Afropopkolumne Rhythmusrausch

Die Afropop-Alben des Monats. Diesmal mit neuer Musik von Bombino, Fatoumata Diawara, der Fanfarai Big Band - und der Antwort auf die Frage, was klingt wie James Browns Band nach einem Fass Palmwein auf einem westafrikanischen Dorffest.

Von Jonathan Fischer
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Man muss Bombino nicht gleich (wie etwa das Internet-Magazin Noisey) zum "besten Gitarristen der Welt" küren, um deutlich zu machen, dass der Mann aus dem Niger ein Ereignis ist. Einer dieser Querschläger mit Hit-Potenzial. Bombinos neues Album "Deran" (Partisan Records) schlingert aufregend an allen westlichen Rock'n'Roll-Klischees vorbei: Vertrackte Schaukel-Rhythmen, pentatonische Riffs, ein lässiges Spiel mit Tuareg-Traditionen und einem Groove gewordenen Insch'allah. Der Funk mag jenseits des schwarzen Atlantiks gerne als Springteufel daherkommen, hier aber schleicht, schlurft und federt er. Ein hypnotisches Kreiseln, geschoben von verhaltenen, staubtrockenen Gitarrenriffs. Nachdem Bombino das Vorgängeralbum "Nomad" 2013 mit Dan Auerbach in Nashville einspielte und jahrelang auf Rockfestivals zwischen Oslo und Tokio auftrat, ging er für die Aufnahmen von "Deran" zurück nach Nordafrika. Seine Adressaten bleiben die Tuareg. So singt Bombino in der Tuareg-Sprache Tamashek, greift alte Sprichwörter auf und singt von seinem Volk als "freien Menschen". Und jeder weiß, dass er das Exil der Tuareg in Flüchtlingslagern in Mali, Algerien oder Niger anklagt.

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Migration, Vertreibung, Verlust der Heimat: Diese panafrikanischen Themen macht sich auch die Sängerin und Gitarristin Fatoumata Diawara aus Mali zu eigen. "In einer Welt von sieben Milliarden Menschen, sind eine Milliarde Migranten". So eröffnet das Video zu ihrem neuen Song "Nterini" - und auch wenn amtliche Statistiken von "nur" 300 Millionen Flüchtlingen weltweit ausgehen - bleibt das eine schockierende Zahl. Stellvertretend für die vielen besingt Diawara das Schicksal eines einzelnen Mannes, ihres Geliebten. Man sieht ihn, eine Tasche über die Schultern zwischen Sanddünen und Nomadenzelten durch die Wüste wandern. "Er hat seine Familie und Freunde verlassen", singt die Malierin, "vielleicht kommt er nie wieder zurück". Der wiegende Blues-Groove, und Diawaras wehmütiger, kehliger Gesang lassen es bereits ahnen: Diese Geschichte wird kein Happy-End haben. So wie auch ihr neues Album "Fenfo" rauere Töne anschlägt. Die Coffeeshop-Ästhetik früherer Aufnahmen wird hier durch funky Keyboard-Riffs, Cello und Synthesizer gebrochen - ein Verdienst der Produzenten Mathieu Chédid und Michael League von Snarky Puppy, die Diawaras eingängige Refrains in einen frischen Popkontext stellen.

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Funk lässt sich auch anders buchstabieren. Das wussten Afrikaner schon vor vier Jahrzehnten, wie eindrucksvoll der Sampler "African Scream Contest 2" (Analog Africa) belegt. Soll man das Hexen-Gebräu aus dem Benin der Siebziger Jahre als Voodoo-Funk-Rock betiteln? Als psychedelischen Afrobeat? Oder sich einfach vorstellen, wie James Browns Band nach einem Fass Palmwein in ein westafrikanisches Dorffest stolpert und dort mit geliehenen Instrumenten ein allnächtliches Tanz-Ritual entfesselt? Egal, das Wiederveröffentlichungs-Label des Frankfurter DJs und Musikarchäologen Samy Ben Redjeb, liefert hier eine Startrampe in gehobene rhythmische Rauschzustände. Mit dabei: Das Orchestre Poly-Rhythmo de Cotonou und ein Dutzend weitere Bands mit Hang zu Wahnsinns-Fusionen. Wah-Wah-Gitarren untermalen schräge Highlife-Bläser und Sprechgesänge. Geradezu überirdisch wird es, wenn etwa Gnonnes Pedro and His Dadjes Band auch noch wabernde Synthesizer-Klänge in ihre Loops weben. Und das Beste: Ben Redjeb hat - das ist leider gar nicht selbstverständlich - alles direkt von den Musikern lizensiert und ein dickes Booklet mit ihren Geschichten gefüllt.

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Hatte nicht auch Algerien mal seine große Zeit im internationalen Pop? Ja, aber seit dem Ende der Neunziger ist es still um den Rai und Helden wie Khaled oder Cheb Mami geworden. Die Machthaber bekämpften die Musik, die Islamisten schickten Morddrohungen, die Stars alterten. Nun aber übernimmt eine neue Generation: "Rai Is Not Dead" (Tour N Sol) heißt das neue Album der Fanfarai Big Band. Ein Dutzend französische und nordafrikanische Musiker aus der Region Paris nehmen sich hier - neben einigen Neukompositionen - vor allem der Klassiker an und stellen sie in einen neuen Kontext: den Big Band Jazz, der sich mal bei Sun Ra, mal bei Earth Wind & Fire bedient und dem in den Zwanzigern im Maghreb entstandenen Minnegesang namens Rai einen ziemlich mondänen Schnitt verleiht. Die urafrikanische Kulturtechnik des Remix - hier beschert sie dem Rai eine neue Saison, mindestens.