Alben der Woche Tief trauriges Mangelwesen

Rapper Gzuz: "Hab' es mit Liebe probiert, aber da war ich noch klein."

(Foto: Universal Music)

Gzuz zeigt sich auf "Wolke 7" als prähistorisches Raubtierfossil im Tränenmeer. A$AP Rocky langweilt sich allein und Lordi spielen den feuchten Albtraum von Gene Simmons.

A$AP Rocky - "Testing" (RCA Records/Sony)

Im Rap gibt es gerade nichts Besseres, als Lauryn Hill zu samplen. Drake hat es in seinem Hit "Nice For What" getan, Cardi B in ihrem Song "Be Careful". Und jetzt: A$AP Rocky. "Purity" heißt der Track, auf dem der 29-jährige Rapper aus Harlem ein Sample aus Hills Song "I Gotta Find Peace Of Mind" krass herunterpitcht, als sei die Musik auf Xanax. Dazu reimt er, dass er seinen Seelenfrieden noch nicht habe finden können, weil er zu "fuckin' busy" und zu "busy fuckin'" gewesen sei. Frank Ocean steuert ein paar Zeilen bei und sprechsingt darüber, dass auch bei ihm dem Seelenfrieden einiges im Weg stehe: Drogen, Einsamkeit, Eierschalenreste im Omelett. "Purity" ist das sehr hübsche letzte Stück auf dem neuen A$AP-Rocky-Album "Testing" (RCA), das ansonsten leider durchwachsen ist. Toll in der ersten Hälfte ist, wie in "A$AP Forever" ein eigentlich zu Tode genudeltes Kitsch-Sample aus dem Moby-Hit "Porcelain" zur Basis einer Hymne auf New York und die eigene Gang wird, mit fetten Handclaps und triolischen Raps. Und in "Praise The Lord" zirkelt A$AP Rocky zusammen mit seinem Gast, dem britischen Rapper Skepta, um ein chilenisches Panflöten-Sample herum. Im Refrain variieren die beiden Rapper Phrasen wie "Veni, vedi, vici" und "When it rains it pours", um zu folgendem Schluss zu kommen: "I praise the lord, then break the law". Genial. Danach geht es aber steil bergab, ausgerechnet bei jenen Tracks, auf denen A$AP Rocky allein, also ohne Features, hätte glänzen sollen oder können. So wirkt es leider, als sei es ihm ohne Sparringspartner viel zu langweilig auf seinen eigenen Tracks. Aber dann kommt ja wieder "Purity" mit dem Lauryn-Hill-Sample, und mit Frank Ocean, und alles ist gut.

Jan Kedves

Chvrches - "Love is Dead" (Vertigo Berlin/Universal)

Der Schock kommt gleich zu Beginn, denn das Allererste, was einem von "Love Is Dead" (Vertigo Berlin/Universal), dem neuen Album der Band Chvrches entgegendröhnt, ist ein wirklich, wirklich hirnrindenansägender Autoscooter-Synthie. Dödel döp döp döp. Dann stampft der Song voran, steigert sich zu einem auf größtmögliche emotionale Durchschlagskraft hochgetunten Stück Highsorce-Pop. Im weiteren Verlauf der Platte wird zwar das Tempo immer wieder variiert, die Penetranz dieser Press-Synthies aber bleibt konstant. "Love Is Dead" zeigt, wie sich ein paar leidlich interessante Synthie-Pop-Revivalisten selbst in undefinierter Soundsüße ertränken können. Die Liebe ist tot? Bestimmt nicht. Chvrches schon.

Julian Dörr

Falco - "Sterben um zu Leben" (Sony)

"Jeanny! Du bist mein Codein!" Bitte was? Man muss an dieser Stelle ganz kurz darüber hinwegsehen, dass sich "Du bist mein Codein!" von der Silbenanzahl her nicht ganz so geschmeidig über diesen Refrain legt wie einst "Quit living on dreams!". Ansonsten aber ist Ali As' zäh tropfende Cloudrap-Albtraum-Version von Falcos Klassiker "Jeanny" ein unglaubliches Brett - wie eigentlich alle Songs auf "Sterben um zu Leben" (Sony), dem neuen... ja, was denn eigentlich? "Sterben um zu Leben" versammelt keine klassischen Cover-Versionen, sondern Neuinterpretationen von Falcos Liedgut durch das Who is Who des Deutschrap. Gänzlich neue Songs, die zwar in Sachen Tonalität und Atmosphäre bei den Originalen beginnen, sich dann aber in neue Richtungen verästeln. Sido verwandelt den "Kommissar" in einen trocken groovenden Kopfnicker, "Junge Römer" von Zugezogen Maskulin ist Düster-Disco aus den Ritzen der Gesellschaft, Kontra K baut "Zuviel Hitze" auseinander und flicht tatsächlich eine Zeile aus Echts "Weinst du" hinein. Da wird ein Werk zum irren Baukasten, einerseits. Andererseits ist "Sterben um zu Leben" aber auch eine tiefe Verneigung. Im für Gangster-Rapper ungewohnt nostalgisch-altersmilden "Vienna Calling" rappt Celo: "Erster deutscher Sprechgesang, der auf Eins war". Von Falco bis Hustensaft. So erzählt man die Geschichte des Deutschrap. Oder mit Ali As: "Jeanny! Deine Tränen lila wie die Sprite mit dem Lean!"

Julian Dörr

Gzuz - "Wolke 7" (Vertigo/Capitol)

Mal eine ganz andere Frage zur dieser so irre rohen Gewalt-, Waffen, Geld-, Frauenverachtungs- und Drogenkiste: Muss man sich Gzuz eigentlich als glücklichen Menschen vorstellen? Ist jetzt natürlich ein sehr bürgerlicher Blick, aber glückliche Menschen rammen anderen ja eigentlich keine Klingen in den Hals. Sie "zerfetzen" Frauen nicht. Sie fuchteln nicht mit Glocks, Uzis und Pumpguns herum. Und wahrscheinlich sind sie auch nicht ständig auf Koks, Codein, Gras, Oxycodon, Ecstasy, Wodka, Jack. Vielleicht eine gar nicht so gewagte These also: Gzuz ist - in diesem ekelhaft kapitalistischen Sinne - ein Mangelwesen. Einer, der ein Zuwenig an quasi allem an sich festgestellt hat, und das jetzt mit einem manischen Zuviel an quasi allem kompensiert ("Hab' es mit Liebe probiert, aber da war ich noch klein / Denn niemand erwiderte sie, deshalb ließ ich es sein - egal ich bin reich!"). Ohne dabei Glück zu finden. Die Welt auf auf "Wolke 7" (Vertigo/Capitol), dem zweiten Solo-Album des Hamburger Rappers, fühlt sich jedenfalls sehr klein und sehr eng an. Die Beat-Schleier hängen tief und dicht. Die Synthies plätschern wie dicke Regentropfen, die Schlieren auf den Scheiben ziehen, aus ihnen heraus. Und in all diesem Grau schwimmt das 187er-Straßenbande-Mitglied wie ein prähistorisches Raubtierfossil (Hausnummer: Megalodon) und fletscht und grient und keift und bellt und spuckt seine ja doch ein bisschen glaubwürdigen Gangsterphantasien hervor - eher um sich aus der Enge zu befreien. Man kann sich fürchten vor diesem Raubtierkapitalismus-Prototyp. Man kann seine Kinder vor ihm bewahren wollen. Deshalb funktioniert er so gut. Obwohl er rein musikalisch relativ egal wäre.

Jakob Biazza

Lordi - "Sexorcism" (AFM Records/Soulfood Music)

Vielleicht muss man den Preis für die besten Songtitel des Jahres tatsächlich schon im Mai vergeben. So herrlich dumm sind die Wortspiele auf "Sexorcism" (AFM Records/Soulfood Music), dem neuen Album der finnischen Band Lordi: "Romeo Ate Juliet", "The Beast Is Yet To Cum", "Sodomesticated Animal". Das wäre alles nun ein schnell erzählter und ziemlich flacher Witz, steckten dahinter nicht ein Haufen fantastischer Popsongs. Oder genauer: platteste Schlüpferlyrik, Riffgebolze, Synthiefanfaren und Monstergegurgel von Lordi, der einzigen Metalband, die jemals den Eurovision Song Contest gewann. Wobei, Metal ist das ja nicht wirklich, viel mehr feinster, faustreckender, sehnsuchtsvoll jaulender Hard-Rock. Eine Platte wie der feuchte Albtraum von Gene Simmons.

Julian Dörr

Snow Patrol - "Wildness" (Polydor/Universal)

"Chasing Cars" und kein Ende. 2006 war das, die schottisch/walisische Band Snow Patrol hatte einen Glücksgriff getan, tolles Lied, toller Spannungsbogen, epischer Gitarrenpop, wie geschaffen für Massenschwärmereien bei verregneten Rockfestivals. Der Song hielt sich in den britischen Charts 166 Wochen, ganz Europa summte mit, monatelang, überall, ununterbrochen. Snow Patrol verkauften Millionen von Alben, gaben riesige Konzerte - und umgehend versank der Songwriter und Sänger Gary Lightbody in Depressionen und Alkohol. Heute geht es dem Mann besser, trotzdem sind seit dem letzten Album schon wieder sieben Jahre vergangen. Jetzt also "Wildness" (Polydor/Universal): zehn Songs mit viel Lagerfeuergitarre und leicht larmoyantem Gesang, einfacher Folkpop, manchmal arg einfach. Dafür lassen die hymnischen Texte, für die Lightbody früher oft verspottet wurde, jetzt auch seine Verwundungen erkennen, das gibt den Songs mehr Tiefe. Und allein für den Titel "What If This Is All the Love You Ever Get?" verdient Lightbody einen Songwriter-Preis.

Max Fellmann