Alben der Woche Kopfüber in den Schlund der Hölle

Bei den "Editors" tröten Gitarren jetzt wie Auto-Alarmanlagen. "Judas Priest" schaffen statt fünf irrer Hooks in einem Song nur noch anderthalb. Außerdem: eine Mahnung an die düstere Isolation der Brexit-Zukunft.

Editors - "Violence" (Pias)

Tom Smith und Paul Banks waren einmal die Musterschüler in der Ian-Curtis-Imitationsklasse. Zwei Stimmen, die Seelen aufreißen konnten, um sich dann kopfüber in den tiefschwarzen Schlund zu stürzen. Allein: Banks' Band Interpol hat sich immer ein bisschen schlauer und eleganter in diesen Schlund gestürzt. Man denke nur an rotlichternde Großstadt-Gedichte wie: "Subway, she is a porno/ And the pavements they are a mess/ I know you've supported me for a long time/ Somehow, I'm not impressed". Smith und seine Band, die Editors, setzten eher auf lyrische Postkartenmotive: "The saddest thing that I'd ever seen/ Were Smokers outside the hospital doors". Auch auf dem neuen Album "Violence" (Pias) geht es wenig subtil daher. Überwältigungspop im Bariton des Geprügelten. Warum das alles noch schlechter funktioniert als früher? Weil eben jener Bariton in den Hintergrund einer absolut verwuselten Produktion gedrückt wird. Die Hi-Hat zuckt, überall uuht und ooht es und die Gitarren tröten wie Auto-Alarmanlagen. Die Editors sind jetzt verspielter und verspulter, aber letztlich auch vollends ziellos.

Julian Dörr

Judas Priest - "Firepower" (Sony Music)

"Firepower" (Sony Music), das 18. Studioalbum der britischen Heavy-Metal-Band Judas Priest, ist ihr erstes mit Produzent Tom Allom seit "Ram It Down" von 1988. Wer diesen Meilenstein der Popgeschichte noch nicht kennt, der höre unbedingt den Titeltrack "Ram It Down". Alternativ böte sich die Lektüre folgender Zeilen aus besagtem Song an: "Thousands of cars and a million guitars/ Screaming with power in the aiiiiiiir". Wer wissen will, wie Heavy Metal auf seinem Höhepunkt klang: genau so. Solche Höhepunkte erreichen Judas Priest 2018 trotz neuem alten Produzenten nicht mehr. Auch ein irrer Heuler wie Rob Halford will sich im Alter wohl stimmlich und tempomäßig in der gemütlichen Mitte einrichten. Weshalb "Firepower" über weite Strecken doch arg teigig daherkommt. Was dem Spaß eher abträglich ist. Aber nur ein bisschen. Jetzt schaffen Judas Priest statt fünf irrer Hooks in einem Song halt nur noch anderthalb.

Julian Dörr

Young Fathers - "Cocoa Sugar" (Ninja Tune/Rough Trade)

Die schottische Band Young Fathers mit liberianisch-nigerianischen Wurzeln hat schon 2014 für ihr Debüt "Dead" den Mercury Prize gewonnen, den vielleicht einzigen wirklich interessanten Musikpreis der Welt. Nun erscheint ihr drittes Album "Cocoa Sugar" (Ninja Tune/Rough Trade). Es ist ein warm knisternder Genre-Mix geworden, gleichzeitig kosmopolitisch und zutiefst britisch. Besserer Pop für eine bessere Welt. Der himmlisch geklimperte Gospel von "Lord", die verwehten Stammestrommeln von "Fee Fi", der Africana-Rap von "Holy Ghost". Die Young Fathers machen keine schwarze Musik, sie machen politische Musik, eine Musik die Grenzen überschreiten und verwischen will. Ein Album wie eine Mahnung an die düstere Isolation der Brexit-Zukunft.

Julian Dörr

"Ich möchte jeden Tag Afrikaner sein"

Seun Kuti übernahm Band und Botschaft seines Vaters Fela, der nigerianischen Afrobeat-Legende. Er spricht über Heimat und erklärt, warum den Disney-Film "Black Panther" niemand in Afrika braucht. Interview von Jonathan Fischer mehr...