"Ameisengesellschaften" von Niels Werber Außer der Ameise haben wir keinen Spiegel

Myrmekologen oder Ameisenforscher gibt es nach Werbers Schätzung nur rund 500 auf der Welt, in markantem Gegensatz zu den etwa zehn Billiarden Ameisen (oder 1,5 Millionen Exemplaren pro Kopf der menschlichen Erdbevölkerung). Trotzdem vermochten sie es, die zeitgenössischen Debatten der Biologie - und der Gesellschaft überhaupt - in bemerkenswertem Maß zu prägen. Wer "Ameise" sagt, weiß, dass der klassisch darwinistische Satz, die Evolution setze am Einzelnen an, erheblich zu modifizieren ist. Doch ob dabei kin selection, also die Begünstigung von genetischen Verwandten, oder group selection, die Auswahl des gemeinsam agierenden Zweckverbands, zum Zuge kommt, das stellt die gegenwärtig am heißesten umstrittene Frage der Evolutionstheorie dar. (Davon hängt es zum Beispiel ab, ob man eine Nation als Abstammungs- oder als Interessengemeinschaft bestimmen will.)

E. O. Wilson, Nestor der Myrmekologie und nebst seinem Todfeind Richard Dawkins gegenwärtig berühmtester Biologe der Welt, hat neuerdings für die group selection optiert und damit für große Aufregung gesorgt. Der Arroganz und Blindheit, mit der Wilson fordert, die Gesellschaft und die Menschheit insgesamt müsse sich seine an den Ameisen gewonnenen Überzeugungen auf direktem Weg zu eigen machen, hat Werber ein besonders erhellendes Kapitel gewidmet.

Dieses Buch mit seinem nur scheinbar entlegenen Gegenstand ist wahrhaft auf der Höhe der Zeit. Außer der Ameise haben wir keinen Spiegel, in dem wir uns als Wesen der Masse und des Kollektivs betrachten können; und selbst die kosmischen Aliens in den Science-Fiction-Filmen vermögen, wie Werber sehr schön zeigt, der Phantasie kein höheres Maß an fremder Nähe zu liefern, als wir es bereits an unseren winzigen Nachbarn besitzen.

Beunruhigendes Gleichnis

Wie alle Spiegel hat auch dieser die starke Tendenz, gerade in seiner Objektivität hauptsächlich demjenigen zu gleichen, der hineinguckt - ein Paradox, das den positivistischen Forschern zu entgehen pflegt. Werbers so origineller wie fruchtbarer Doppelzugriff hat die Kraft, dieses Paradox durchschaubar zu machen. Auf die Anmaßung der Naturwissenschaften, die sich als normative Instanz aller Lebensbereiche empfehlen wollen, antwortet es mit einer Reflexion, die die Voraussetzungen des scheinbar Voraussetzungslosen ans Licht hebt. Dass es dabei auch sehr spannend, unterhaltsam und mit großer stilistischer Souveränität zugeht, sodass man Werbers Buch, für ein wissenschaftliches Werk gewiss nicht selbstverständlich, auch als Laie bis zur letzten Seite nicht aus der Hand legen mag, sei nur am Rand erwähnt.

Nur eines hat der Rezensent vermisst: Zu der nie allzuweit vom Gruseln entfernten Faszination, die ein Ameisenhaufen auslöst, gehört es auch, dass sein Anblick das Individuum nicht nur in Richtung nach außen und oben, zur Gesellschaft hin, fragwürdig macht, sondern auf eine noch weit intimere Weise - an diesem stummen und niemals missglückenden Zusammenspiel der vielen kleinen Einheiten zum Ganzen eines Superorganismus haben wir ein beunruhigendes Gleichnis von dem, was auch in unserem eigenen, aus Milliarden von Zellen zusammengesetzten Körper vor sich geht. Auch ein Mensch ist in diesem Sinn ein Schwarm, sinnreich verbunden zweifellos, doch möglicherweise viel lockerer, als es sich mit seinem naiven Selbstgefühl vereinbaren lässt. Spätestens wenn man merkt, wie einem die ersten Ameisen im Hosenbein hochkrabbeln, tritt man gewöhnlich mit allen Zeichen der Panik vom Haufen zurück.

Niels Werber: Ameisengesellschaften. Eine Faszinationsgeschichte. S. Fischer Wissenschaft, Frankfurt am Main 2013. 475 S., 24,99 Euro.