifel. Als im Februar dieses Jahres die Originalausgabe erschien, schrieb die New York Times, dass bei ihm sogar die Stellen, die gar nicht so faszinierten, "hinreißend gut geschrieben" seien, "gorgeously written".

Tatsächlich erstaunt an diesem Buch die verblüffende Unwiderstehlichkeit eines literarischen Erzählens - man neigt dazu, es für besonders amerikanisch zu halten, liegt damit aber nicht immer ganz richtig -, das allem unübersehbaren Anspruchs, aller dramaturgischen Komplexität zum Trotz in jedem Moment unterhaltsam sein möchte. Ein Erzählen, das sich seiner Klugheit (oder immerhin der Wirkung dieser Klugheit) nicht so sicher ist, dass es sie nur für sich sprechen lassen will. Es geht also sehr dialogisch zu und unzimperlich jonglierend zwischen High und Low: "Okay, hier die Kurzversion, Tolliver. Als Erstes müssen Sie sich klarmachen, dass der Mann, mit dem Sie es zu tun haben, der Oberguru in Sachen kundenspezifischen Hirnficks ist."

Muhammad Ali: 1975 stellte Muhammad Ali auf der Buchmesse seine Autobiografie vor. Ein Mitarbeiter des Buchmessendirektors Peter Weidhaas wollte seinem Chef eine Freude machen und lotste den Boxer unangekündigt in dessen Büro. Im Gespräch mit der SZ erzählt Weidhaas, wie Ali in gespielt aggressiver Art, leicht geduckt und mit angewinkelten Armen, zu seinem Schreibtisch gestürzt sei. Weishaas spannte reflexartig jede Muskelfaser an und ballte unter dem Schreibtisch die Fäuste - er war selbst für kurze Zeit Amateurboxer gewesen.

Eine Art kleiner kundenspezifischer Hirnfick ist auch das Buch selbst, in dem der Erzähler Waldemar "Waldy" Tolliver über mehrere Generationen die Geschichte seiner Familie in den vergangenen 100 Jahren erzählt. Sie ist eng verwoben mit allerlei Abgründen und Spinnereien des 20. Jahrhunderts und an sich schon nicht ganz unwüst: Los geht es im Jahr 1903 mit dem Urgroßvater Ottokar Gottfriedens Toula, einem Wiener Gewürzgurkenfabrikanten und leidenschaftlichen Amateur-Physiker, der am Tag seiner größten Erkenntnis in der tschechischen Stadt Znojmo überfahren wird: "Am 12. Juni 1903, zweidreiviertel Stunden, ehe er von einem nahezu bewegungslosen Automobil überrollt wurde, machte mein Urgroßvater eine Entdeckung, die versprach, die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern." Man lernt dann Waldemar kennen, Ottokars Sohn und Waldys Großonkel, der Nazi war und in einem Konzentrationslager bizarre Menschenexperimente durchführte.

Die Töchter von Ottokars zweitem Sohn Kaspar, Enzian und Gentian, treten auf und führen einen in die New Yorker Boheme des mittleren zwanzigsten Jahrhunderts. Und schließlich steht Waldemars Vater Orson Card Tolliver im Mittelpunkt, ein höchst produktiver Science-Fiction-Autor, dessen größtes Werk am Ende jedoch ist, dass seine Bücher einen gewissen R. P. Haven dazu inspirieren, ein religiösen Kult zu stiften: die "Kirche der Synchronologie". Abgesehen davon stellt sich heraus, dass Orson in seinen Büchern nicht nur das GPS, Viagra und die EU vorhergesagt hat, sondern auch das Internet.

Aber wie gesagt: Das ist längst nicht alles und Waldy erzählt es nicht einfach so. Während er es erzählt, sitzt er in einem Zeitloch in der Bibliothek seiner verstorbenen Tanten in deren alter New Yorker Stadthaus-Wohnung in der 109th Street, Ecke Fifth fest, am gutbürgerlichen Ende des Central Park. An einem Montag um 8.47 Eastern Standard Time. Und versucht herauszufinden was Ottokars bahnbrechende, mit der Physik der Zeit zusammenhängende Entdeckung mit seiner misslichen Lage und seiner Familie zu tun hat. Formal ist der Roman dabei ein Brief, den Waldy schreibt, um eine geliebte Affäre wieder zurückzugewinnen, Mrs. Haven, die Gattin von R. P. Haven: "Ich werde dir die Tollivers erklären, dir eine Privatführung durch unser kleines, schäbiges Kuriositätenkabinett geben."

Als Zeitreise- und Brief-Roman ist das ohne Zweifel ein Stück Literaturliteratur vom Feinsten

Dass eben dieses dann auch auf Deutsch so strahlt, ist das Verdienst Bernhard Robbens, weshalb es hier nicht bei einem knappen Hinweis zum Übersetzer bleiben kann: Vergleicht man einzelne Passagen, ist man zunächst versucht, "Das Geheimnis der verlorenen Zeit" für einen eher leichten Fall zu halten, so mühelos gewandt und doch akkurat wirkt die Übertragung. Aber man muss es ja auch erst mal fertigbringen, einen Satz wie "Ottokar paid no mind to his impending end until its grille made gentle contact with his paunch" so leicht und schön und lustig zu übersetzen: "Ottokar war sich seines nahenden Endes nicht im mindesten bewusst, bis der Kühler sanft an seine Wampe tippte." Und dann ist es gerade bei einer Übersetzung aus dem Englischen alles andere als eine Kleinigkeit, über mehr als 700 Seiten den Ton zu treffen. Die vermeintliche kulturelle Nähe und Vertrautheit verführt erfahrungsgemäß zu Übersetzungslösungen, hinter denen zugunsten der Handlung die Erzählkunst der Vorlage oft bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Hier nicht.

Einzig der deutsche Titel ist arg gesichtslos-konventionell geraten, auch wenn die Formulierung im Buch vorkommt. Geheimnisse um Verlorenes gibt es längst genug. Es dürfte kein Zufall sein, dass sich Wray im Originaltitel "The Lost Time Accidents" nur für eines der beiden viel benutzten Reizwörter entschieden hat. Dem Übersetzer soll das aber auf keinen Fall angelastet werden, bei der Titelauswahl ist er in der Regel nicht die wesentliche Instanz.

Aber zurück zum Text, weil ja noch die Frage übrig ist, wie das Buch nun am Ende im Ganzen zu lesen ist. Als Zeitreise-Buch und Brief-Roman ist "Das Geheimnis der verlorenen Zeit" ohne Zweifel ein Stück Metaliteratur vom Feinsten, Literaturliteratur, also Literatur, die einen zwingt, ständig darüber zu reflektieren, was Literatur eigentlich ist und sein kann. Und das geht einem in seiner selbstreflexiven Beflissenheit irgendwann doch so sehr auf die Nerven, dass man gar nicht mehr erfahren will, ob sich Waldy wohl aus seiner Zeitfalle befreien kann. Andererseits ist es so gekonnt fabuliert, dass man gar nicht aufhören kann, immer weiter zu lesen. Einfach weil man wissen will, was für Absurdes, Schräges und Kluges dem Autor noch so einfällt zu diesem "schlüpfrigen, ewig nur aus dem Augenwinkel wahrzunehmenden Nicht-Ereignis etwa, das wir 'Jetzt' oder 'Aktualität' nennen". Dass wir nämlich womöglich erst in Zeiten der Leere "voll und ganz lebendig" sind, wenn gerade nichts Bedeutsames geschieht. Und was für schöne Wörter er sich ausdenkt für Alltagssituationen, die keinen Namen haben, obwohl jeder sie kennt. Für das Gefühl zum Beispiel - so viel muss verraten werden -, das man hat, wenn man aus einem Film kommt und meint, was draußen geschieht, gehöre noch zum Film, schlägt er Euphasia vor.