Am Set von "Thor" Wenn der Hammer fällt

Comics, Shakespeare und ein Donnergott: Wie Kenneth Branagh mit Natalie Portman und Anthony Hopkins in der Wüste New Mexicos "Thor" dreht. Ein Besuch am Set einer riskanten Comicverfilmung.

Von Roland Huschke

Eine Stunde dauert die Fahrt aus dem Künstlerstädtchen Santa Fe durch menschenleeres Gebiet, bevor am Horizont eine Stadt erscheint. Wie ein strahlendes Fort ragt sie aus der flachen Wüste, die Sandstürme und die Sonne New Mexicos haben den frisch gestrichenen Fassaden noch nichts anhaben können. Sonst gibt es meilenweit nichts als einsame Kakteen, Kadaver - und jede Menge Security-Sheriffs, die das Territorium gegen ungebetene Besucher verteidigen.

Ein Ranchgelände in Privatbesitz, das gern von Hollywood gemietet wird, seitdem lokale Steuersparmodelle die Produzenten anlocken. In der Vergangenheit ritten hier schon die Cowboys von Silverado, auch der Todeszug nach Yuma machte Station. Jetzt aber wurde rund um eine stillgelegte Eisenbahntrasse die fiktive Stadt Puente Antiguo errichtet. Wie in einem Gemälde von Edward Hopper erstrecken sich robuste Holzhäuser in Pastellfarben entlang der Hauptstraße. Das Diner wirbt mit "Fresh Milkshakes!" , durchs Fenster eines Frisiersalons blickt man auf Trockenhauben, jedes Detail wirkt wie aus den Fifties oder einem Americana-Museum.

Wäre dies ein Suchbild mit versteckten Fehlern, landete man angesichts des prächtigen Panoramas jedoch rasch bei zwei Männern, die gerade hinter der Kamera verschwörerisch die Köpfe zusammenstecken. Der eine ein graumelierter, distinguierter Brite im gebügelten Oberhemd, der die blasse Gesichtshaut mit breitkrempigem Strohhut und Pilotenbrille schützt. Neben ihm ein blonder Koloss mit feuerrotem Cape, dessen Muskeln fast den gepanzerten Brustschutz sprengen: Kenneth Branagh dreht Thor.

Der große Shakespeare-Regisseur und der gefürchtete nordische Donnergott, zusammen in Smalltown-Amerika: Thor ist das neueste 150-Millionen-Dollarprojekt aus dem Hause Marvel, das im April in die Kinos kommen wird. Eine der ungewöhnlichsten, vielleicht aber auch riskantesten Comicverfilmungen, die Hollywood in letzter Zeit unternommen hat. Hier wird mit Schauwerten und Effekten geklotzt, das machen schon die Kulissen klar. Die Bilder müssen teuer aussehen, aber sie müssen auch teuer sein. Nur so wahren die globalen Entertainment-Giganten ihren Vorsprung vor der Konkurrenz der lokalen Kinomärkte. Auch wenn Til Schweiger als Kuschelkomödiant Millionen anlockt - solcher Aufwand bleibt für deutsche Produktionen unerreichbar.

Was aber allein noch nichts hilft. Denn die Maschinerie läuft schnell ins Leere, wenn die Formeln allzu starr werden. Deshalb müssen Wagnisse her, kreative Kurzschlüsse, immer neue Köpfe. Da kommt ein Mann wie Kenneth Branagh, bisher Welten entfernt von jeder Comic-Kultur, gerade recht. Und anders als der junge Thor, der aus dem mythischen Königreich Asgard an diesen unwahrscheinlichen Ort verbannt wird, ist Branagh sogar freiwillig hier - er hat die Kleinstadt nach seinen Wünschen errichten lassen.

"In unserer Story", erklärt er, während sich die Stimme vor Erzählfreude überschlägt und die Arme durch die Luft sausen, "fällt Thor auf die Erde und muss lernen, die Menschen zu begreifen und mit ihnen zu koexistieren. Anfangs war Manhattan als Schauplatz vorgesehen, doch die Anonymität einer Metropole schien mir ungeeignet, um intime Verbindungen zwischen Besucher und Bewohnern aufzubauen."

Techniker, Beleuchter und Kamerateam bereiten gerade eine Massenszene vor. Die Bewohner der Kleinstadt müssen in den nächsten Takes fliehen, weil dann ein (bisher noch unsichtbarer) Roboter sein Unwesen treibt und eine Panik auslöst. Natalie Portman, der weibliche Star des Films, und der australische Thor-Darsteller Chris Hemsworth, der als Zwilling von Brad Pitt in Troja durchgehen könnte, bereiten sich derweil auf eine intimere Szene vor, die nebenan gedreht werden soll - "ein hartes Stück echter Schauspielarbeit", wie Branagh ankündigt.

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