Interview von Martin Zips

Al Jarreau ist auch mit 67 Jahren noch ein brillanter Sänger. Im Interview spricht er über Lächeln unter schwierigen Bedingungen und windelweichen Massengeschmack.

Hamburg-Harvestehude. Der amerikanische Jazzsänger Al Jarreau probt in einem Studio mit der NDR-Bigband für seine Europa-Tournee Songs aus George Gershwins "Porgy & Bess". Vor 30 Jahren begann seine Karriere nur ein paar Meter weiter: Es war ein Auftritt in der Hamburger Kneipe "Onkel Pö", der den studierten Psychologen, ehemaligen Sozialarbeiter und Freizeitsänger auf die großen Bühnen der Welt brachte.

Al Jarreau, AP

Al Jarreau steht der rein profitorientierten Musikindustrie kritisch gegenüber. Seine gute Laune lässt er sich allerdings trotzdem nicht so schnell vermiesen (© Foto: AP)

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Heute trägt "Onkel Pö" einen anderen Namen und ist nur ein weiteres Schickimicki-Lokal von vielen. Und Jarreau, der einzige Sänger, der Grammys in den drei Kategorien Jazz, Pop und Rhythm&Blues gewann, wird im März 68 Jahre alt. Obwohl er ein Hörgerät im Ohr hat: Seine stimmliche Brillanz ist beeindruckend wie eh und je. An diesem Montag gastiert er im Rahmen seiner Europa-Tournee im Deutschen Theater in München.

SZ: Herr Jarreau, hat es Ihnen im Showbusiness geholfen, dass Sie eigentlich Psychologe sind?

Jarreau: Vielleicht bin ich deshalb ein bisschen geduldiger als andere. Als Sozialarbeiter habe ich Menschen betreut, denen es wirklich schlecht ging. Auch sie mussten geduldig sein, weil ihre körperlichen oder psychischen Gebrechen es ihnen nicht erlaubten, so zu agieren, wie wir es können. Ich hatte mit Amputierten zu tun und mit Menschen, die wegen ihrer Kinderlähmung kaum sprechen konnten. Damals habe ich versucht, sie irgendwie in die Gesellschaft einzugliedern.

SZ: Wenn man Sie heute auf der Bühne hört und sieht, denkt man sich: Eigentlich ist alles so einfach im Leben. Sind Sie immer gut drauf?

Jarreau: Es gibt viele Menschen, die unter schrecklichen Bedingungen leben und trotzdem lächeln. Ganze Kontinente haben nichts zu essen. Doch lächelnde Leute findet man selbst dort. Die indische Kultur etwa gehört zu den spirituell reichsten Kulturen. Viele Menschen dort essen kein extravagantes Essen - sie essen Reis. Doch ihre Lebensauffassung ist so unglaublich umfassend, dass man sehr viel lernen kann.

SZ: Klingt eher sozialromantisch.

Jarreau: Aber darum geht es doch im Leben: Festzustellen, dass es eine Verbindung gibt zwischen dem Ursprung des Lebens - was immer das ist - und uns. Wenn man sich das immer wieder vor Augen hält, dann hat man doch genug Grund zur Freude.

SZ: Wahrscheinlich wären Sie auch ein guter Prediger geworden.

Jarreau: Klar. Und ich gehe täglich in die Kirche. Nur, dass meine Kirche die Bühne ist. Wissen Sie, mein Vater war ja ein richtiger Prediger und hatte meine Mutter bereits während der Schulzeit geheiratet. Die beiden ließen sich nie scheiden und zogen sechs Kinder auf. Es geht immer, irgendwie.

SZ: Ging es Ihnen als Kind manchmal ähnlich dreckig wie "Porgy und Bess" in Gershwins Oper?

Jarreau: Denen geht es noch viel schlechter als es mir je gegangen ist. Die Gershwin-Lieder habe ich übrigens schon mit vier, fünf Jahren auswendig gekonnt - bei uns daheim wurde viel gesungen. Doch ich wusste gar nicht, was ich da singe. Anstatt "Fish are jumping" (Fische springen) habe ich bei "Summertime" immer gesungen: "Face, you are jumpy" (Gesicht, Du bist schreckhaft). Bis mein älterer Bruder mir endlich sagte, dass das falsch ist. Dass das eine Geschichte über schwarze Bettler und Krüppel ist, das wusste ich damals gar nicht.

SZ: Geht es in dieser Oper auch um Rassismus?

Jarreau: Es geht um Streitigkeiten zwischen Asiaten und Mexikanern oder Schwarzen und Philippinos. Und es geht um Menschen, die in Armut leben müssen. Sehen Sie, es ist wie mit dem Film "Der Pate". Er erzählt von Typen, die es sich zum Teil nicht ausgesucht haben, so zu leben, wie sie leben. Aber die Umstände haben es erforderlich gemacht. Unsere Probleme werden nicht weniger werden: Die Welt wird permanent kleiner, viele Grenzen öffnen sich, Afrikaner kommen nach Europa, weil sie die Sehnsucht nach einem besseren Leben umtreibt. Und sie haben ein Recht auf ein besseres Leben.

SZ: Wieso geben Sie auf Ihrer Tournee kaum Konzerte in Ostdeutschland?

Jarreau: Ich weiß es nicht. Ich bin für den Tourplan nicht verantwortlich.

SZ: Sie wissen, dass es auch und gerade dort immer wieder rassistisch motivierte Überfälle gibt?

Jarreau: Nein. Das habe ich nicht gewusst.

SZ: Vielleicht sollten Sie Ihre Botschaft gezielt dort verbreiten.

Jarreau: Vielleicht.

SZ: Ist es richtig, dass Sie mal darüber nachgedacht haben, nach Deutschland zu ziehen? Zu Beginn Ihrer Karriere?

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