Ai Weiwei im Interview "Grenzen halten nur arme Leute auf, für die Reichen existieren sie nicht"

Szene aus "Human Flow": von Flüchtlingen zurückgelassene Rettungswesten auf der griechischen Insel Lesbos.

(Foto: © 2017 Human Flow UG)

Ai Weiwei hat eine Doku über Flucht und globale Migrationsbewegungen gedreht. Dieser "Human Flow", sagt der Künstler, könnte eine Antriebskraft der Zivilisation sein - wenn wir ihn denn ließen.

Interview von Paul Katzenberger

Ai Weiwei empfängt zum Interview in seinem Atelier in Berlin-Prenzlauer Berg. Nachdem ihm China 2015 die Ausreise gestattete, hat er sich hier in einem weitläufigen Bierkeller einer einstigen Brauerei ein kleines Stück Heimat eingerichtet. Sein Team aus Landsleuten und er pflegen ein erkennbar familiäres Verhältnis: Gleich neben dem Interviewraum ist die Küche, in der gemeinsam chinesisch gekocht und gegessen wird. Für seinen neuen Film "Human Flow" trugen Ai Weiwei und elf weitere Kameramänner 900 Stunden Material zusammen - aus Myanmar im Osten bis Mexiko im Westen, aus Kenia im Süden bis Berlin im Norden. Aus diesen Aufnahmen entstand nun der 140 Minuten lange Film.

SZ: Der Titel Ihres Films lautet "Human Flow". Welche Bedeutung hat das Wort "Flow" für Sie, zu deutsch "Strom"?

Ai Weiwei: Ein "Strom" ist der Definition nach eine physikalische Veränderung eines Zustandes, bei dem eine Flüssigkeit oder ein Gas in Bewegung geraten. Es ist ein Vorgang, den wir aus der Natur kennen. In meinem Film beschreibt das Wort "Strom" auch etwas Natürliches, in dem Fall aber menschliches Verhalten.

Es ist natürlich, dass Menschen flüchten?

Ja, wir kennen Völkerwanderungen aus der gesamten Menschheitsgeschichte. Wir kommen alle ursprünglich aus Afrika. Auf Veränderungen, egal ob wegen Kriegen, des Klimas, geologischer Umwälzungen oder religiöser Verfolgung, haben die Menschen schon immer reagiert, indem sie das Weite gesucht haben. Wir haben das nur nicht mehr vor Augen, weil wir uns inzwischen als Nationen definieren. Doch das ist ein relativ neues Konzept. Davor organisierten sich die Menschen in Volksstämmen, die oft umherwanderten. Eigentlich ist das sogar die bessere Vorgehensweise.

Warum?

Weil Nationen die Welt unter sich aufteilen. Territorien werden definiert, die als Eigentum betrachtet und eingegrenzt werden. Und das führt zu Konflikten, von denen wir im Augenblick ja nicht zu wenige auf diesem Erdball haben.

Der "Human Flow" entspricht also einem archaischen Verhaltensmuster des Menschen, das nur durch unser falsches Verständnis vom Gemeinwesen zum Problem wird?

Absolut. Er könnte eine Antriebskraft der Zivilisation sein. Wenn wir es zulassen, befruchtet er unseren Geist, unser Wissen, die Literatur, die bildenden Künste und die Musik. Unser Leben wird durch den "Human Flow" bunter, er versetzt die Gesellschaft in Schwingung und macht sie insgesamt viel interessanter.

"Die einschneidendste Form der Grausamkeit"

Die Welt schrumpft, und Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen müssen lernen, friedlich zusammenzuleben. Noch haben sie das nicht geschafft, wie die Doku "Human Flow" von Ai Weiwei zeigt. Der Trailer zum Film. mehr ...

Aber in Ihrem Film beschreibt der "Human Flow" doch eine menschliche Tragödie.

Das stimmt. Aber wir haben versucht, uns nicht nur auf das Elend zu fokussieren, sondern auch die menschliche Dimension dabei zu zeigen.

Wenn der "Flow" in der Natur des Menschen liegt, setzt er sich dann letztendlich immer durch? Überwindet er alle Mauern und Zäune, die ihm entgegen gestellt werden?

Ich denke schon. Der erste chinesische Kaiser Qin Shi Huang Di, der mächtigste Herrscher aller Zeiten, begann vor mehr als 2000 Jahren mit dem Bau der Chinesischen Mauer. Rein physisch gesehen ist sie bis heute ein mächtiges und beeindruckendes Bauwerk, doch sie hat zu keinem Zeitpunkt irgendeine Fremdinvasion verhindert. Ihre Bedeutung erschöpft sich mittlerweile in ihrem Dasein als Touristenattraktion. Sie steht für die Entschlossenheit des Herrschers, Leute auszusperren, doch diesen Zweck hat sie nie erfüllt. Heute haben wir einen neuen Herrscher in den USA, der glaubt mit einer Mauer die Migration aus Mexiko stoppen zu können. Doch das ist einfach nur lächerlich und bringt eine unglaublich rückschrittliche Denkweise zum Ausdruck.

Die allerdings von vielen US-Amerikanern geteilt wird.

Aber nicht von denen, die verstanden haben, was die Einzigartigkeit der USA ausmacht. Denn die Stärke und Besonderheit der USA resultieren aus dem Umstand, dass sie ein Gemisch der Völker und Kulturen sind. Die unglaubliche Macht, die sie im vergangenen Jahrhundert erlangt haben, basiert auf Prinzipien wie Toleranz, Akzeptanz und liberalem Denken. Doch nun senden die USA unfassbar negative Signale aus, die genau diese Werte und Errungenschaften in Frage stellen.

Sie zeigen in Ihrem Film eindrücklich die Zustände, die 2016 im Flüchtlingslager Idomeni herrschten. Der Grenzzaun, der die Flüchtlinge dort stoppte, wurde von der deutschen Politik offiziell kritisiert, doch insgeheim war Berlin vermutlich froh. Denn wenn weiter so viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen wären wie 2015, hätte das der rechtspopulistischen AfD noch mehr Auftrieb gegeben. Die Erleichterung der Verantwortlichen in Deutschland ist nachvollziehbar, oder nicht?

Die angemessene Beurteilung der augenblicklichen politischen Situation ist meistens schwierig. Deutschland hat mit der Aufarbeitung seiner Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg moralischen Kredit erworben, doch die Aufnahme der vielen Flüchtlinge war nicht nur reine Menschenliebe. Denn Deutschland ist die treibende Kraft des europäischen Einheitsgedankens, und als solche hatte das Land kaum eine andere Möglichkeit, als die Flüchtlinge aufzunehmen. Denn sie waren schon in Europa. Griechenland und Italien waren an die Grenzen ihrer Aufnahmefähigkeit gekommen, und Europa war bei diesem Thema so gespalten, wie lange nicht mehr. Insofern war die Erleichterung in Deutschland nachvollziehbar, die Last nicht mehr weitgehend alleine schultern zu müssen, weil das viele politische Probleme nach sich zog. Doch das bedeutet nicht, dass aus einer größeren historischen Perspektive heraus irgendetwas gewonnen war.

"Ich machte diesen Film, jetzt ist der Film fertig, und was tue ich jetzt? Ich habe das Gefühl, dass ich wieder mit leeren Händen dastehe." Ai Weiwei über Wunsch und Möglichkeit, das Flüchtlingselend persönlich zu lindern.

(Foto: dpa)