Von Willi Winkler

Herzensindianer, Alabama-Cowboy, männliche Kameliendame: Zum 60. Geburtstag des großen Rockmusikers Neil Young.

Neil Young,AP

Neil Young: Schnürlhaariger Großvater und Patriarch einer weitverzweigten musikalischen Familie. (Foto: AP)

Das ist, Damen und Herren, die lehrreiche und manchmal sogar gespenstische Geschichte von Neil Young, dem Mann, der alles gesehen und es auch noch überlebt hat. Zur Nachahmung ist dieses infektuöse Leben nicht empfohlen, aber hören kann man ihn meist doch ohne Nebenwirkungen.

Es hätte nämlich auch ganz anders kommen können.

Ende 1975 tauchte aus dem Nichts Stephen Stills auf, der einfach nicht lassen mochte von seinem ärgsten Feind. Gemeinsam nahmen sie ein Album auf, das wieder einmal bei der Kritik durchfiel als "wenig inspiriert" und "weitere Unverschämtheit". Aber was wissen Kritiker schon, und von Musik, von reiner Musik verstehen sie doch rein gar nichts. Zusammen sangen die zwei ein falsettiges Duett, in dem sie sich eine gemeinsame Biografie erfanden, die ihr Paarleben so ideal schilderte, wie es leider nie war: "Long May You Run".

Well, it was back in Blind River in 1962
When I last saw you alive
But we missed that shift on the long decline
Long may you run.

Sie hätten es versäumt, sangen die beiden mit ihren dünnen Stimmen, auf dem langen Niedergang, dem langen Weg nach unten, rechtzeitig umzuschalten. Beide sind im Lauf ihrer Karriere immer wieder mustergültig gescheitert und waren nach allen Regeln des Musikgeschäfts mehrfach und jedes Mal endgültig erledigt, aber Neil Young hat aus dieser Serie von fiaskösen Niederlagen einen beispiellosen Triumphzug machen können, der auch mit sechzig noch nicht zu Ende ist.

Heute inszeniert er sich als schnürlhaariger Großvater, Patriarch einer zwischen LSD-, Country-, Blues- Schwermetall- und Grunge-Rock weitverzweigten musikalischen Familie, der dennoch nicht vergessen hat, dass er ein Outlaw ist und sich gegen die ganze Welt zur Wehr setzen muss.

Ein mustergültiges Rock'n Roll-Leben

Neil Young war schon immer älter und ist deshalb heute jünger als alle anderen Musiker aus den Sechzigern, die derzeit ins Rentenanspruchsalter drängen. Schon 1972, und da war er erst 26, wandte sich Young klagend an den "Old Man" und bat ihn um seinen Segen. So schnell verrinne die Zeit, er sei dann doch allein und auf dem Weg zu ihm, dem Alten. "Take a look at my life", flehte er, schau doch her zu mir! Diese jeremiadierende Aufforderung hat Neil Young in fast jedem seiner Lieder wiederholt, eine selbstbewusste Einladung, ihm beim Erwachsen-, dann beim Älterwerden zuzuschauen.

Und führte er nicht ein mustergültiges Rock’n’Roll-Leben? Geboren ist er 1945 weit weg von Nashville, New York und Los Angeles, nämlich im kanadischen Toronto, aufgewachsen, wo der Schlittenhund begraben liegt, weit weg in Winnipeg, dann doch noch rechtzeitig nach Kalifornien entkommen, wenn er auch, typisch der Stenz vom Land, unbedingt in einem Leichenwagen in Hollywood einrollen musste.

An der Westküste trug 1967 schon niemand mehr Blumen im Haar, dafür wurde alles geraucht und geschluckt, was nur reinpasste. Die Doors drohten mit ungeheuerlichen Einsichten ins eigene Ich, Janis Joplin trank sich auf der Bühne ihre mächtige Stimme an, Jefferson Airplane wünschte jedem einen zum Liebhaben, die notwendigen Pillen und ein weißes Kaninchen dazu, die Grateful Dead waren kaum zu sehen, weil sie hinter weihrauchdickem Marihuananebel auftraten, die Beach Boys führten ein gastfreies Haus, in dem jeder barfüßige Junkie willkommen war, solange er eine Wandergitarre umgehängt trug.

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