Von Raphael Honigstein

Kein Hund beißt den anderen: Dass Murdoch-Blätter Handys abgehört haben sollen, wird in der britischen Presse kleingeschrieben - so ist das Geschäft.

Der Handy-Skandal wird dieses Wochenende vorübergehend ausgeschaltet: Das ganze Land konzentriert sich auf das zweite Cricket-Match zwischen England und Australien. Erst am Dienstag, wenn die Aussies ihre früheren Kolonialherren vermutlich wieder vernichtend geschlagen haben werden, wird der Kultur-, Medien- und Sportausschuss des Parlaments Manager und Journalisten von News International, der britischen Zeitungsgruppe des australischen Verlegers Rupert Murdoch, zu den Vorwürfen des Guardian vernehmen. Das liberale Blatt hatte vergangene Woche berichtet, dass Mitarbeiter der Murdoch-Titel Sun und News of the World systematisch Tausende Handys abgehört haben sollen.

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Wer lauscht denn da? Rupert Murdochs Blätter stehen im Verdacht, Handys abgehört zu haben. In der britischen Presse scheint das nicht der einzige Fall zu sein. (© Foto: rtr)

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Der frühere Chefredakteur von Murdochs Sunday Times, Andrew Neil, nannte die Story "eine der wichtigsten Mediengeschichten unserer Zeit". Die BBC widmet sich dem Thema ausführlich, und auch der parlamentarische Untersuchungsausschuss war bei der Befragung der Guardian-Journalisten Nick Davies und Alan Rusbridger nun mit Eifer bei der Sache. Nachdem die britische Presse den Parlamentariern monatelang mit Berichten über deren exzessiven Spesengebrauch zugesetzt hatte, genossen es diese sichtlich, einmal nicht selbst auf der Anklagebank zu sitzen. Ein Politiker zitierte vergnügt einen Artikel aus dem Independent, in dem der Guardian-Reporter Davies als Mann belächelt wurde, "der selbst in einem Glas voller Kaulquappen einen Skandal finden würde".

Eine Sichtweise, die in der Branche offenbar weit verbreitet ist. Denn trotz der schweren Vorwürfe gegen die Murdoch-Blätter schlägt der Skandal in der britischen Presse erstaunlich kleine Wellen, abgesehen vom Guardian. In anderen Zeitungen, auch den nicht von Murdoch kontrollierten Qualitätsblättern, wird die Story kleingeschrieben oder ignoriert.

Die Gründe dafür sind vielschichtig, im Wesentlichen gehen sie aber auf die alte Maxime zurück, dass in der Fleet Street, dem ehemaligen Sitz der Londoner Zeitungsindustrie, kein Hund den anderen beißt. Selbst Davies, der dem Ausschuss belastende E-Mails von News of the World vorlegte, weigerte sich, den Namen des Reporters zu veröffentlichen. Zudem will man Politikern, die seit langem eine Aufsichtsbehörde für "die vierte Macht im Staat" fordern, keine Vorlagen liefern. Auch er sei sehr für Selbstregulierung, sagte Guardian-Chefredakteur Rusbridger im Parlament. "Falls die Presse neuen Kontrollen unterzogen wird, wird sie jene neugierige Vitalität verlieren, die - trotz Fehlurteilen und Skandalen - britische Blätter kennzeichnet", sorgte sich ein Leitartikler im Daily Telegraph, dem Blatt, das den Spesenskandal im Parlament aufgedeckt hatte.

Datenschutzbericht: 13 000 Verstöße durch 305 Journalisten

In der britischen Zeitungsbranche befürchtet man zudem, dass bald - im Einklang mit Brüssel - ein Recht auf Privatsphäre festgeschrieben wird. Bisher gibt es in Großbritannien nur Beschränkungen für die Art der Informationsbeschaffung. Ein Reporter der News of the World und ein Privatdetektiv landeten 2007 im Gefängnis, weil sie Handy-Nachrichten der Königsfamilie abgehört hatten. Ein Einzelfall war das, entgegen den Beteuerungen von News International, wohl nicht. Schon Mitte der 90er Jahre wusste auf der Insel jeder Teenager, dass man durch die Eingabe von Pin-Codes die Nachrichten anderer Handybesitzer abhören konnte. Diese Praxis war auch nach dem Jahr 2000, als sie illegal wurde, in vielen Redaktionen verbreitet.

Während die Geschädigten davon meist ebenso wenig mitbekamen wie die Polizei, wandten (und wenden?) nicht nur die Sensationsblätter kriminelle Methoden an. Auch die seriösen Zeitungen haben mitunter wenig Skrupel, wenn auch aus anderen Beweggründen. "Es ist eine Grauzone", schreibt der Medienkolumnist Roy Greenslade im Evening Standard. Und sie werde noch grauer, wenn "ein außergewöhnlich hohes öffentliches Interesse" bestehe. Genau dies war etwa beim Spesenskandal im Parlament der Fall. Der Telegraph erwarb für die Story nachweislich gestohlene Daten und hätte wegen Hehlerei verurteilt werden können. Da die Enthüllung aber offensichtlich dem Gemeinnutz diente, sahen die Behörden von einer Strafverfolgung ab.

Ob ein Reporter in Großbritannien ein Verbrechen begeht, hängt weniger von den Mitteln als dem Ergebnis seiner Recherche ab. Man muss sich hier schon wegen des einzigartigen Konkurrenzdrucks ab und an die Hände schmutzig machen.

In der Branche wissen das alle, weshalb der Abhörskandal wohl nicht das große Murdoch-Gate wird, welches der Guardian gerne hätte. Die Boulevardblätter des Australiers betreiben zwar schamlosen Scheckbuchjournalismus und bezahlen laut der früheren Sun-Chefredakteurin Rebekah Wade selbst Polizisten für Tipps; die Konkurrenz schnüffelt aber ähnlich illegal herum. In einem Bericht des Unterhauses wurden im Dezember 2006 mehr als 13 000 Verstöße gegen das britische Datenschutzgesetz durch 305 Journalisten aufgelistet, die mit Hilfe von Detekteien Konten oder Krankenakten eingesehen hatten. Die meisten Aufträge kamen von der Daily Mail, wo 58 Reporter in 952 Fällen aktiv geworden waren; News of the World (19 Reporter, 182 Fälle) kam auf Platz vier. Der Observer, das Schwesterblatt des Guardian, landete mit 130 Fällen auf Rang neun. Alle kamen mit Verwarnungen davon.

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(SZ vom 17.7.2009/jeder)