Ai-Weiwei-Ausstellung in Berlin Aus der Welt des Misstrauens

China verweigert ihm die Ausreise, doch seine Arbeiten sind nun in Berlin zu sehen: Ai Weiweis Ausstellung "Evidence" zeugt von seinem Kampf gegen Überwachung und Repression. Dieser fleischgewordene Widerstandsgeist, Sehnsuchtsfigur der Deutschen, könnte auch den Europäern noch unbequem werden.

Von Kia Vahland, Berlin

Die Leute stehen Schlange am Eröffnungsabend der Ai Weiwei-Schau und kommen doch nicht alle rein in den Berliner Martin-Gropius-Bau. Drinnen sprechen die Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Klaus Staeck von der Akademie der Künste, sie sind voller warmer Worte. Für die "Freiheit der Kunst" stünde der von chinesischen Behörden drangsalierte Künstler mit seiner ganzen Existenz ein, sagt Grütters, eine Freiheit, die in Deutschland nach den Erfahrungen zweier Diktaturen geschützt sei. Ai Weiwei sei ein "Symbol" für den "Widerstandsgeist" der Kunst.

Staeck, selbst politischer Künstler, mahnte, man dürfe den Aktivisten Ai nicht vom Künstler Ai trennen, denn: "Alle Kunst ist politisch". In einem "flammenden Appell" bat er um "Blumen für Ai Weiwei", man solle per Fleurop Blumen nach Peking schicken, die der Künstler dann im Fahrradkorb vor seiner Haustür deponiere.

Was für ein Geschenk ist diese Ausstellung für die deutsche Kulturbürokratie: Da wird ein Künstler im fernen Peking wegen seines Einsatzes für die Opfer des Erdbebens von Sichuan zusammengeschlagen, muss in Deutschland notoperiert werden, wird später in Peking verhaftet, für 81 Tage verschleppt, dann wieder freigelassen, aber ohne Pass. Er sitzt fest in China, seine Werke dürfen reisen, als Boten des menschlichen Ausdruckswillen, einer künstlerischen Autonomie, die sich niemals ganz ausmerzen lässt.

Man kann sich für diesen Künstler einsetzen, ohne dass es mehr kostet als Gratismut. Stellvertretend für uns kämpft er gegen Überwachung und Repression, für Demokratie und Menschenfreundlichkeit. Viele Deutschen bewundern ihn dafür - und überlassen es gerne ihm allein, für die gemeinsamen Werte einzustehen.

In der Ausstellung zu sehen: Handschellen aus Jade

(Foto: Getty Images)

Verständlicherweise setzt Ai sich zur Zeit in erster Linie mit dem politischen System in China auseinander, das macht es für das europäische Publikum noch bequemer. Er lässt seine Handschellen in kostbarer Jade nachbilden und schöpft die Fensterkurbel eines Pekinger Taxis aus Glas nach. Denn in China mussten Taxifahrer zeitweise ihre Kurbeln abmontieren, damit es Passagieren nicht gelingt, Flugblätter aus den Fenstern zu werfen. "Evidence" nennt Ai seine Schau, die bis zum 7. Juli läuft. Beweisstücke aus einer Welt des Misstrauens.

Die Betrachter in Berlin goutieren das. Manchmal geht es an dem Abend ein bisschen zu wie in einer Geisterbahn. In einer viel zu eindeutigen, gewollt banalen Installation hat Ai seine Gefängniszelle maßstabsgetreu nachgebaut, mit echten Kameras. Wer reingeht, wird von anderen Besuchern dabei beobachtet. Die meisten bleiben nur kurz, machen ein Foto von der verdreckten Toilette, noch eines von den mit Plastikfolie umhüllten Möbeln (das soll Selbstmorde der Gefangenen verhindern). Man muss ihnen nur zuschauen, um zu sehen, wie wenig das Zellenleben sie angeht. Es bleibt eine Gefängnis-Show, Unterhaltung für Leute, die nicht ahnen, was Eingesperrtsein wirklich bedeutet. Zu hoffen bleibt, dass Ai künftig dem westlichen Publikum wieder mehr abverlangen wird als einen wohligen Schauer und etwas Mitleid.

Besucher der Ausstellung "Evidence" in der von Ai Weiwei nachgebildeten Zelle

(Foto: dpa)

In der großen Halle des altehrwürdigen Baus hat er rund 6000 alte chinesische Hocker platziert. Da ist er dann doch wieder, der alte Ai Weiwei, der seine Betrachter zu betören und herauszufordern versteht. Jeder Hocker ist anders, einer krumm, einer glatt, einer blau, viele ohne Lack. Gemeinsam aber verändern sie den Raum, heben den Boden an, setzen dem lächerlichen Granit-und-Gold-Prunk Leben und Poesie entgegen. Ais Individualismus hat mit dem westlichen wenig zu tun, seine Freiheit ist die des Einzelnen im Kollektiv.

Im Lichthof des Martin-Gropius-Baus: die Installation "Stools" (Hocker) von Ai Weiwei

(Foto: dpa)

Wer weiß, was er sich ausdenken wird, wenn er erst wieder reisen und sein Berliner Atelier nutzen darf: Womöglich wird er den Deutschen noch unbequem werden mit seinem Idealismus und seiner Lust an der Provokation. Der gestreckte Mittelfinger, den er auf einem Foto schon einmal vor der Reichstagskuppel reckt, kündigt das bereits an.

Inzwischen ist Ai notgedrungen Spezialist geworden für das Überwachtwerden: Er kann in kein Restaurant gehen, ohne dass seine Spitzel auch die Küche ablichten und die Schuhe des Kellners. Immer wieder hat er seine Schattenmänner fotografiert, hat versucht, die Rollen zu tauschen. Vergessen aber kann er die Beobachtung in keiner Sekunde - und hat damit uns etwas voraus, die wir die Dimensionen der Internetüberwachung durch NSA & Co noch nicht erfasst haben. Der Fleisch gewordene Widerstandsgeist könnte den Europäern vielleicht noch etwas beibringen - wenn die das auch noch hören wollen, sollte es einmal um sie gehen statt um China.

Ai Weiwei. Evidence im Berliner Martin-Gropius-Bau bis 7. Juli. Katalog (Prestel): 39,95 Euro. Weitere Infos: www.berlinerfestspiele.de