Alben der Woche Geiz, Gier und mangelnder Respekt vor der Kunst

Sasha, der konsequent auf Deutsch singt: Eigentlich könnte das sehr stimmig sein.

(Foto: Olaf Heine)

Sasha singt jetzt auf Deutsch und klingt dabei wie eine billige Kopie. Revolverheld stemmen sich hingegen mit aller Kraft gegen die Überhöhung des eigenen kleinen Lebens.

Manic Street Preachers - "Resistance Is Futile" (Sony Music)

Und zack, wiaowiaowiaowiaooooo, da ist sofort diese Gitarre. Diese gleichsam scharfschnittig zugespitzte wie breitwandig aufrollende Manic-Street-Preachers-Gitarre. Dazu singt James Dean Bradfield von Erinnerungen, verlorenen Generationen, sterbenden Sternen und kaputten Algorithmen. Ja, bei den Manic Street Preachers geht die Welt mal wieder denn Bach runter. Alles beim Alten also? "Resistance Is Futile" (Sony Music) heißt das neue Album. Widerstand ist zwecklos, ein wunderbar doppeldeutiger Titel. Weil er ja offen lässt, wer hier aufgibt und wer triumphiert. Ist jetzt eh schon alles verloren? Oder alles gewonnen? Die Polit-Popper der Manic Street Preachers jedenfalls haben ihren opulenten Dekadenz-Punk seit ihrem Debüt "Generation Terrorists" von 1992 nicht mehr so hoch in den Pophimmel gehängt.

Julian Dörr

Princess Nokia - "A Girl Cried Red" (Rough Trade)

Der Hip-Hop erobert sich die Gitarre. Das ist die Überraschung beim neuen Mixtape der Rapperin Princess Nokia: Sie macht jetzt Indie - mit Schrammelgitarre und Autotunetrap. Genauer müsste es natürlich heißen: Der Hip-Hop erobert sich die Gitarre (mal wieder) zurück. Immerhin kommt der Hip-Hop aus dem Funk und R'n'B und war früher mal Livebandmusik. Und diese Wiederaneignung könnte natürlich Türen öffnen, auch künstlerisch, wäre also an sich eine gute Sache. So richtig kickt das nur leider nicht, was Princess Nokia da tut: Die Indietracks haben arg viel vom Sound einer College-Fun-Punk-Band vor fünfzehn Jahren. Außerdem dominieren die Hip-Hop-Produktionen. Alles elektronisch, alles gleichlaut, alles ein wenig aseptisch. Der Indie-Anteil bleibt Imitation: Das Rohe der Gitarren ist nicht da, die Nebengeräusche, das Provisorische. Besonders "A girl cried red" erinnert an Mainstream-Indie, wie er in schlechten Teeniefilmen läuft.

Juliane Liebert

Revolverheld - "Zimmer mit Blick" (Columbia/Sony Music)

Auf "Zimmer mit Blick" (Columbia/Sony Music) mörteln Revolverheld Geschichtenbacksteine aus der Vorabendserie zusammen. Die erste Zigarette auf dem Schulklo, die erste Liebe, die letzte Bahn, der alte Golf, die kleine Wohnung unterm Dach, weißte noch, das verstaubte Radio mit der eingeklemmten Kassette? Begleitet werden diese Anekdoten aus dem Vorrat des langweiligsten Pärchenabends der Welt von einer Musik, die sich wohl am treffendsten als Pop-Rock mit Coldplay-Anspruch, aber "Music Hall Worpswede"-Realität beschreiben lässt. Synthiechöre, dumpfes Stadionschlagzeug, ein bisschen Elektronikgewische. Bemerkenswert bleibt am Ende nur, wie vehement sich diese Band gegen die Überhöhung des eigenen Lebens stemmt, was ja einer der Urtriebe des Pop ist. "Zimmer mit Blick" ist ein Fest der Durchschnittlichkeit. Songs, so dröge wie der Alltag und die Beziehungen und das Leben der Großteilsmenschheit. Wenn man denn will, kann man aus der Kalenderblatt-Lyrik Revolverhelds die Grundunzufriedenheit des menschlichen Daseins herauslesen: Der Ort, an dem man gerade ist, ist immer der falsche.

Julian Dörr

Sasha - "Schlüsselkind" (Polydor)

Es gibt eine unter Komponisten gefürchtete Art von Jobs: Soundalikes. Ein Euphemismus für geistigen Diebstahl aus Geiz, Gier und mangelndem Respekt vor der Kunst. Werbeagenturen geben Soundalikes in Auftrag, wenn sie ihre Autos, Burger, Inkontinenzwindeln und Tagescremes mit einem bestimmten Song bewerben, die Rechte dafür aber nicht einkaufen wollen. Die Komponisten müssen die Stücke dann nachbauen - eindeutig erkennbar, aber möglichst nicht justiziabel. Meistens glotzen deshalb Anwälte stetig mit in die Noten. Sashas neues Werk "Schlüsselkind" ist nun - leider - ein albumgewordenes, 14 Titel langes Soundalike. Mal als weithin dreister Rip-Off von Jan Delays "Oh Johnny" ("Nichtgeschwindigkeit"), mal als eher freier Verschnitt aus Justin Timberlakes "Cry Me a River" mit gängigen Sommerhit-Klischee-Imitaten ("Gorilla"), ansonsten als Inspiration: bisschen Selig, bisschen Robbie Williams, bisschen "Lovely Day", bisschen jedes gottverdammte Pseudo-Funk-Zitat der Welt. Was nun eigentlich schade ist. Sasha singt diesmal konsequent auf Deutsch, und eigentlich könnte das ja sehr stimmig sein. Man müsste halt mal probieren, wie's klänge, wenn man versuchte, es nach Sasha klingen zu lassen. Jakob Biazza