Amerikanische Literatur Die Umarmung des Vampirtintenfischs

Als der Mann, der sie erstrahlen lässt, Mathilde verlässt, treten ihre dunklen Seiten zutage.

(Foto: Regine Schmeken)

Lauren Groff erzählt in "Licht und Zorn" die Geschichte einer Ehe gleich zweimal - mit überraschenden Einsichten. Denn schlimmer als das Zerbrechen einer Beziehung ist das Ausharren in ihr.

Von Karin Janker

Was könnte konventioneller sein als ein Roman über eine Ehe, die 24 Jahre lang halbwegs glücklich verläuft, mit Höhen und Tiefen, versteht sich? Eine Ehe, in der er die ganze Zeit das Gefühl hat, sie habe ihn zu einem besseren Menschen gemacht, während sie sich bei ihm endlich angekommen fühlt. Liebe auf den ersten Blick, aufregender Sex und Milchkaffee, den er ihr jeden Morgen ans Bett bringt - klingt reichlich trivial und wird kaum besser durch die Ankündigung, dass der Roman in zwei Teile gegliedert ist: erst wird seine Geschichte erzählt, dann ihre. Und doch ist Lauren Groffs "Licht und Zorn" ein subtil subversives Buch, das von tiefer Einsamkeit erzählt und von den unbekannten Seiten des Menschen, den wir am besten zu kennen glauben.

Zunächst also die Geschichte von Lancelot, genannt Lotto. Weiß, reich, begabt. Ein "Goldjunge", von seiner Mutter so sehr geliebt, dass sie ihn nie loslassen können wird. Ein geborener Geschichtenerzähler, der als Schauspieler zwar scheitert - aber nur, um als Dramatiker Erfolge zu feiern. Einer, der sich in der Bewunderung anderer sonnt und den umgekehrt, "von seinem Charme bezirzt", alle für besser halten, als er tatsächlich ist. Lotto hatte zahllose Frauen und könnte noch mehr haben, aber er entscheidet sich für Mathilde: schön, kühl und geheimnisvoll. Ihr wird er sein Leben lang treu bleiben, in dem Glauben, dass er der erste war, mit dem sie geschlafen hat. Mathilde ist für ihn "eine Heilige", der reinste Mensch, der ihm je begegnet ist. Ganz geblendet ist er von seinem Glück, sie aber "lächelte, wusste, dass Glück eine Illusion war". Zwei Wochen nach ihrem Kennenlernen heiraten sie. Der Beginn eine Ehe, in der niemand Mathilde je ohne ihr Lächeln sehen wird. Auch ihr Mann soll nie erfahren, wie viel Dunkelheit sie in sich trägt.

Auf Deutsch erschienen ist "Licht und Zorn" in der Übersetzung von Stefanie Jacobs, die Groffs jähe Wechsel der sprachlichen Register kongenial unverfroren nachvollzieht und zum Glück nichts geglättet hat. 2015 nannte Barack Obama diesen Roman sein Lieblingsbuch des Jahres, außerdem stand es auf der Shortlist des National Book Award. Für Lauren Groff war dieser dritte Roman ihr Durchbruch in den USA. Dass ihr dies mit einem Eheroman gelungen ist, liegt daran, wie geschickt sie mit den Erwartungen ihrer Leser spielt.

Während der erste Teil über Lotto den Titel "Licht" trägt, ist die zweite Hälfte "Zorn", die sich Mathilde zuwendet, keineswegs die Abrechnung einer enttäuschten Ehefrau. Obwohl sie es immerhin ertragen muss, dass ihr Mann, der berühmte Dramatiker, auf einer Podiumsdiskussion vollmundig behauptet: "Mathilde hat zum Beispiel vor Jahren ihren Job aufgegeben, um mir den Rücken frei zu halten. Sie kocht für ihr Leben gern, und es macht sie glücklich, das Haus sauber zu halten und meine Arbeiten zu redigieren."

Lotto, der Geschichtenerzähler, missbraucht sie auf seine Art

Doch "Zorn" führt die Eskalation viel weiter, als sich der Leser zunächst vorzustellen vermag. Selbst nach dieser Podiumsdiskussion ist Mathilde nicht wütend auf Lotto, sie sagt nur: "Du glaubst, du weißt so viel über mich." Daraufhin holt sie ihm ein Glas Wasser, und alles scheint wieder gut zu sein. Groff etabliert die Erzählstimme als eine Instanz, die Informationen nicht nur manipuliert, sondern kontrolliert und vorenthält, so wie Mathilde ihre Vergangenheit.

Genau wie seine Geschichte beginnt auch ihre mit der Kindheit. In Lottos Fall ist es eine klassische Coming-of-AgeGeschichte, genretypische Adoleszenz voller Sex und Drogen. Die andere, die weibliche Geschichte dagegen bricht mit diesem Genre, denn Mathilde scheint nie jung gewesen zu sein. Aufgewachsen bei einer Prostituierten, die ihre eigene Großmutter war, und so einsam, dass sie einen Blutegel eine Woche lang an der Innenseite ihres Oberschenkels leben ließ und weinte, als er abfiel. Ihre Jugend verkaufte sie an einen Mann, der ihr dafür das College bezahlte. Lotto ist für sie der Ausweg aus dieser Misere, eine Art Erlöser. Und er beschließt, sie nicht um mehr zu bitten, als sie ihm freiwillig mitteilt aus dieser Vergangenheit.

Doch Lotto, der Geschichtenerzähler, missbraucht sie auf seine Art: Er entwendet ihr die Erinnerung an den Blutegel und macht sie zu seiner eigenen, erzählt sie bei einem Radiointerview. An diesem Abend schläft Mathilde schon, als er zu ihr ins Bett kommt, zumindest tut sie so, als würde sie schlafen. Besonders stark ist der Roman in diesen reflektierenden Passagen über den Stellenwert von Fiktion und Realität, von Dichtung und Wahrheit. Wenn sich am Ende der ersten Hälfte eine Party in eine Dramenszene mit Dialogen und Regieanweisungen verwandelt, überschrieben mit "Das Ende", verschwimmt die Grenze zwischen Bühnenfigur und Darsteller für einen Moment, und es wird klar, dass eine Ehe nicht mehr ist als die Fiktion, die man von sich als Paar geschaffen hat. Ein "gemeinsamer Geschichtenfundus".