Ärzte-Sänger Farin Urlaub Frontmann gegen Rassismus

Klare Worte gegen Rechts: Ärzte-Sänger Farin Urlaub.

(Foto: dpa)

"Leute, die nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben": Farin Urlaub positioniert sich klar gegen rechts. Warum tun es ihm nicht mehr Künstler nach?

Von David Pfeifer

Das Ungewöhnlichste an der Aufmerksamkeit, die Farin Urlaub mit seinen Bemerkungen über Rassismus erzeugen konnte, ist wohl die Aufmerksamkeit selbst.

Von dem kleinen Veranstaltungsmagazin Frizz aus Halle auf Pegida und den Brandanschlag von Tröglitz angesprochen, sagte Urlaub: "Solange es Leute gibt, die nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben, wird es auch Rassismus geben. Denn auch diese Leute wollen sich gut fühlen und auf irgendwas stolz sein. Also suchen sie sich jemanden aus, der anders ist als sie, und halten sich für besser. Oder sie sind bekloppterweise stolz darauf, deutsch zu sein, wozu keinerlei Leistung ihrerseits nötig war." Dieses Zitat verbreitete sich von der Frizz-Facebook-Seite in Erregungswellen im Internet.

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Urlaub, der eigentlich Jan Vetter heißt, ist einer der ältesten aktiven Rockstars im Land, er ist Sänger der Band Die Ärzte. Im Gespräch weicht der schlaksige Mann gerne mal ins Alberne aus und wirkt wie ein Jugendlicher, ist mit seinen 51 Jahren aber eher ein alt gewordener Schalk. Um die tief liegenden Augen entsteht beim Lachen ein feiner Faltenfächer. Über sein Privatleben ist wenig bekannt, außer dass er vor langer Zeit mal mit der jungen Jenny Elvers zusammen war, was die natürlich ausgeplaudert hat.

"Männer sind Schweine" auf dem Oktoberfest

Popkulturell kommt er aus jener Generation deutscher Punkrocker, die sich über die politischen Musiker Heinz Rudolf Kunze, Wolfgang Niedecken und Herbert Grönemeyer lustig machten. Die Ärzte standen den Einstürzenden Neubauten und Nick Cave anfangs näher als den Toten Hosen. Mittlerweile aber werden Hits wie "Männer sind Schweine" auch auf dem Oktoberfest mitgegrölt.

Fans von Urlaub und seinen Texten, die seit Mitte der 80er-Jahre zwischen Kalauer und Tiefe wechseln und manchmal beides in einem Song vereinen, wundern sich nicht über Urlaubs Äußerungen.

Bereits in ihrem Hit "Schrei nach Liebe" von 1993 verulkten Die Ärzte Neonazismus als Verliererkultur: "Du bist wirklich saudumm, darum geht's dir gut / Hass ist deine Attitüde, ständig kocht dein Blut. Alles muss man dir erklären, weil du wirklich gar nichts weißt. / Höchstwahrscheinlich nicht einmal, was Attitüde heißt."

Urlaub, der, wie viele alternde Musiker, mittlerweile Luxushobbys wie das Herausgeben eigener Fotobände pflegt, hat also nur wiederholt, was er seit Jahrzehnten sagt. Die Erregung hat er wohl nicht beabsichtigt, Tonträger hat er genug verkauft. Was sich allerdings in den mehr als 20 Jahren seit "Schrei nach Liebe" verändert hat, ist die Aufmerksamkeit, die man mit so einer Äußerung erfährt. So ging es schon Til Schweiger, der vergangene Woche mit seinem Eintreten für Flüchtlinge einen Shitstorm erntete, aber auch Zustimmung.

Wer so etwas sagt, fällt auf. Und so muss man sich, nimmt man die aktuelle Aufmerksamkeitsökonomie zum Maßstab, eher darüber wundern, dass Urlaub und Schweiger so alleine damit sind, im deutschen Kulturbetrieb.

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