Alle reden über das Wetter Unseren täglichen Schock gib uns heute

Alarm, Schneechaos, Katastrophe - geht es nicht etwas kleiner? Warum wir die Welt als einen stets zur Panik bereiten Hühnerhof begreifen müssen.

Von Thomas Steinfeld

Das schönste Wort, das den allmählichen Abzug eines Tiefdruckgebiets namens "Daisy" begleitete, lautet "bislang". "Bislang" nämlich, so hieß es in den Radionachrichten vom Sonntagnachmittag, sei das "erwartete Schneechaos" ausgeblieben. Selbst in Mecklenburg-Vorpommern fielen die Flocken schon spärlicher, im Rheintal schien sogar eine blasse Sonne.

Völlig ausgeschlossen war es nunmehr, dass die Wolken plötzlich kehrt machten und den Weg zum nächsten Lebensmittelgeschäft per Schneemauer verbauten. "Bislang" aber hieß: Wir wissen wohl noch, was wir in den vergangenen Tagen für einen Lärm veranstalteten, dass wir von "Schneewalzen" und "Blizzards" sprachen und das Anlegen von Essensvorräten für mindestens drei Tage empfahlen. Also wollen wir noch für eine Weile so tun, als gäbe es diese Möglichkeit weiter. Dann ist bald Dienstag, und die ganze Aufregung wird vergessen sein.

Vergessen wie die "Schweinegrippe", die sich "bislang" nur als eher milde Variante der alljährlichen Influenza darstellt. Vergessen auch wie die "Vogelgrippe" und der "Rinderwahn". Gewiss, es gibt Naturkatastrophen auch in Zonen gemäßigten Klimas, und es wäre angemessen gewesen, nicht nur die Bevölkerung einzelner Regionen, sondern die gesamte deutsche Öffentlichkeit vor einem Orkan wie "Lothar" (1999) zu warnen - genauso, wie man benachrichtigt werden möchte, falls sich tatsächlich einmal eine neue, sehr ansteckende Krankheit verbreitete. Aber so sachlich, so vorsichtig werden die Alarmmeldungen nicht ausgegeben. Vielmehr wird immer häufiger gewarnt, und immer in der höchsten Stufe der Dringlichkeit.

Unter "Chaos" (griechisch: "gähnender Schlund") und "Katastrophe" (griechisch: "Wende zum Untergang") geht offenbar nichts mehr. Die Natur muss nurmehr eine falsche Bewegung machen - und schon hagelt es Schlagzeilen. Sollte tatsächlich einmal etwas sehr Schlimmes passieren, gäbe es gar keine Warntöne mehr dafür. Denn längst haben die kleinen und mittleren Unbillen das lauteste und höchste Register erobert.

Warum aber ist das so? Wie immer in solchen Fällen befinden die aufrechten Staatsbürger auf Verrat am Gemeinwohl - unverdrossen ahnen sie eine entsprechende Verschwörung der pharmazeutischen Industrie, die ihre Profite auf Kosten der Allgemeinheit machen will (so Wolfgang Wodarg), oder des Deutschen Wetterdienstes , der sich gegen die unliebsame Konkurrenz privatwirtschaftlich arbeitender Meteorologen wehren möchte (so Jörg Kachelmann). Wobei sich die als Banden entlarvten Unternehmen und Institutionen selbstverständlich der Medien - oder genauer: der Sensationspresse, was aber im Zweifelsfall dasselbe ist - bedienen müssen, um die Bevölkerung zu "verunsichern".

Und keinem fällt auf, was diese Idealisten des Gemeinwohls mit solchen Argumenten anstellen: nicht nur, dass sie in ihrem verdrucksten Antikapitalismus die Bevölkerung in einen stets zur Panik bereiten Hühnerhof verwandeln, sondern auch, dass hinter einer solchen Kritik immer der Wunsch nach der Polizei steckt - wobei "Polizei" im Fall von Jörg Kachelmann bedeutet, dass jemand dem öffentlich-rechtlichen Anachronismus eines Deutschen Wetterdienstes das Handwerk zu legen habe, weil der private Meteorologe an und für sich näher am Wetter sei.

Keine dieser Verschwörungstheorien aber vermag die Faszination zu erklären, die für offenbar sehr viele Menschen von den Katastrophenwarnungen ausgeht. Aber es gibt diese Begründungen, durchaus. Vor über zwanzig Jahren lehrte etwa der Gießener Philosoph Odo Marquard, es gebe eine "Angstdynamik", ein Bedürfnis nach Angst. Wenn sich dieses an keine realen Bedrohungen mehr knüpfen könne, mache es sich an erfundenen geltend. So komme es, dass die Chemie um so eher in Verdacht geriete, ausschließlich zur Vergiftung des Menschen erfunden zu sein, je mehr Lebensvorteile sie bringe.

Bedürfnis nach Angst

Damit so etwas aber funktioniert, muss es eine Vorstellung von unausweichlicher, von absoluter Vergiftung geben. Anders gesagt: in der Begeisterung für den (zumindest halbwegs grundlosen) Alarm verbirgt sich der Versuch, den Schrecken zu zähmen, indem man ihn, auf verträgliches Maß reduziert, unablässig wiederholt, um ihn so beherrschbar zu machen. Der Horrorfilm arbeitet nach diesem Prinzip, und nicht nur dieser: Der religiöse Ritus, der Opferkult, ist ihm immer schon gefolgt. Was umgekehrt bedeuten müsste, dass sich an Häufigkeit, Umfang und letztlicher Harmlosigkeit der Angstphantasien erkennen ließe, wie friedlich und ungefährdet die Lebensverhältnisse tatsächlich längst geworden sind.

Fürchtet sich aber tatsächlich jemand vor Stürmen wie "Daisy" so sehr, dass er sich ein Lager mit Lebensmitteln anlegt, wie ihm der Katastrophenschutz nahelegt? Kaum, und wenn, dann gehorcht der Vorratskeller auch einem spielerischen Bedürfnis, einer Lust am Pfadfindersein und am autarken Leben. Und dennoch gibt es das Bedürfnis nach Angst und die Faszination an der potentiellen Katastrophe - im Bedürfnis nach einer Nachricht, die einem durch Mark und Bein fährt, nach dem Schock der Meldung.

Denn bei einem solche Alarm geht es bei weitem nicht nur darum, vor etwas Schrecklichem zu warnen. Die allgemeine Warnung selber, die Nachricht, die an den Lebensnerv eines Kollektivs rührt, hat ihre eigenen Effekte: die "gesteigerte Geistesgegenwart" (Walter Benjamin), das plötzliche Bewusstsein, dass da etwas ist, was uns alle unbedingt angeht - nicht, weil man Gemeinschaft empfinden will, sondern weil da etwas Höheres, Unwidersprechliches in die Menschen fährt wie ein Faustschlag in die Magengrube, eine Macht, die das Leben von Millionen polt und sie so nicht nur zu einer Gemeinschaft macht, sondern der Gemeinschaft eine Gegenwart, ein praktisches Dasein verleiht. Ganz ohne Theologie wird sich dieses Bedürfnis nicht erklären lassen, auch wenn es hier keinen Gott und keine Erlösung gibt.

Entfaltet hat diesen Gedanken der Leipziger Philosoph Christoph Türcke in seinem Buch "Erregte Gesellschaft. Philosophie der Sensation" (C. H. Beck Verlag, München 2002). Das Bedürfnis nach Schocks, lehrt er, gehöre mittlerweile so sehr zu den westlichen Gesellschaften, dass sie - wie bei Drogenabhängigen - in Injektionen verabreicht würden, wohl abgemessen und, weil die Wirkung mit zunehmendem Gebrauch abnimmt, in sich steigernden Dosen. So erst entfaltet der absolute Alarm seinen Sinn: als Akt der Bemächtigung, auch der Selbstbemächtigung, in der bloßen Warnung. Deshalb ist das "bislang" - also der Umstand, dass die angekündigte Katastrophe dann doch nicht eintritt - ihr konsequenter Verlauf. Denn wer wollte schon den Ernstfall ertragen?