Amerikaner schreiben Briefe an Banker "Ich wünschte, du wärst dabei gewesen"

Es ist diese Authentizität, die Mark Greif so beeindruckt. In Hunderten Büchern sei beschrieben worden, was in den Bankzentralen passiert sei und wie die Aufsichtsbehörden versagt hätten. Etwas habe stets gefehlt: "Ich habe nie gelesen, was in den Menschen vorging, die ein Darlehen für ein Haus aufgenommen haben. Stets hieß es, die Leute seien entweder zu gierig gewesen oder sie wurden betrogen. Hier beschreiben sie ihre Entscheidungen - und die waren ziemlich rational. Die Briefe sind die andere Seite des Bildes."

Auch wenn die Wut auf die Banker auf jeder der 240 Seiten spürbar ist, ist der Ton meist höflich. Den Managern wird zugestanden, was den Kunden oft verwehrt bleibt: Respekt. Ständig klagen Bürger darüber, dass Unterlagen verschlampt wurden und es keine persönlichen Ansprechpartner gibt, um die Probleme zu lösen. Dass dahinter System steckt, belegen die im Anhang dokumentierten Gerichtsakten, in denen die Institute den Betrug eingestehen mussten.

Trotz der erschütternden Einzelschicksale und dem Wissen, dass die soziale Ungleichheit weiter wächst, eint die Briefe etwas zutiefst Amerikanisches: der feste Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen. Einige imitieren den Stil traditioneller Brieffreundschaften ("Liebe Edith, hast du gehört, dass unser Haus zwangsgeräumt wurde? Die Polizei kam und hat uns eine Stunde Zeit gegeben. Das war ein Spaß, ich wünschte, du wärst dabei gewesen.") oder helfen sich mit beißendem Humor. Susie aus Connecticut macht etwa Lloyd Blankfein, dem Chef von Goldman Sachs das Angebot, jede Woche drei Stunden dessen Arbeit zu übernehmen - bei Blankfeins Stundenlohn von 9165 Dollar könnte sie in einem Jahr genug für ein sorgenfreies Leben verdienen.

Dieser Überlebenswille treibt auch Mark Greif an. Der "Obama-Enthusiast" setzt seine Hoffnung vor allem auf jene Beamten, die in den nächsten Monaten die Details der neuen Finanzmarktregulierung ausarbeiten: "Diese Leute sind nicht so weit von der Realität entfernt wie der Präsident in der Air Force One und die Banker in ihren Privatjets. Wenn die Beamten die 'Briefe an die Banken' lesen, wird sie das hoffentlich berühren."

Deswegen werden alle Einnahmen aus dem Verkauf sowie aus Spenden dafür verwendet, weitere Exemplare von "The Trouble is the Banks" kostenlos in Umlauf zu bringen. Lloyd Blankfein und die anderen Banker haben jeweils ein Buch zugeschickt bekommen, sagt Dayna Tortorici. In einem Brief habe sie erklärt, dass n+1 den Kontakt gern zum Absender vermittle, wenn die Manager zurückschreiben möchten. "Ich schaue täglich in dieses E-Mail-Postfach. Bisher hat sich niemand gemeldet."

Mark Greif u.a. (Hrsg.): "The Trouble is the Banks". n+1 Foundation, New York 2012. 232 Seiten, 8 Euro.

Linktipp: Einige "Briefe an die Banken" wurde zum Jahrestag der Occupy-Bewegung in der New York Times veröffentlicht.

Ein Interview mit Herausgeber Mark Greif mit dem Radiosender NPR ist hier nachzuhören. Im gleichen Beitrag kommen auch einige Briefeschreiber zu Wort.