Amerikanische Literatur Digitaler Weltinnenraum

Joshua Cohens "Buch der Zahlen" ist der Epochenroman des Internetzeitalters - und ein Manifest für kritisches Lesen im digitalen Zeitalter.

Von Nicolas Freund

Die Dichter lügen und Joshua Cohen ist da keine Ausnahme. Sein Roman "Buch der Zahlen" pflegt sogar eine enge Verbindung zu Fake News: Falschinformation und das beliebige Verdrehen, Weglassen oder Hinzufügen von Fakten hat er zu seinem poetischen Prinzip gemacht. Das "Buch der Zahlen" ist aber weder frei erfunden, noch verfolgt es eine politische Agenda. Der 2015 in den USA erschienene Roman ist ein epochales literarisches Werk des Internetzeitalters nicht nur, weil es die Geschichte des Computers und des Internets am Beispiel eines fiktiven Silicon-Valley-Industriellen erzählt, sondern weil dieser Roman genau weiß, dass er als Buch in Konkurrenz zu allen Texten im Internet und zum Internet selbst steht. Schon der erste Satz ist eine Kampfansage: "Verpisst euch doch einfach, wenn ihr dies am Bildschirm lest!" Trotzdem gibt es auch eine E-Book-Version des Romans, denn natürlich sind Sätze wie dieser nicht ganz ernst zu nehmen. Und die Dichter lügen ja. Oder?

Zu Fake News hat Joshua Cohen eine besondere Beziehung. Vor seiner Schriftstellerkarriere arbeitete er als Journalist, von 2001 bis 2007 war er der Berlinkorrespondent der amerikanisch-jüdischen Zeitung The Forward. Gerade hatte er die Poetik-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin inne und in seiner Antrittsvorlesung erzählte er, dass er das erste Mal 2001 nach dem Anschlag auf das World Trade Center mit Fake News und Verschwörungstheorien konfrontiert worden sei. "In den anschließenden Wochen und Monaten bekam ich praktisch jeden Abend in praktisch jeder Kneipe in Kreuzberg eine andere Variante aufgetischt: Bush steckt dahinter, Cheney steckt dahinter, die CIA steckt dahinter." Die einzelnen Akteure in diesen Theorien sind alle real, aber die Verbindungen zwischen ihnen sind frei erfunden, und sie kursieren vor allem im Internet in allen möglichen Kombinationen, die einander eigentlich ausschließen müssten.

Cohens "Buch der Zahlen" kann man als einen Gegenentwurf zu diesem Wildwuchs an Narrativen verstehen. Das eine Narrativ, um alle anderen zu beenden. Jeder Roman entwirft eine Welt, indem er die Dinge in eine bestimmte Ordnung bringt. Manche Romane - Thomas Manns "Zauberberg" oder James Joyce' "Ulysses" - sind Totalromane, in denen eine Epoche scheinbar vollständig verpackt wurde. Joshua Cohens "Buch der Zahlen" will ein solcher Roman für das Internetzeitalter sein, eine Chronik, die alles zumindest anreißt und in dem sich das Denken seiner Zeit spiegelt. Das "Buch der Zahlen" ist deshalb auch, wie viele andere Romane, eine wilde Mischform aus essayistischem und autobiografischem, historischem und frei erfundenem Material.

Vom Text zur Technik: Der Prototyp des ersten Apple–Rechners, 1976.

(Foto: ZUMA Press/imago)

Es geht um zwei Männer, die beide, wie der Autor, Joshua Cohen heißen. Ein halb gescheiterter Schriftsteller aus New York wird als Ghostwriter angeheuert für den anderen Joshua Cohen, der eine Art Steve Jobs in der Welt dieses Romans ist. Noch während des Studiums hat er die Computerfirma Tetration aufgebaut, einen Konzern, der so mächtig ist, als hätten sich Google und Apple zusammengetan. Diese zwei Cohens sind die beiden Zustände des Romans: digital gegen analog, reich gegen arm, Westküste gegen Ostküste. 0 und 1, wie in der Binärsprache der Computer.

Die kleinste Speichereinheit des Computers, das bit, kennt auch nur zwei Zustände: an oder aus, Spannung oder keine Spannung, wahr oder falsch. Informationen werden digital als Verbindungen vieler solcher Entweder-oder-Zustände gespeichert. Die drei Teile des Romans sind auch "1" und "0" und wieder "1" benannt, "1" für die Perspektive des Schriftsteller-Cohens, "0" für die des Computer-Cohens. Welcher der beiden Cohens der wahre ist, wird nicht endgültig geklärt, aber dass der Roman auf der Seite des Schriftstellers ist, versteht sich von selbst.

Seine beiden Teile sind Hochleistungsprosa voller Slang, Abkürzungen, Zitaten und Anspielungen, fast ein Bewusstseinsstrom, der höchste Konzentration beim Lesen verlangt. Der mittlere Teil besteht aus Manuskriptskizzen und Interviews mit dem Computer-Cohen, der von sich selbst in der Mehrzahl spricht und Sachen sagt wie: "Das ist kein Geblubber. Das ist Sourcecode. Compilte Programmierung." Als junger Mann hat er einen Algorithmus mitentwickelt, den "Algi", der, kurz gesagt, alles mit allem verbindet. In seinem Kopf findet deshalb anscheinend alles gleichzeitig statt. "Wissen nicht genau, wie wir das erzählen sollen, von der Reihenfolge her." Der Schriftsteller-Cohen ist selbst eine Art Algorithmus, der versucht, diesen kruden Input in eine lineare Ordnung zu bringen.

Vom Museum in New York, in dem urzeitliche Frauenfigürchen ausgestellt werden, ist es deshalb genauso weit zur Internetpornografie wie in den Nahen Osten, wo diese Pornoseiten geblockt sind und genau diese Figürchen ausgegraben wurden. Eine Kellnerin erklärt dem Schriftsteller-Cohen: "Der fortschreitende Klimawandel wird schon in diesem Jahrhundert auf mehr als der Hälfte der Welt zu Dürre führen. Überall, nicht nur in den Entwicklungsländern. Also senken wir unseren Wasserverbrauch, wo wir nur können. Ihre Teller weiter zu benutzen kann Leben retten. Scannen Sie den QR-Code auf Ihren Serviettenringen und engagieren Sie sich." Die Verbindungen zwischen allem lassen sich so lange knüpfen, bis von einem Teller in New York Leben auf der ganzen Welt abhängen. Oder die CIA hinter 9/11 steckt. Notfalls hilft ein QR-Code als Beleg.

Die Spuren und Verbindungen, die der Roman legt, könnten mehrere Dechiffriersyndikate beschäftigen. "Buch der Zahlen" ist, obwohl es mit den selben Methoden arbeitet, auch eine Immunisierung gegen Fake News und Verschwörungstheorien, deren Mechanismen es als so banal wie gefährlich ausstellt. Alles kann plausibel und bedeutsam erscheinen, wenn es in die richtige Ordnung gebracht wird, gleichgültig, ob in der Form eines Gerüchts, eines Artikels oder eines Romans. "Buch der Zahlen" weiß, wohin dieser Kontrollverlust führen kann. "Glaube füllt das Machtvakuum", sagt der Computer-Cohen, der auch mal in Psalmen spricht und sich dem Buddhismus zugewandt hat. Der Roman lässt offen, wo die Grenze zwischen gesunder Skepsis und Paranoia, zwischen dem kritischem Lesen, das im Internet unbedingt nötig ist, und blindem Glauben verläuft. Robin Detje ist mit seiner Übersetzung des Romans für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und allein für die Bewältigung dieses Romans, an dem man als Übersetzer eigentlich nur scheitern kann, hat er die Nominierung verdient, auch wenn er den Ton, wie schon im oben zitierten ersten, auf Deutsch etwas gestelzten Satz nicht immer trifft. "My laptop was colorwheeling, so cursed to its cursor that force quit had to be skipped for the nuclear option, Off/On" heißt bei ihm: "Auf meinem Laptop drehte sich das Farbrad, der völlig verpeilte Cursorpfeil, 'Beenden erzwingen' musste ich überspringen, stattdessen Endlösung, An-/Ausknopf." Der Neologismus des sich drehenden Cursors ist bei ihm verloren gegangen, so wie die Nähe von "cursed" ("verflucht") zu diesem Cursor, der nur noch verpeilt ist wie ein bekiffter Teenager. "Nuclear option", also den letzten, brachialen Ausweg, durch "Endlösung" zu ersetzen greift zwar das schwache, aber konstante Holocaust-Motiv des Romans auf und entfernt sich damit nicht zu weit vom Text, ruft an dieser Stelle aber doch völlig falsche Assoziationen hervor. Zumal es den Begriff nukleare Option im Deutschen gibt.

Diese Abweichungen sind auch ärgerlich, da der Roman gerade ein Manifest für das kritische Lesen im digitalen Zeitalter ist. Mit "Buch der Zahlen" hat Joshua Cohen eine Bresche ins Internet geschlagen.