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Werte des Wachstums
Ethisch korrekter Konsum
02.05.2007, 13:47
Auf den ersten Blick legt der Titel "Die Moralisierung der Märkte" die Erwartung nahe, hier werde ein weiteres Lehrstück zum Thema "Wirtschaftsethik" vorgelegt. Weit gefehlt. Nico Stehr ist ein genauer Beobachter und Deuter von Veränderungen, die seit einiger Zeit besonders in konsumnahen Märkten auffällig geworden sind. Dem Leser wird - mit nachvollziehbaren Gründen - vorgeführt, dass und wie moralische Motive sowohl auf Seiten der Produzenten als auch der Konsumenten mehr und mehr in das Marktgeschehen eindringen. Hier scheint etwas vor sich zu gehen, was kein Lehrbuch der Wirtschaftsethik und keine Predigt gegen den Irrsinn des Konsumrauschs zustande brächten - eine Entwicklung, die einer offenen, demokratischen Bürgergesellschaft durchaus angemessen ist.
Zwei historische Umstände sind es, so Stehr, die eine solche Entwicklung angeschoben und strukturiert haben: der gewachsene Wohlstand weiter Kreise der Bürgerschaft in den entwickelten Gesellschaften und der Zuwachs an Wissen, welches den Einzelnen immer besser in die Lage versetzt, seine Entscheidungen und sein Kaufverhalten zu fundieren und selbstbewusst zu steuern. Dies ist, wie Stehr zu Recht betont, ein Trend, dessen weiterer Verlauf nur schwer vorhersagbar ist.
Aber nicht nur theoretische Herleitungen und Indizien, auch handfeste Fakten lassen ahnen, welch gravierende Veränderungen auf dem Weg sind und eine grundlegende Revision des traditionellen ökonomischen Marktschematismus erfordern. Stehr zeigt dies ausführlich und exemplarisch an der kurzen Geschichte des gestiegenen Umweltbewusstseins und der Biotechnologie, wo sich auf beiden Seiten des Marktes wirksame Entscheidungskriterien gebildet haben, teilweise unterstützt durch Politik und Gesetzgebung. Die Märkte moralisieren sich gewissermaßen selbst, gegen das konventionelle ökonomische Marktdenken und ohne Belehrungen von oben.
Dabei ist doch Konsum so was schönes. (Foto: AFP)
Die Schrift von Nico Stehr will mehr als nur zeigen, was geschieht und was sich daraus entwickeln könnte; sie bietet eine umfassende theoretische Einordnung der These von der Moralisierung der Märkte in die bekannten und immer gleichen Denkschemata und theoretischen Positionen der herrschenden neoklassischen Ökonomie und der Soziologie der Ökonomie. Die Moralisierung der Märkte ist ja nicht irgendeine beiläufige These, sondern eine zentrale Konfrontation gegenüber den Kernannahmen des ökonomischen Determinismus einerseits und den soziologischen Gegenpositionen der Kritik am modernen Kapitalismus andererseits. Deshalb der Untertitel: "Eine Gesellschaftstheorie".
Unter dem Stichwort "Die Herrschaft des Wirtschaftsmenschen" wird ein Cluster von Positionen unter die Lupe genommen, welche die gegenwärtigen Verhältnisse unter dem Gesichtspunkt der werteauflösenden Ökonomisierung der Gesellschaft diagnostizieren. Konträr dazu liegen Auffassungen, die "Vom Ende des Wirtschaftsmenschen" sprechen und auf eine wachsende Verleugnung der Überlegenheit ökonomischer Werte hinweisen, die die Tugenden kapitalistischen Wirtschaftens repräsentieren und dessen Erfolge bewirkt haben.
Kernpunkt der kritischen Auseinandersetzung mit diesen beiden Positionen ist die Frage, ob das herkömmliche Bild vom Markt als einem Gebilde der Begegnung zweier von antipodischen Interessen getriebener Gruppen von Marktagenten, nämlich den Produzenten und Konsumenten, der Wirklichkeit entspricht.
Insbesondere den Konsumenten wird unrealistischerweise von ökonomischer Seite attestiert, sie agierten aus einer Position der Souveränität heraus - das ist die von der neoklassischen Ökonomie behauptete Rationalität des Konsumenten, der seine Eigeninteressen wahrt. Für die ebenso unrealistische Gegenposition ist der Konsument in die Rolle eines Opfers geraten, das von der Übermacht der Konzerne überwältigt wird und das Marktgeschehen nur passiv hinnimmt - das ist die Sicht von Kritikern des modernen Kapitalismus.
Dem Leser wird detailliert dargelegt, worin die Schwächen beider Positionen liegen, nämlich in empirisch nicht haltbaren Grundannahmen über das Verhalten der Produzenten und Konsumenten. Der herrschenden Ökonomie wird vorgehalten, dass sie ihre Theorie auf eine produzentenbezogene Sicht reduziert und die Seite der Konsumenten mit der Prämisse rationaler Entscheidungskompetenz deterministisch verschließt. Ihr entgeht daher die gesamte Vitalität des gesellschaftlichen Geschehens auf der Seite der Nachfrage, und sie erkennt nicht die Hebelwirkungen, die Konsumenten selbst dann entfalten können, wenn sie sich nur indirekt und unorganisiert zu den Angeboten der Produzenten äußern.
Wer mit Marktforschung vertraut ist, wird den kritischen Vorbehalt gegen den ökonomischen Determinismus bestätigen können: Alles, was hinter dem Vorhang der für ausgemacht gehaltenen Souveränität des Konsumenten und der Annahme zumindest tendenziell rationalen Kaufverhaltens geschieht, bleibt außerhalb des ökonomischen Fokus. Folglich treten Wirkungen des Marktgeschehens, die darüber hinausreichen - bis weit in die gesellschaftliche Praxis hinein - gar nicht erst in Erscheinung.
Auf Seite 2: Warum ökonomische Theorien die Realität der Märkte nicht erfassen.
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![]() 06.05.2007 04:49:41 Bundeskanzleuse: UNGLAUBLICH!!! ..ich selber hatte um Löschung gebeten, Nico Stehr darf man nicht im Affekt angreifen, sondern ausschließlich gezielt! Handlanger a la Bendixen inklusive! Bundeskanzleuse ![]() ![]() Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage. |
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