Afrikanische Literatur Man rauscht bergab auf einem Baumstamm

Warum ist es so schwierig für einen afrikanischen Autor, ins Deutsche übersetzt zu werden? Warum lassen die Leser sich so viel Neues entgehen? Obwohl sich doch allein Chirikure Chirikure, der wichtigste Satiriker Simbabwes, lohnen würde. Ein Besuch auf den Afrikanischen Literaturtagen.

Von Tim Neshitov

Wer gerne ab und zu etwas Afrikanisches (sprich Exotisches) für sich entdeckt, ein Lokal oder einen Schriftsteller, der wird spätestens in diesem Jahr Helon Habila lesen. Sein Roman Öl auf Wasser hat gerade den Deutschen Krimi Preis gewonnen. Der 45 Jahre alte Nigerianer kommt bald als Gast im Künstlerprogramm des DAAD nach Berlin, Lesereisen stehen an, wohl auch Fernsehinterviews.

Öl auf Wasser gehört zu den Büchern, die man nachts zu Ende liest, auch wenn man am nächsten Morgen sehr früh aufstehen muss. Es ist die Geschichte einer Entführung im Nigerdelta, einer Gegend, in der seit einem halben Jahrhundert jedes Jahr mehr Öl die Umwelt verpestet als bei der Katastrophe im Golf von Mexiko 2010. Verschleppt wird eine weiße Britin, die Ehefrau eines ranghohen Mitarbeiters einer ausländischen Ölgesellschaft. Der junge Journalist Rufus wittert die Story seines Lebens und begibt sich auf die Suche nach der Britin, auf eine Reise durch ausgebeutete, zerstörte Landschaften.

Es ist ein großartiges Buch, nur: Es ist kein klassischer Krimi, jedenfalls wurde er außerhalb Deutschlands nicht als solcher wahrgenommen. Das Buch sei viel mehr als Krimi, sagt der Autor selbst. Da gibt er seinem Übersetzer Thomas Brückner recht, der im Klapptext zur ersten deutschen Ausgabe (Wunderhorn-Verlag, 2012) schrieb, Öl auf Wasser sei Bildungsroman, Politthriller, Liebesgeschichte - und, ja, unter anderem Umweltkrimi.

Am vergangenen Wochenende trat Habila bei den Afrikanischen Literaturtagen in Frankfurt auf, einer zweitägigen Veranstaltung von litprom, der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V. Es war ein merkwürdiger Auftritt, denn da sprach jemand, der eigentlich keiner Förderung bedarf, sondern seinem kleinen deutschen Verlag angenehme Verkaufszahlen beschert. Einer, der sich ein wenig darüber amüsiert, dass die Deutschen ihn erst jetzt entdecken, nach seinem dritten Roman - den sie als Krimi hypen, offenbar weil Krimis in Deutschland mehr Aufmerksamkeit genießen.

In den USA und England ist Habila längst eine literarische Größe. 2001 bekam er den Caine Prize, eine Auszeichnung, die der langjährige Booker-Chef Michael Caine stiftete, um Literatur aus Afrika zu würdigen. Habila bekam den "afrikanischen Booker" für eine Erzählung, die bis heute nicht auf Deutsch erschienen ist.

"Als afrikanischer Autor ins Deutsche übersetzt zu werden, ist aus irgendeinem Grund sehr schwierig", sagte Habila in Frankfurt mit einem ruhigen Lächeln. Er bot keine Erklärung für dieses Rätsel. Man hatte vielmehr das Gefühl, es tue Habila für die deutschen Leser leid, dass sie eine ganze Autorengeneration aus Afrika verpasst haben, Tausende von Büchern, jenseits der postkolonialen Klassiker Achebe, Soyinka und Thiong'o. "Man sollte nicht glauben, in Afrika hätte sich seit den sechziger Jahren nichts verändert."

"Danke, wir haben schon ein Buch über Afrika."

1980 war noch "Schwarzafrika" Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse. Ende der Achtziger gründete Ilija Trojanow, damals Mitte zwanzig, einen Verlag, der sich auf afrikanische Literatur spezialisierte. "Ich war naiv und dachte, Deutschland wartet darauf, afrikanische Autoren zu lesen", erzählte Trojanow nun in Frankfurt. "Ich war bei einem Buchhändler in Duisburg, habe mich vorgestellt: Junger Verlag, afrikanische Literatur. Der Buchhändler sagte: Danke, wir haben schon ein Buch über Afrika." Trojanow gab nach zehn Jahren auf. Heute findet er es schade, aber nicht wirklich verwunderlich, dass die letzten Bestseller aus afrikanischer Feder in Deutschland alle eins gemeinsam haben: Sie wurden von sehr gut aussehenden somalischen Frauen geschrieben.

Manfred Metzner, der Verleger von Helon Habila, gibt sich jedoch optimistisch. Seit drei Jahren verlegt er in der Reihe Afrika-Wunderhorn afrikanische Schriftsteller und sagt, er schreibe mit diesen Büchern schwarze Zahlen. Habila sei natürlich ein Sonderfall, aber auch ein simbabwischer Dichter wie Chirikure Chirikure verkaufe sich nicht schlechter als debütierende deutsche Dichter. Von Bekanntheit kann man da freilich kaum sprechen. Die Auflagen für Lyrikbände liegen zwischen 300 und 500 Exemplaren.

Im Falle Chirikure Chirikure wünscht man sich definitiv höhere Auflagen. Er ist der wichtigste Satiriker Simbabwes, der sich mit dem Regime von Robert Mugabe anlegt, dabei aber Zeit findet, zeitlose Gedichte zu schreiben. Er schreibt sie in seiner Muttersprache Shona und übersetzt sie eigenhändig ins Englische, damit sie ein Publikum außerhalb Simbabwes erreichen. Und er trägt sie zu musikalischer Begleitung vor, wie nun bei den Afrikanischen Literaturtagen in Frankfurt.