Aus New York von Jörg Häntzschel

Al Gore stellt in New York sein neues Buch vor und lässt Amerika weiter rätseln - wird er nun kandidieren oder wird er nicht? In der Zwischenzeit wird er schon mal heiß gehandelt.

Einige haben ihre Kinder in Anzug und Krawatte gesteckt wie für die Oper, doch die meisten, die vor dem ,,92nd Street Y'', einem traditionsreichen jüdisch-liberalen Kulturzentrum an der Upper East Side, die Taschenkontrollen erwarten, vibrieren in der aufgeregten Erwartung, die man früher vor dem Auftritt eines Rockstars empfand. Sheryl Crows schmeichelnder Song aus ,,The Inconvenient Truth'' fegt über die Lexington Avenue, es gibt T-Shirts und Aufkleber zu kaufen, die Polizei regelt den Verkehr. Seit Tagen tourt Al Gore durch die Fernsehstudios, um über sein neues Buch ,,The Assault on Reason'' zu sprechen, das Anfang der Woche erschienen ist. Das wird er nun auch hier tun. Doch spätestens seit seinem Scherz bei der Oscarverleihung, als er schon seine Präsidentschaftskandidatur anzukündigen schien, ist es fast egal, was Gore offiziell auf der Bühne vorhat. Wo auch immer er auftritt beginnt ein hochkomplexes Theater des Bohrens und Stocherns, des Dementierens und Affirmierens, des Türenschliessens und Türenaufhaltens, der Staatsmannsposen und ihrer Subversion.

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Wie ein gepflegt gealterter Rockstar sah Al Gore denn auch aus, als er seinen schweren Körper unter donnernden Ovationen in den Sessel hob: schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, schwarze Cowboystiefel. Doch mit dem frenetischen Anfangsapplaus war auch schon der emotionale Höhepunkt des Abends erreicht. Die nächsten zwei Stunden verbrachte Gore damit, die Temperatur im Saal langsam und kontrolliert zu senken.

Als Gore noch Politiker im herkömmlichen Sinne war, galt er als dröge und schwerfällig. Im Wahlkampf gegen George Bush im Jahr 2000 versprühte er nicht gerade Funken. Und viele werfen ihm noch heute seine Resignation vor, mit der er sich gegen Bush geschlagen gab, obwohl er wusste, dass er selbst die Wahl gewonnen hatte. Doch dann gelang es Gore, diese Niederlage umzumünzen: zum Motor seines Comebacks als idealistischer Kämpfer außerhalb der Institutionen. ,,An Inconvenient Truth'', sein Dokumentarfilm zum Klimawandel, hat zwei Oscars bekommen und Millionen von Menschen erreicht. Er ist aber nur das bekannteste Element einer ungewöhnlichen politischen Kampagne, einer Art Bürgerbewegung von oben, für die Gore ganz alleine einsteht. Es gibt die ,,Diashow'', auf der der Film basiert, das Buch, das jetzt auch in einer Version für Kinder auf den Markt kommen soll, die Webseite, die lokalen Aktivistengruppen. Mit den Live-Earth-Konzerten, die am 7. Juli in neun Städten stattfinden, will Gore nach den Millionen die Milliarden erreichen. Schon jetzt ist es ihm in den USA aber gelungen, ein vormals obskures Problem zum Topthema des öffentlichen Diskurses zu machen.

Es ist diese mit so viel persönlicher Authentizität erreichte Leistung, die viele liberale Amerikaner davon überzeugt, dass er, und nicht Hillary Clinton oder Barack Obama der nächste Präsident werden muss. Doch sein Buch arbeitet der Erwartung, dass auch er sich das wünscht, genau entgegen. Das Cover, das sich ästhetisch zwischen dem Weißen Album der Beatles und einer kommentierten Hegel-Ausgabe bewegt, spricht Bände. Ein Wahlmanifest sieht anders aus.

Und es liest sich anders. Nicht um Steuern oder Gesundheitspolitik geht es hier, nicht einmal um die Umwelt, sondern um den öffentlichen Diskurs selbst, und seinen, so Gore, seit Jahrzehnten anhaltenden Niedergang. ,,Wenn wir nichts unternehmen wird diese Demokratie sich nicht mehr selbst reparieren können.'' Schuld daran hat, so Gore, das Fernsehen. Wie es dazu gekommen ist, das erklärt er in einem Schnelldurchlauf von 500 Jahren Mediengeschichte. Wie Gutenbergs Buchdruck das Ende der Macht von Kirche und Monarchie einläuteten; wie der Geist der Aufklärung in die Gründung des amerikanischen Staats einging; wie Debatten, erst direkt, dann über die Presse, zum entscheidenden Werkzeug der frühen amerikanischen Demokratie wurden; und wie diese Blütezeit des politischen Diskurses dann mit der flächendeckenden Popularität von Radio und Fernsehen zum Ende kam. Das gedruckte Wort lade zu Reflexion und Partizipation ein, das Fernsehen nagle den Zuschauer mit einem immer raffinierter durchgeführten Großangriff auf die Sinne im Sessel fest, in einem quasi-hypnotischen Zustand der Passivität.

Fernsehen macht also dumm. Hatte man das nicht schon irgendwo gehört? Doch Gore gelingt es wider Erwarten tatsächlich, darzulegen wie das amerikanische Fernsehen, unterstützt von einer Gesetzgebung, die die Nivellierung der Inhalte und die Konzentration der Sender stets beförderte, immer mehr zu einem Medium der Einschläferung und Täuschung wurde. Die Wahlkämpfe, die zu Wettbewerben um die längsten und schlagkräftigsten Werbespots geworden seien, führt er als Beispiele dafür an, wie Partizipation und Debatte auf der Strecke geblieben sind.

Ohne diese Erosion einer Kultur der politischen Auseinandersetzung hätte es keinen George Bush gegeben, keinen Irakkrieg, und die ,,institutionalisierte Korruption'', die Amerika heute im Griff habe, wäre nie möglich gewesen. Obwohl er die Ereignisse der letzten sechs Jahre also als bloße Symptome einer Krise der Demokratie beschreibt, brennt seine Abrechnung mit dem Bush-Regime vor Wut. Es gibt hier keine neuen Erkenntnisse, kein Insiderwissen, nur eine Synopse des bekannten Materials. Und doch hat bisher kaum jemand das Lügengebäude des Bush-Regimes präziser dargestellt. ,,Warum gab es damals keinen Aufschrei, warum gibt es bis heute keinen?'' ruft Gore verzweifelt von der Bühne.

Doch je leidenschaftlicher Gore den Zustand des Landes beklagt, je häufiger er das Wort ,,Verantwortung'' benützt, je mehr Sätze er mit ,,Wir müssen ...'' und ,,Es ist höchste Zeit ...'' beginnt, desto seltsamer wird seine Zurückhaltung. Der Moderator tut, was er kann, um Gore aus der Reserve zu locken. Doch als er ihn nach den fünf wichtigsten Dingen fragt, die er tun würde, wäre es 2008 und er gerade zum Präsident gewählt, nennt er nur zwei: ,,Das Fernsehen für echte Partizipation öffnen'' und ,,Den Respekt für die Wahrheit wieder einführen.'' Dann verliert er sich im Vagen, während die Zuschauer mit den Augen rollen.

Wie lange Gore die Rolle des kritischen Beobachters weiterspielen will, und ob sie echt ist oder nur Teil einer Strategie für einen späten Einstieg in den Wahlkampf, ist den meisten Amerikanern ein Rätsel. Die Rechtfertigung für sein Zögern, es gebe keinen Platz für einen wie ihn in einer Kultur, die sich mehr für die Tagebücher von Anna Nicole Smith interessiere oder die Glatze von Britney Spears, die Kultur also, die er in seinem Buch beklagt, wirkt jedenfalls wahlweise kokett oder feige. Wie lange wird er Verantwortung und Führung von anderen einfordern können, wenn die Bürger sie unüberhörbar von niemandem mehr als ihm selbst verlangen?

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(SZ v. 26./27.28.05.2007)