Alfred Polgar (XXXIII) Der Weglasser

SZ-Serie über große Journalisten (XXXIII): Alfred Polgar - Grandseigneur der Feder

Von HANS LEYENDECKER

(SZ v. 21.07.2003)

"Die Simmeringer Hauptstraße ist die traurigste Straße Wiens. Sie beginnt mit Kaserne und Krankenhaus und endet mit dem Friedhof. Dazwischen: Fabriken, ein Kino, Pferdefleischhauereien. Zuchthaus ist keines auf der Simmeringer Hauptstraße."

So knapp und eindringlich kann ein Geschichtenanfang sein. Oder so stimmungsvoll, nüchtern: "Zu Weihnachten war ihre große Zeit. Sie stand in der Küche, briet und backte. Eigentlich solle es heißen: buk, aber die Leni war eine einfache Person. So ein vornehmes Imperfektum würde gar nicht zu ihr passen."

Zwei Einstiege zu Geschichten, die Alfred Polgar (1873 bis 1955) geschrieben hat. Mit dem Anschein spielerischer Leichtigkeit hat er die Welt erklärt. Der Sohn ungarisch-slowakischer Juden, der erst Alfred Polak hieß und sich gern zwei Jahre jünger machte, hat in vielen Variationen in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern kleine Leute wie Leni besungen: "Ich will lieber die Büste meines Briefträgers auf den Schreibtisch stellen, als die des großen Napoleon". In Skizzen wie dem Stück über die Simmeringer Straße, hat er der Trostlosigkeit Glanz verliehen, der aber nicht blendete.

Obwohl er sein Leben lang für Zeitungen und Zeitschriften wie Wiener Allgemeine Zeitung, Berliner Tageblatt, Schaubühne oder Weltbühne geschrieben hat, bedeutete ihm journalistisches Lob im Allgemeinen nicht viel. Er kannte die Aufgeblasenheit der Branche und deren Mätzchen zu genau. 1926 hatte er ein Buch mit dem Titel An den Rand geschrieben herausgebracht, und allein der Titel reichte den Betrachtern für ein Urteil: "Unscheinbar, nebensächlich, fern vom Kern." Im Journalismus braucht es oft nicht mehr als einen Vorwand. "Es lebte sich kritisch, auf meine Kosten, bequem vom Rand in den Mund", urteilte Polgar. "Ich lernte es sehr bedauern, dass ich dem Rat guter Freunde nicht gefolgt und mein Buch nicht Die silberne Glocke oder Gewölk im Südsüdnord oder schlechtweg Silpelith rudert über die Erlen betitelt habe."

Polgar schrieb wie ein Journalist für den Tag, und er ist dennoch geblieben. Er war Theaterkritiker, Betrachter, Essayist. Er wollte Zeuge sein. Fast sein ganzes Leben hat er, neben Theaterkritiken, dem Thema Krieg und Frieden gewidmet. Er hasste die Nazis und mochte die Kommunisten nicht. 1933 flüchtete er ins Exil. Zunächst nach Prag, dann nach Zürich, Paris und am Ende in die USA. Er übersetzte amerikanische Bühnenstücke und entwickelte eine unglückliche Liebe zum Film. Seine Formulierungskunst hat ihm früh den Titel "Meister der kleinen Form" eingebracht.

Wer über Alfred Polgar schreibt, sollte am besten nur Sätze verwenden, die er geschrieben hat. Wenn jemand versuchte, sein Talent nachzuahmen, es wäre nur peinlich. Polgar schrieb beiläufig, tat leicht und traf genau ins Ziel. Er war ein Grandseigneur der Feder. Er war leise, fein, ein gläubiger Ungläubiger. Er war keiner jener journalistischen Kraftmeier, die es zu allen Zeiten gab und die dem Leser am liebsten falschen Hasenbraten mit pikanter Sauce servieren.

"Warum und zu welchem Ende studieren wir Alfred Polgar?" hat Kurt Tucholsky 1925 die Leser der Weltbühne gefragt und die Antwort selbst gegeben: Weil Polgar "aufs Augenhärchen genau sagen kann, was er sagen will". Sagen können, was man sagen will. Das möchte jeder Journalist, aber den wenigsten gelingt es. Gutes Schreiben ist Weglassen, und kein Journalist beherrschte jemals diese Kunst meisterlicher als Alfred Polgar.

Der Schriftsteller Joseph Roth, der auch einer der besten Zeitungsreporter des vergangenen Jahrhunderts war, hat mit Polgar eine kurze Zeit nach dem ersten Weltkrieg beim Neuen Tag in Wien zusammengearbeitet und war vom Schreibstil seines Mentors so beeindruckt, dass er sich später mit den Worten vorstellte: "Ich bin ein Schüler von Alfred Polgar." Polgar war das peinlich.

Robert Musil hat Polgar gerühmt, Franz Kafka auch, der das Außerordentliche an Polgar früh erkannte: "Seine Sätze sind so glatt und gefällig, dass man die Lektüre von Alfred Polgar als eine Art unverbindlicher gesellschaftlicher Unterhaltung hinnimmt und gar nicht merkt, dass man eigentlich beeinflusst und erzogen wird. Unter dem Glacehandschuh der Form verbirgt sich ein fester, unerschrockener Wille als Inhalt. Polgar ist ein kleiner, aber tüchtiger Makkabäer im Land der Philister." Polgar soll über das Lob, wie Friedrich Troberg schrieb, "stolz wie ein Gymnasiast" gewesen sein. Als ihn Alfred Neumann lobte, war Polgar beglückt: "Von einem Manne Ihres hohen literarischen Anspruchs so gewürdigt zu werden, tut über die Maßen gut. Da mein Geschriebenes in Zeitungen erscheint, wie sonst könnte ich es in Honorar umsetzen? - bin ich seit Jahr und Tag als Feuilletonist stigmatisiert. "

Er hat das mit dem Feuilleton nicht nur so geschrieben, er hat es so gemeint.

"Die Leere, die wässrige Visage, von gekräuselten Stil-Löckchen hold umscherzt" - das war für ihn das Wesentliche des Wiener Feuilletons. "Nichts ist hoch, groß, fern, stark, tragisch genug, dass es im Wiener Feuilleton nicht zu einem Brei, zur literarischen Kost für Zahnlose, zerplauscht würde." Polgar hat die Wichtigtuereien und Gespreiztheiten des Zeitungsbetriebs gekannt, verachtet, aber er wusste besser als die meisten anderen, was eine gute "Zeit-Schrift" sein muss: "Eine Uhr, die die politische, soziale, literarische Stunde schlägt. Was gestern hätte geschrieben werden können, passt eigentlich nicht mehr in die Zeitschrift. Was erst morgen reif wäre zur Niederschrift, schon eher. Aber so rigoros wird sich das nicht durchführen lassen. Es ist schrecklich schwer, Leute zu finden, die etwas Neues zu sagen haben. Und wenn man sie gefunden hat, ist es schrecklich schwer, Leute zu finden, die etwas Neues hören wollen."

Seine literarisch-journalistische Herkunft ist ohne das Treiben in Wien um die Jahrhundertwende nicht denkbar. Zu seinem Mikrokosmos gehörten Peter Altenberg, Egon Friedell und Anton Kuh. Das Kaffeehaus war Polgars Welt. Er hat die Idee des Cafe Central entwickelt: "Das Cafe Central liegt unterm wienerischen Breitengrad am Meridian der Einsamkeit. Seine Bewohner sind größtenteils Leute, deren Menschenfeindschaft so heftig ist wie ihr Verlangen nach Menschen, die allein sein wollen, aber Gesellschaft brauchen. Es sind unklare Naturen, ziemlich verloren ohne die Sicherheiten, die das Gefühl gibt, Teilchen eines Ganzen (dessen Ton und Farbe sie mitbestimmen) zu sein."

Das Schreiben im Journalismus für Leser, die durch Geschreibsel nur in ihrer eigenen Ansicht bestätigt werden wollen, hat er gehasst. Die Seilschaften, die nach dem Motto funktionieren, "Ich lobe Dich, damit Du mich lobst," hat er verachtet. Dabei fände diese Gemeinde manchmal in einem Wohnwagen Platz. Er war unbestechlich. Viel mehr darf man von einem Schreiber nicht erwarten. Weil er nicht zu den Richtungsmachern gehören wollte, ist er für den ein oder anderen das Maß aller Dinge geworden. Er war unübertrefflich. Das ist doch schon was.