Adel und Elite Der Stauffenberg-Effekt

"Selbstbewusste Bescheidenheit des Edelmannes": Wirtschaftsminister zu Guttenberg und Hitler-Attentäter Stauffenberg beleben den Glauben an die genetische Überlegenheit des Adels neu.

Von Johan Schloemann

Seit gut einer Woche haben wir jetzt einen Bundeswirtschaftsminister mit Schneid. Die seitherige Reaktion der Deutschen auf Karl Theodor et cetera Freiherr von und zu Guttenberg ist bemerkenswert. Die Bild-Zeitung jubelt: Der Mann ist zu uns von einer alten fränkischen Burg herabgestiegen, er ist mit Tom Cruise befreundet, "spielt begnadet Klavier" und "geht gerne auf die Jagd". Was sich seit seinem Amtsantritt abspielt, ist eine neue postideologische Stimmung gegenüber dem Adel. Und das neunzig Jahre nach dessen standesrechtlicher Abschaffung durch die Weimarer Reichsverfassung von 1919, in der es hieß: "Öffentlichrechtliche Vorrechte oder Nachteile der Geburt oder des Standes sind aufzuheben. Adelsbezeichnungen gelten nur als Teil des Namens und dürfen nicht mehr verliehen werden."

Wussten wir doch, dass diese ganzen Business Schools nutzlos sind: Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Bundestag in Berlin.

(Foto: Foto: ddp)

Neu, wie offenbar manche denken, ist dabei natürlich nicht, dass ein Spross einer alten Adelsfamilie ein Amt in der Politik oder der höheren Verwaltung des demokratischen Staates übernimmt. "Der Adel greift wieder zur Macht", so meinte die Abendzeitung dieser Tage eine Veränderung zu beschreiben; doch in Wahrheit greift ja umgekehrt die Macht auch in der deutschen Nachkriegszeit immer wieder zum Adel. Ihm entstammen Minister wie Guttenbergs Amtsvorgänger baltischen Geschlechts, Graf Lambsdorff, und auch auf der Referentenebene, nicht bloß im Auswärtigen Amt, oder in Wirtschaftsverbänden sind Adelsnamen gern gesehen - allen Brüchen der deutschen Geschichte zum Trotz. Die Elitenforschung hat gezeigt, dass solche Rekrutierungen für höhere Aufgaben - nach einer größeren Durchlässigkeit für Proletarier, Kleinbürger, Bildungsaufsteiger in der ersten Nachkriegszeit - in den letzten Jahrzehnten eher wieder zugenommen haben.

Nein, neu ist etwas anderes. Es sind die Hoffnungen, die jetzt der adligen Tatkraft entgegengebracht werden, sowie der Habitus, mit dem die jungen Wohlgeborenen ebenjene Hoffnungen des Publikums bedienen.

In der allgemeinen Guttenberg-Rezeption wird die Adelsherkunft ganz bereitwillig in Kontrast gesetzt zu den blassen, prinzipienlosen Eliten des Karrierismus und Berufpolitikertums, zu jenen also, die uns vor der Wirtschaftskrise nicht haben bewahren können. Michael Glos, der Müllerssohn ohne einen Großonkel im Widerstand, hat gar vom ersten Tag an keine Lust auf seine Aufgabe als Minister gehabt! Dagegen gerät jetzt beim Nachfolger die Verwandtschaft zum Argument für die Qualifikation.

Der Adel wird offenbar nicht mehr intuitiv mit Militarismus, Abschottung und dekadenter Degeneration assoziiert; vielmehr wird seine alte Erzählung von den vererbten Eigenschaften, von Selbstdisziplin, Traditionsverpflichtung und ehrbarem Leistungsethos, in Zeiten der Desorientierung, so scheint es, vom Volke wieder sehnsüchtig aufgenommen. Wenn die Adligen etwas anpacken, auch wenn sie etwas Kreatives schaffen wie der mit Guttenberg verwandte Filmemacher Florian Henckel von Donnersmarck, dann werden sie mit einer eigenen Aura der Dankbarkeit umgeben, und in dieser Aura schwebt der Gedanke mit: Sie haben es ja eigentlich nicht nötig.

In den Genen verankerte Lässigkeit

Wer also dachte, die Adelsgeschlechter mit ihren Namensgirlanden und dem Efeu, das "Tradition" wispert, existierten nur noch ausschließlich zu dem Zweck, durch das Vorlesen aus Todes- und Hochzeitsanzeigen in der Frankfurter Allgemeinen für Belustigung beim Frühstück zu sorgen, sieht sich eines Besseren belehrt. Die Deutsche Welle freut sich jetzt, beim neuen Minister eine "in den Genen verankerte Lässigkeit" beobachten zu dürfen, während der immer heftige Herr Hefty von der FAZ ganz ironiefrei zur Kompetenzfrage im gleichfalls genetisch zu verstehenden Kollektivsingular bemerkt: "Wer sich über Jahrhunderte halten und dann noch ein gewisses Vermögen vorweisen kann, versteht überdurchschnittlich viel von Wirtschaft."

Hört, hört - wussten wir doch, dass diese ganzen Business Schools nutzlos sind! Von der "selbstbewussten Bescheidenheit" des Edelmannes schwärmt derselbe Kommentator, um sich dann zu der diabolisch schillernden Feststellung zu steigern, Guttenberg sei "sich nie zu schade, seinen Namen und seine Arbeitskraft für seine Ziele einzusetzen".

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was zu Guttenberg mit dem Pinkel-Prinzen gemeinsam hat.