"Die Tribute von Panem - Mockingjay Teil 2" im Kino Maskottchen der Revolution

Die etwas andere Action-Heldin: Im finalen Teil der "Tribute von Panem"-Reihe kämpft Jennifer Lawrence gegen ein autoritäres System und die Regeln des Popcornkinos.

Von Kathleen Hildebrand

Als die Kamerafrau "Jetzt bitte" sagt, hat Katniss Everdeen ihren Bogen längst gespannt. Sie lässt dann noch mal locker, spannt ihn neu, damit auch wirklich alles mit aufs Band kommt von der gewaltigen Explosion, mit der sie gleich eine tödliche Falle außer Gefecht setzen wird.

Aber in dem Blick, den sie für den Bruchteil einer Sekunde nicht unterdrücken kann, sieht man genau, wie sehr sie das alles nervt: die Kameras, ihre Rolle als Maskottchen der Revolution. Die sinnlosen Aufträge weit hinter der Front, bei denen sie sich heldenhaft filmen lassen soll, ohne in echte Gefahr zu geraten. Wenn es in dieser dystopischen Zukunft Facebook gäbe - das Mädchen Katniss hätte sicher keinen Account.

Die klügste Dystopie, die das Kino gerade zu bieten hat

Im vierten und letzten Film der "Tribute-von-Panem"-Reihe muss die Heldin sich erst einmal freikämpfen, um ihren eigentlichen Kampf führen zu dürfen. Katniss will alleine losziehen und den grausamen Präsidenten Snow (Donald Sutherland) töten, anstatt Werbeclips für die Revolution zu drehen. Wie Jennifer Lawrence diesen Widerwillen mit dezenter Mimik spielt, inmitten des großen Blockbuster-Theaters, das ist wirklich beeindruckend. Sie zeigt das Gesicht einer Frau, die weiß, dass ihr Leben längst verwirkt ist, egal, ob eine Explosion sie tötet oder ob ihre vielen Traumata sie nach dem Krieg zerrütten.

Es ist dieser Zweifel am Ideal des Heldentums, der die "Panem"-Filme zur klügsten Dystopie macht, die das Kino gerade zu bieten hat. Es ist die Kritik eines Heldentums, das jeder Actionfilm eigentlich zu reproduzieren gezwungen ist. Ständig wird Katniss von Kameraleuten umschwirrt. Diese Revolution läuft als Dauerwerbesendung, und vermutlich gäbe es sie gar nicht, wenn nicht jeder kleine Erfolg sofort medial reproduziert würde, um die eigene Anhängerschaft zu motivieren und den Gegner zu verunsichern.

Auch die Liebe wird von der psychologischen Kriegsführung erfasst. Peeta (Josh Hutcherson), der Katniss seit Kindertagen treu anhimmelt und dem sie durch gemeinsames Leid verbunden ist, hasst sie nun nach einer Gehirnwäsche im Folterkeller des Präsidenten. Eine perfide Strafe, die Liebe durch Hass zu ersetzen, für beide. Aber Romantik ist in dieser Erzählung nie eine Quelle des Glücks gewesen, sondern, weil sie unter dem Regime des brutalen Kapitols unmöglich ist, nur eine weitere für Schmerz.

Was der recht ruhige vorangegangene Teil der Reihe an wilder Action einsparte, verprasst diese finale Folge jetzt genussvoll. Die totalitäre Staatsmacht hat die gesamte Hauptstadt mit elaborierten Fallen gespickt. Selbstschussanlagen feuern minutenlange Salven ab, eine Flut aus Rohöl ergießt sich in einen Innenhof, und durch die Kanalisation jagen fürchterliche, augenlose Monster. Die Architektur der feindlichen Hauptstadt ist zusammengesetzt aus faschistoiden Fantasiehochhäusern und realen Gebäuden. Gedreht wurde zum Beispiel auf dem Gelände des Berliner Flughafens Tempelhof.

"Mit Jennifer Lawrence beginnt die Revolution"

Katniss' andere Jugendliebe Gale (Liam Hemsworth) ist der Dritte im Liebesdreieck. Er ist wütend, weil er die Frau, die ihm am Anfang noch sicher zu sein schien, verloren hat. Und er ist wütend auf die Herrschenden. So sehr, dass er nicht mehr daran denkt, irgendjemanden zu schonen, der auf der falschen Seite kämpft. "Auch wer dort nur den Boden wischt, hilft ihnen", sagt er. Kurz darauf beginnt ein Großangriff, bei dem Tausende sterben.

Indem er diesen Terror nicht ausspart, beschränkt sich der Film nie nur auf die Regeln des reinen Popcornkinos, obwohl er diese alle erfüllt, sondern er erzählt davon, dass man im Kampf gegen das Böse auch immer selbst die Seiten zu wechseln droht. Das "Panem"-Finale endet deshalb auch nicht am Tag des Sieges, sondern widmet sich noch den emotionalen Ausläufern dieser Kinorevolution, die als globales Popkulturphänomen ohnehin längst übers reine Kinoprodukt hinausweist.

Der Präsidentendarsteller Donald Sutherland hat in einem Interview gesagt: "Mit Jennifer Lawrence beginnt die Revolution" - und hat damit womöglich gar nicht mehr nur das Werk selbst gemeint. In Thailand war der "Panem"-Gruß des Films - die drei erhobenen Finger - im vergangenen Jahr das Erkennungszeichen derer, die gegen den ganz realen Militärputsch protestierten.

The Hunger Games: Mockingjay - Part 2, USA/Deutschland 2015 - Regie: Francis Lawrence. Buch: Peter Craig, Danny Strong. Kamera: Jo Willems. Mit: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Liam Hemsworth. Studiocanal, 137 Minuten.