Alice Weidel in der AfD "Das Feindbild Muslime funktioniert gerade besonders gut"

Die Furcht vor Zuwanderung ist größer als die Angst vor der eigenen Diskriminierung?

Dass das Angst ist, sagen Sie. In den Gesichtern von Pegida- oder AfD-Anhängern ist ja vor allem Wut zu lesen. Nein, das Feindbild Muslime funktioniert gerade einfach besonders gut. Auf dieses Feindbild kann gerade alles projiziert werden, von dem man sich positiv abgrenzen will, etwa indem man Muslimen undemokratische Werte, Homophobie oder eine besondere Neigung zu Gewalt und Kriminalität unterstellt. Wenn Anne Will dann eine Hardcore-Islamistin mit Vollverschleierung in ihre Talkshow einlädt, sagen sich 99 Prozent der Zuschauer vorm Fernseher: Wir sind ja viel besser. Da verschwimmen auf einmal alle anderen kleinen Ungleichwertigkeiten in der Mehrheitsgesellschaft.

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Aber dieses Prinzip blendet doch völlig aus, dass wir in Sachen Gleichberechtigung und Gleichstellung noch lange nicht am Ende sind?

Exakt. Nehmen wir die Akzeptanz der Geschlechter. Da hat sich in unserer Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten einiges getan, aber an vielen Stellen hakt es eben immer noch. Wenn die AfD nun aber betont, dass Muslime ja noch viel weiter von der Gleichberechtigung entfernt seien als wir, lenkt sie von der eigenen Verantwortung ab und muss sich keine unangenehmen Fragen gefallen lassen. Auf einmal wird ausgeblendet, dass sich die Leute, die jetzt Muslime patriarchalische Rollenvorstellungen vorwerfen, noch vor Kurzem gegen die Quote für Frauen in Dax-Unternehmen ausgesprochen haben.

Außerdem hat man ja eine homosexuelle Spitzenkandidatin.

Genau, damit wird es viel schwerer, der Partei Homophobie vorzuwerfen. Und Weidel lenkt noch stärker von sich ab, weil sie eine ziemlich radikale Haltung gegenüber Muslimen vertritt. Ähnlich verfährt Jens Spahn. Wenn der homosexuelle CDU-Politiker ein Islamgesetz fordert, lenkt er davon ab, dass gerade die Konservativen in seiner eigenen Partei die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen ablehnen. Aber auf diese Weise profitieren beide Seiten: Diejenigen Politiker, die einer Minderheit angehören, fühlen sich der Partei zugehörig, auch wenn die gegen die eigene Minderheit hetzt. Das blenden sie aus. Und die Partei macht sich umgekehrt nach außen hin weniger angreifbar.

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Geht das für Politiker wie Alice Weidel auf Dauer gut?

Schwierig zu sagen. Wenn es hart auf hart kommt, gehört sie der Gruppe an, gegen die als nächstes gehetzt wird. Jetzt kann man sie gut gebrauchen, aber durch diesen "Makel" steht sie auf der Abschussliste ganz oben.

Andere Frage: Tut man ihr nicht unrecht, wenn man sie auf ihr Lesbischsein reduziert?

Ja, insofern wir implizit annehmen, Minderheiten seien die besseren Menschen. Das ist die alte "Arm, aber anständig"-Ideologie, die jedoch ignoriert, dass es auch unter Muslimen oder Homosexuellen Menschen mit Vorurteilen gibt - wie eben überall.

Wenn dieses Hierarchiedenken so gesellschaftsimmanent ist, wie kommen wir da raus?

Wir sollten nicht in Gruppen denken, sondern als gemeinsames großes Wir. Kanzlerin Merkel lag mit ihrem berühmten Satz "Wir schaffen das" schon ziemlich richtig. Allerdings nimmt sie uns damit gleichzeitig in die Verantwortung. Und das ist natürlich anstrengend.

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