Aby Warburg Der liebe Gott steckt im Detail

Einer der großen Anreger der Geisteswissenschaften: Aby Warburg wurde am 13. Juni 1866 und Hamburg geboren, er starb 1929.

(Foto: Via Bloomberg)

Er hat die Renaissance studiert und die Tänze der Pueblo-Indianer. Nicht Philologie interessierte ihn, sondern Psychohistorie. Vor 150 Jahren wurde Aby Warburg geboren, der die Bilderforschung erneuert hat.

Von Willibald Sauerländer

1947 - ich studierte im zweiten Semester Kunstgeschichte in München - fragte mich der Psychiater Hans Gruhle, ein gestandener Weimarianer: "Willibald, was machen denn die Warburg-Leute?" Ich konnte nur betreten schweigen, denn von Aby Warburg und dessen legendärer Bibliothek hatte ich noch nie etwas gehört. Die einheimischen Kunsthistoriker, die sich 1933 dem nationalen Rausch, 1945 der abendländischen Vergeistigung hingaben, hatten den methodischen Störenfried verdrängt. Warburg war 1929 gestorben. Die von ihm komponierte Bibliothek war 1933 nach London geflüchtet.

Wer heute über Warburg schreiben soll, steht vor einer entgegengesetzten Schwierigkeit. In den letzten Jahrzehnten ist Warburg zur mythischen Überfigur einer zur Bildwissenschaft entgrenzten Kunstgeschichte und einer globalen kulturellen Anthropologie geworden. In nahezu allen europäischen Sprachen und in Amerika ist eine Flut von Büchern und Artikeln über ihn erschienen. Jede weitere Äußerung tönt daher redundant. Umgekehrt ist es vielleicht an der Zeit, die verletzliche Gestalt dieses Erkunders der historischen Ausdruckskunde vor der Suada postmoderner Rühmungen zu schützen. Aber wer möchte sich das zumuten? Hier soll stattdessen von dem ganz ungewöhnlichen Leben dieses Forschers erzählt werden.

Ihm ging es nicht um Philologie, sondern um Psychohistorie

Aby Warburg wurde am 13. Juni 1866 als ältester Sohn einer angesehenen jüdischen Bankiersfamilie in Hamburg geboren. Sein jüngerer Bruder Max erzählte, dass der dreizehnjährige Aby ihm sein Erbrecht an der Bank abgetreten habe gegen das Versprechen, dass Aby sich jedes gewünschte Buch kaufen dürfe. Warburg wurde ein manischer Büchersammler, aber er war kein Bibliophiler. Er suchte nach jenen Büchern, die ihm auf seiner Wanderung durch das Nachleben der Alten Götter als Verkehrsmittel dienten. Nach dem Abitur am Johanneum lernte Warburg die Alten Sprachen nach. Im Herbst 1886 meldete er sich in Bonn zum Studium an. Er hörte Kunstgeschichte bei Ludwig Justi und Henry Thode, aber auch die Vorlesungen des Religionshistorikers Hermann Usener und des Wirtschaftsgeschichtlers Karl Lamprecht. Beide wurden wichtige Anreger für seine späteren Gedanken und Pläne. Während eines Sommersemesters, das der Kunsthistoriker August Schmarsow in Florenz abhielt, fand er das Thema für seine Dissertation: "Sandro Botticellis ,Geburt der Venus' und ,Frühling'. Eine Untersuchung über die Vorstellungen von der Antike in der italienischen Frührenaissance."

Die gelösten Haare und die im Wind flatternden Gewänder der weiblichen Figuren Botticellis trafen auf die Empfänglichkeit der Zeitgenossen des Jugendstils, auch Warburgs. Aber ihm ging es nicht um Mode und Geschmack. Er erblickte in dem lebendigen Beiwerk von Botticellis weiblichen Gestalten Symptome für den Einbruch der Antike in Dichtung und Malerei des mediceischen Florenz. Dabei ging es aber nicht mehr um "edle Einfalt und stille Größe", welche Winckelmann an den klassischen Gestalten bewundert hatte, sondern gerade im Gegenteil um den Impuls bewegten, ja leidenschaftlichen Lebens. Das war die psychohistorische Entdeckung des jungen Warburg, der sich dabei als ein empfänglicher Leser des frühen Nietzsche zu erkennen gab.

In unserer Studienzeit wurde Warburg, wenn überhaupt, als ein etwas sonderbarer Gelehrter wahrgenommen, der sich spitzfindig mit dem Nachleben der Antike beschäftigte. Gewiss hatte Warburg in seiner Dissertation minutiös gesagt, welche Inspiration Botticelli für seine bewegten Figuren von der gleichzeitigen Dichtung Polizians empfing. Aber schon in dieser Erstlingsschrift ging es Warburg nicht um Philologie, sondern um Psychohistorie. Welcher andere Renaissanceforscher hätte, wie er, Darwins Buch "Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den Tieren" als eine für seine Studien nützliche Schrift bezeichnet? Die "Ninfa Fiorentina", die bewegte weibliche Figur, die er bei Botticelli und Ghirlandaio entdeckt hatte, ließ ihn lange nicht los. In einem 1900 geschriebenen Text rief er aus: "Wer ist sie, woher kommt sie, habe ich sie schon früher, ich meine schon anderthalb Jahrtausende früher getroffen, ist sie von Altgriechischem Adel und hatte ihre Urgroßmutter ein Verhältnis mit Leuten aus Kleinasien, Egypten oder Mesopotamien?" Warburgs Traum von der "Ninfa Fiorentina" hat die Grenzen der okzidentalen Kultur überschritten: Die Ahnen der "Ninfa Fiorentina" sind im Orient zu finden. Er selbst war bei der Suche nach dem Nachleben der antiken Götter inzwischen zu den Sternen gelangt.

1900 hatte der Philologe Franz Boas sein Buch "Sphaera" (Himmelsglobus) veröffentlicht. Warburg war mit Boas befreundet, und dessen historisch-astrologische Forschungen haben in dem Kunsthistoriker das Interesse für das Nachleben der antiken Götter in den Sternbildern geweckt. Mit Boas "Sphaera" in der Hand folgte er den Wanderungen der astrologischen Figuren von Athen nach Kleinasien und dann wieder zurück ins europäische Mittelalter. Mit der Frucht dieser in die Welt hinausgreifenden Studie tritt Warburg 1912 vor den Internationalen Kunsthistorikerkongress in Rom.

Der überraschende Titel seines Referats lautete: "Italienische Kunst und internationale Astrologie im Palazzo Schifanoia zu Ferrara". Die Fresken Francesco Cossas in dem genannten Palast zeigen übereinander drei bildliche Zonen. Zuunterst erblickt man das irdische Treiben am Hofe Borso d'Estes, zuoberst die antiken Götter, in der mittleren Zone die Tierkreiszeichen, begleitet von den Dekanen der Fixsterne. Deren verwilderte Erscheinung führte er auf die "Sphaera Barbarica" des babylonischen Astrologen Teukros zurück. Warburgs weltumspannende Konjekturen haben der späteren Forschung nicht durchweg standgehalten. Bahnbrechend bleibt seine Forderung nach einer "methodischen Grenzerweiterung unserer Kunstwissenschaft in stofflicher und räumlicher Beziehung". Er beklagt die "grenzpolizeiliche Befangenheit", mit der sich "unsere junge Disziplin" den "weltgeschichtlichen Rundblick" versperre. Und er schließt: "Mir war es weniger zu tun um die glatte Lösung, als um die Heraushebung eines neuen Problems: In wieweit ist der Eintritt des stilistischen Umschwungs in der italienischen Kunst als Auseinandersetzungs-Prozess mit den nachlebenden bildlichen Vorstellungen der heidnischen Kultur der östlichen Mittelmeervölker anzusehen?" Von solcher Proklamation einer "methodischen Grenzerweiterung" ging nach 1960 die Warburg-Euphorie einer sich zur Bildwissenschaft entgrenzenden Kunstgeschichte aus. Sie hat Warburg als ihren Propheten und Messias gelesen.

Aber der noch heißere Zündsatz für die retrospektive Warburg-Euphorie war die legendäre Exkursion des Renaissanceforschers zu den Pueblo-Indianern im Südwesten Nordamerikas.

Ein Besuch bei den Pueblo-Indianern wurde zum Leitmotiv des Warburg-Mythos

Der biografische Anlass für die Reise nach Amerika war durchaus bürgerlich: Sein Bruder Paul heiratete in New York. Der Osten Amerikas langweilte ihn. So nutzte er seine Kontakte zum "Smithsonian Institute" in Washington, um eine Exkursion zu den Pueblo-Indianern in Arizona und Neu-Mexiko vorzubereiten. Der Schlangentanz der Indianer war 1895 längst Gegenstand der ethnografischen Forschung und wurde bald zum Schaustück folkloristischer Neugier. Den Schlangentanz hat Warburg selbst nicht beobachtet. Der "Psychohistoriker" ging von Florenz zu den Indianern, um bei ihnen die Ursprünglichkeit magischer Praxis kennenzulernen. In einem Diavortrag, welchen er nach seiner Rückkehr in Hamburg und Berlin hielt, erklärte er: "Was mich als Kunsthistoriker nun gerade die Pueblo-Indianer zu besuchen veranlasste, war, dass der Zusammenhang zwischen heidnisch-religiösen Vorstellungen und künstlerischer Tätigkeit nirgends besser zu erkennen ist." Retrospektiv ist im Zeitalter der kulturellen Globalisierung dieser Besuch bei den Indianern zum Leitmotiv des Warburg-Mythos geworden.

Warburg kehrt zu seinen Renaissanceforschungen zurück, weitet deren Thematik auf flandrische Teppiche und eine Zeichnung Albrecht Dürers aus, an der er seinen wichtigen Begriff der "Pathosformel" erläuterte. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs wühlte den national Gesinnten auf. Er suchte Italien vom Eintritt in den Krieg fernzuhalten. Als der Krieg zu Ende war, wurde er von einer Psychose befallen. 1921 trifft er in einem Salonwagen in Konstanz ein und wird für drei Jahre Patient in der Heilanstalt Ludwig Binswangers in Kreuzlingen. Eigentlich gehören solche privaten Einblicke nicht hierher. Aber bei Warburg war die schwer erkämpfte Befreiung aus der Psychose so unlösbar mit einer Vertiefung und magischen Wendung seines Denkens verbunden, dass sie sich nicht übergehen lässt.

"Saturn verschlingt seine Kinder nicht mehr, er ernährt sie."

Übermächtig taucht die Erinnerung an seinen Besuch bei den Pueblo-Indianern auf. 1923 hält er in der Heilanstalt einen Vortrag über die Rituale der Indianer, ihre kultischen Tänze, vor allem den Schlangentanz. Wie tief diese Beschäftigung mit dem Ritual der Indianer mit seinem persönlichen Leiden und Heilen verbunden war, belegt ein Zitat aus dem freilich unsicher überlieferten Kreuzlinger Vortrag. "Ich will, dass auch nicht der leiseste Zug blasphemischer Wissenschaftlichkeit in dieser vergleichenden Suche nach dem ewig gleichen Indianertum in der hilflosen menschlichen Seele gefunden werde. Die Bilder und Worte sollen für die Nachkommenden eine Hilfe sein bei dem Versuch der Selbstbestimmung zur Abwehr der Gespaltenheit zwischen triebhafter Magie und auseinandersetzender Logik. Die Konfession eines unheilbar Schizoiden, den Seelenärzten ins Archiv gegeben."

Nachgeschoben sei eine noch um 1960 erzählte Anekdote, welche das Ineinander von psychiatrischer Heilung und mythischer Erinnerung auf eine zu Herzen gehende Weise beleuchtet: "In seinen Taschen habe der Genesene Schokolade mit sich geführt, die er an Kinder verteilte und dabei sprach: ,Saturn verschlingt seine Kinder nicht mehr, er ernährt sie.'"

In seinen letzten Jahren zwischen 1924 und 1929 ging Warburg neue Wege. Um das Nachleben der Antike in Erinnerung zu rufen, verlässt er sich jetzt auf die in den Bildern - nicht notwendig Kunstwerken - gespeicherten Aussage-Energien. Auf schwarzen Tafeln versammelt er Fotografien. Die Spannweite der Themen reicht von astrologischen Handschriften bis zum Luftschiff, von der antiken Mänade bis zur Figur der Republik auf einer französischen Briefmarke. Warburg schwebte ein Atlas mit 2000 Bildern vor, dem er wie seiner Bibliothek den Titel "Mnemosyne" geben wollte.

Dieser Torso eines unvollendeten und wahrscheinlich unvollendbaren Atlas liegt als ein kaum integrierbares Fundstück zwischen einer in die Bildwissenschaften flüchtenden Kunstgeschichte und begehrlichen Nachbarwissenschaften. Am sensibelsten haben Künstler wie Boltanski mit ihren psychischen Assemblagen auf den Atlas Warburgs reagiert. 1929, kurz vor seinem Ende, hat er eine Einleitung zur "Mnemosyne" diktiert. Aber das ist ein schwieriger Text. Im Ohr bleibt einem das Wort "Entdämonisierungsprozess". Der Kampf zwischen Apollinischem und Dionysischem, der schon in der Botticelli-Dissertation präsent war, kommt nicht zur Ruhe.

Schließen wir mit einem leuchtenden Zitat, mit dem er seine Abhandlung "Heidnisch-antike Weissagungen in Wort und Bild zu Luthers Zeiten" beendete. "Athen will eben immer wieder neu aus Alexandria zurückerobert sein." So war Warburg, der ungewöhnliche Forscher und Sucher, der sich mit so viel Dunkelheit herumschlagen musste, am Ende doch ein Aufklärer.