Alte Musik Vielstimmige Renaissance

"Zwischen Mars und Venus" im Bayerischen Nationalmuseum

Von Klaus Kalchschmid

Vor zehn Jahren initiierte der Bassist und Lautenist Joel Frederiksen zusammen mit seinem Ensemble Phoenix München, das seit 2003 in wechselnden Formationen spielt, eine erfolgreiche Reihe mit Alter Musik. "Zwischen Mars und Venus" heißt diese, benannt nach dem neugotischen Saal im Bayerischen Nationalmuseum, wo die Konzerte seit 2007 über die Bühne gehen. Im Jubiläumsjahr sind die Projekte - neben einem Monteverdi-Programm im kommenden Frühjahr - bedeutenden Komponisten gewidmet, die in München gelebt und gewirkt haben. Ludwig Senfl machte in einem mit "München 1523" überschriebenen Konzert den Anfang, es folgen Orlando di Lasso mit "München 1557" am 4. Dezember und "München 1607", am 19. Februar.

Der Abend mit Musik der Familie des berühmten Galileo Galilei dürfte besonders spannend werden, denn sowohl der Vater Vincenzo (1520 bis 1591) wie der jüngere Bruder Michelangelo Galilei (1575 bis 1631) waren exzellente Lautenisten und Komponisten. Letzterer kam im Jahr 1607 in die berühmte Hofkapelle Maximilians I.

Wer zum Auftakt Musik von Ludwig Senfl hören durfte, der von 1523 an bis zu seinem Tod 1543 diese Hofkapelle zu dem bedeutenden Ensemble machte, das unter Di Lasso weit über München hinausstrahlte, der erlebte nicht nur eine großartige vierstimmige "Missa dominicalis" nach der seinerzeit berühmten Melodie "L'homme armé", sondern auch geistliche Motetten - darunter die faszinierend dichten "Quinque Salutationis Domini Nostri Jesu Christi - und ausgelassene weltliche Madrigale, etwa das entzückende "Es wollt ein Maidlein Wasser holen". Mit Sabine Lutzenberger (Sopran- und Blockflöte) sowie den Tenören Timothy Leigh Evans und Bernd Oliver, der auch Saxofon spielte, sang ein homogenes Quartett, das Michael Eberth an einem Clavicytherium, einer Art hochgestelltem Cembalo, begleitete.

Die in den vergangenen zehn Jahren erschienenen CDs mit Joel Frederiksen und dem Ensemble Phoenix bieten einen repräsentativen Querschnitt dessen, was auch im Nationalmuseum zu hören war: "The Elfin Knight" versammelte 2007 Balladen und Tänze aus dem England der Renaissance, "O felice morire" (2008) enthielt Arien und Madrigale, entstanden im Florenz um 1600, "Rose of Sharon" (2011) spannte den Bogen weit mit amerikanischer Musik von 1770 bis 1870. "Wie ein Quilt ist das - jeder Teil ist einzigartig und von den anderen sehr verschieden, aber zusammen ergeben sie ein großartiges Patchwork", sagt Frederiksen über das ungewöhnliche Projekt. Im selben Jahr 1870 haben sich die dänischen Vorfahren Frederiksens als Bauern im Süden Minnesotas niedergelassen. Ganz in der Nähe, in einem Ort namens Sleepy Eye, wurde Joel 1959 wohl das Erbe der resonanzreichen, dunklen Stimme des Großvaters und des sonoren Alts der Mutter in die Wiege gelegt.

Nicht minder ungewöhnlich, schlug "Re-quiem for a Pink Moon" (2012) eine Brü-cke vom Singer-Songwriter Nick Drake (1948-1974) zurück in die Renaissance. Oswald von Wolkenstein waren 2013 "Reflektionen" gewidmet, Ende Oktober er-scheint die bislang letzte CD mit Liedern von John Dowland. Wieder einmal bezaubert Joel Frederiskens herrlich sonorer Bass mit dem unverkennbaren Timbre. Auch wenn er sich selbst an der Laute begleitet, bilden doch Ziv Braha und Ryosuke Sakamoto (Laute) sowie die Gambisten Alexandra Polin, Elizabeth Rumsey und Domen Marinčič in wechselnder Besetzung einen fantastisch reichen Hintergrund in diesen oft so melancholisch todessüchtigen, dann wieder lebensbejahenden und die Liebe feiernden Liedern mit ihren unverwechselbaren Melodien, oder sie sind rein instrumental zu hören.

Das nächste Konzert von Joel Frederiksen im Mars-Venus-Saal ist ein Solo-Abend am 10. November (20 Uhr). Unter dem Motto "Orpheus, I am" tritt er eine Reise an von der englischen, französischen und italienischen Renaissance in den Frühbarock.